die besten trinken aus könnte fast Sven Regeners Lebensmotto sein

Fotos: Edgar Rodtmann/laif

Mit dem Unterschied zwischen Flaschen- und Fassbier verhält es sich nämlich so: Das eine geht schnell, das andere langsam. Das eine wird ex und hopp getrunken, das andere ist das "gepflegte Pils". Das eine kommt also vom Punk her, ist die Fortsetzung des Dosenbiers mit anderen Mitteln, das andere wird von Leuten konsumiert, zu denen man auf keinen Fall dazugehören möchte. "Der entscheidende Unterschied aber", sagt Sven Regener und schaut angriffslustig durch seine dicken Brillengläser, was er immer dann tut, wenn das Gespräch auf eine Pointe zusteuert, auch wenn nur er selbst sie als solche erkennt, "der entscheidende Unterschied ist der zwischen den Kneipen mit und denen ohne weiße Gardinen". Punkt. Sollte morgen die Welt untergehen, wäre wenigstens das geklärt.

Klärungsbedarf besteht reichlich an diesem Vormittag im Altwestberliner Café Einstein – bei Kaffee und Mineralwasser, denn es ist ja noch früh. Nicht zu früh allerdings, um nicht bereits einen Diskurs über feine Demarkationslinien des Wirklichen zu führen. Derlei Disputationen sind Regeners Spezialität, seine Topdisziplin ist es, anderer Meinung zu sein. "Jaaaahhh", sagt er, wenn wieder so ein Punkt erreicht ist, "da seh ich leider keinen zwingenden Zusammenhang." Oder: "Da steckt mir zu viel Subtext drin." Subtext ist sein drittliebstes Wort. Sein zweitliebstes ist Quark, norddeutsch in die Länge gezogen, man soll ruhig hören, dass hier ein Bremen-stämmiger Ex-Hamburger Wahl-Berliner spricht. Sein Lieblingswort ist Käse. Dies oder jenes sei natürlich vollkommener Käse, sagt er dann. Das ist aber nicht bös gemeint. Regener nimmt die Sache spielerisch ernst: Man muss doch testen, wer einem da gegenüber sitzt.

Typisch Regener: "Wo deine Füße steh’n, ist der Mittelpunkt der Welt"

Es stimmt, was ihm nachsagt wird: dass es sich um einen Menschen handelt, der das Ausdiskutieren von Standpunkten liebt. Dialektische Volten, die anderen Kopfzerbrechen bereiten würden, sind Sven Regener ein Leichtes, und dass "man manchmal so’n bisschen auch Korinthenkacker" ist, gehört dazu, zumal es in diesem Fall um die Promotion einer Herzensangelegenheit geht: Element of Crime, seine Band, hat eine neue CD am Start. Es ist die erste, seit er vor vier Jahren eine überaus erfolgreiche Zweitkarriere als Schriftsteller begann. Eine seltsame, immer noch ungewohnte Situation, in so kurzer Zeit prominenter geworden zu sein als in all den Jahren zuvor mit den anderen. Das sagt Regener zwar nicht. Schlagzeuger Richard Pappik sitzt mit am Tisch, brummelt hin und wieder Kommentare in die Luft – der Generalbass unterhalb Regeners gut gelauntem Trompetenton. Der unsichtbare Dritte im Raum jedoch heißt Frank Lehmann.

Lehmann, das Kultphänomen. Der Held des Alltags, dem zum Mauerfall nur einfiel: "Ach du Scheiße." Lehmann, der, wenn er sich nicht gerade von Kristall-Rainer die Geliebte ausspannen lässt, sein Leben als Nachtgestalt am Tresen verbringt. Regener hat ihn erfunden, nun wird er den Typen nicht mehr los. Bis heute schmerzt es ihn, dass seine Romanfigur im Klappentext als "Zapfer" bezeichnet wurde, ohne dass der Verlag das mit ihm abgesprochen hätte. Da wäre der Herr Lehmann doch nie reingegangen, in diese Berliner Eckkneipen, deren Gardinen in Wirklichkeit natürlich nicht weiß, sondern gelb waren vom Nikotin. Überhaupt Eckkneipe! "Absoluter Käse", sagt Regener. Eckkneipe, das hieß Molle und Korn, Springer, Terror der Norm. Damals, als er sich noch häufiger selbst die Nächte um die Ohren schlug, war das jedem vernünftig denkenden Menschen klar. Inzwischen muss man den Leuten wieder ein Lied davon singen.

Mittelpunkt der Welt heißt die neue Element-of-Crime-CD, doch was ist das für eine Mitte, in der nichts von dem vorkommt, was gemeinhin als wichtig angesehen wird? Weltlage, Politik, Titel, Thesen, Temperamente – kein Thema in den zehn Stücken, die in stoischer Ruhe ihre Kreise ziehen. Stattdessen herrschen zentrifugale Stimmungslagen, in deren Grenzen die Band tut, was sie immer tut: den Sänger auf seinen Gedankenflügen begleiten. Ins Land, wo die Neurosen blühen, führt die Reise oder auch nur zu Getränke Hoffmann nebenan, die Gitarre tut ihren Job, das Schlagzeug hinkt, das ganze Ensemble scheppert sich gekonnt, aber ungekünstelt voran, und irgendwann geht, wie schon oft zuvor bei Element of Crime, die letzte Straßenbahn. "Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß" – derlei gut über die Zunge gehende Notate finden sich alle taktlang, lakonisch vors Volk geworfene Alltagsaphorismen, die zugleich umreißen, worum es hier geht: um den Kontrast, der das Große und Ganze in seine Relationen weist. Möglicherweise sind die Arrangements diesmal etwas unklaustrophobischer geraten, alles atmet mehr Grandezza, Farbfilm statt schwarzweiß. Man meint, Geisterbüsche über staubige Straßen wehen zu sehen, doch erst im letzten Lied lüftet sich das Geheimnis des Titels: "Wo deine Füße steh’n, ist der Mittelpunkt der Welt." Ein schöner Satz. Ein typischer Regener-Satz. Ein Satz, wie ihn sich auch der Herr Lehmann nachts um drei auf dem Nachhauseweg ausgedacht haben könnte. Wie es ihm dabei ging, wollen wir uns lieber nicht ausmalen.

Manche haben diesen lehmannesken Zug in Regeners Schaffen als geistige Idylle kritisiert, aus deren selbst verschuldeter Beschränkung kein Weg herausführt. Andere behaupten, gerade in der Konzentration aufs Randständige würden die ewigen Menschheitsfragen verhandelbar: Liebe, Alkohol und Tod. Ersteres ärgert Regener, Letzteres überlässt er den professionellen Deutern und Spökenkiekern. Sollen die doch rausklamüsern, was er sich dabei wieder gedacht hat. Wenn er gerade seine Spendierhosen anhat, gibt er den ein oder anderen Hinweis, denn Selbstbewusstsein, das hat er, sollten die Leute draußen im Land den Eindruck gewinnen, der Regener sei ein ganz schöner Angeber – "schadt ja nix". Insgesamt aber hält er den Ball lieber flach. Immer gleich über die Republik zu reden, den Staat, die Epoche – da wird man doch bloß "in Geiselhaft genommen" für Dinge, auf die man keinen Einfluss hat, da steckt letztlich viel zu viel Subtext drin. Regener schaut zu Schlagzeuger Pappik. Der nickt bloß: Stimmt, so sind wir.