Bruce Herbert ist ein Mann, der die Ordnung schätzt. Als die Kellnerin seinen Teller abräumt, sind die Pommes, die er nicht gegessen hat, parallel ausgerichtet. Bruce ist stattlich, mit welligem Haar und gut gebräunter Haut. Er ist Fan und Sammler des amerikanischen Malers Thomas Kinkade, der sich als "meistgesammelter Künstler der Nation" bezeichnet. Kinkades Bilder von reetgedeckten Cottages mit milden Bächlein und summenden Gärten hängen in jedem zehnten amerikanischen Haushalt. Kunstkritiker verabscheuen die historisierenden Landschaftsidyllen mit Namen wie Victorian Evening oder The Blessings of Autumn zwar als reaktionären Kitsch, aber das kümmert Bruce nicht. Kinkade wurde 1958 in einer kalifornischen Kleinstadt geboren und lebt heute südlich von San Francisco.

Vor zwei Jahren hat Bruce mit seiner Frau eine Sonntagsausfahrt gemacht und dabei eine Siedlung entdeckt, die ihn von weitem an eines der Gemälde von Kinkade erinnerte. "Die Vision einer einfacheren Zeit", wie Kinkade sie auf jedem seiner Bilder von neuem malt. Wunderbarerweise war das, was Bruce sah, real. "The Village – a Thomas Kinkade Community" stand auf einem Schild in der Nähe eines besonders schönen Hauses, an dessen Ecken der Putz den Blick auf eine grobe Steinmauer freigab. Kein Jahr später hatten Bruce und seine Frau das Haus verkauft, in dem sie fast dreißig Jahre lang lebten. Seither wohnen sie im Village und sind glücklich wie nie. Bruce sagt: "Es war wie sterben und in den Himmel kommen." Vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass um das Village ein meterhoher schwarzer Eisenzaun gezogen ist, den nur überwinden kann, wer den Code des Eingangstores kennt. Das Village ist die einzige gated community – eingezäunte Gemeinde – in der Masterplan-Siedlung Hiddenbrooke, knapp eine Stunde nördlich von San Francisco. Eingezäunte Gemeinden gibt es Tausende in den Vereinigten Staaten. Aber noch keine wurde nach den historisierenden Fantasien eines Genremalers des 21. Jahrhunderts gestaltet.

Am Horizont sieht man gelb gedörrte kalifornische Hügelketten, wenn man sich Hiddenbrooke nähert. Die altertümlichen Häuser der Siedlung erscheinen in einer Talebene, still und anmutig wie eine Geisterstadt des Wilden Westens. Obwohl man es schon besser weiß, beginnt die Fantasie zu greifen: Wer hat hier einmal gewohnt, was war das Schicksal dieses Ortes? Man bemerkt zwischen den Häusern eine pralle Rasenzunge und bekommt die unamerikanische Lust, spazieren zu gehen. Dann sieht man, dass das Grüne ein Golfplatz ist und die Geisterstadt frisch gestrichen. Dass jedes der altmodischen Häuser die gleiche Größe hat und keines irgendeine Narbe der Zeit trägt. An einem Ausläufer des Greens sieht man ein Reh, das unbeeindruckt vom Auto grast. Zuerst hat man nach der ganzen kalifornischen Weite aufgeatmet, weil hier die Proportionen europäischer sind. Jede Ecke erinnert einen entfernt an etwas. An französische Dörfchen, an englische Mittelalterstädtchen. Nun geht man vorsichtig durch die Straßen und hält sich auf dem Bürgersteig, obwohl kein Auto kommt.

Bruce Herbert wohnt im Haustyp Winsor, lindgrün, Eingangstür links. Wenn er an die Außenmauer klopft, klingt es hohl. Die Wände sind aus Pressholz, wie überall im Village, in Hiddenbrooke, in Kalifornien. Je nach Geschmack und Vorschrift werden sie mit einer dünnen Schicht Stein, mit einem Fachwerkfilm oder mit Schindelpaneelen überkront. "Wir können hier nicht in Stein bauen wie ihr Europäer, wegen der Erdbeben." Bruce lächelt ungerührt. "Und kalt wird es hier auch nicht." Er klopft noch einmal. "Für uns ist das stabil genug. Nur wenn ein Golfball hineinfliegt, gibt es ein Loch." Schäden durch Golfbälle sind neben Falschparkern das Hauptärgernis im Village. Einige Häuser liegen in der Einflugschneise von Anfängerbällen und werden im Jahr 30-, 40-mal getroffen. Wenn er einen Verursacher erwischt, zwingt Bruce ihn, eine Schadensanerkennung zu unterschreiben. Zur Sicherheit hat er einen solchen Vandalen kürzlich auch noch fotografiert, "der kam mir komisch vor". Unter anderem deshalb, weil dessen Frau zu Bruce gesagt habe, es sei auch nicht gerade schlau, direkt am Golfplatz zu wohnen.

Im Innern saugt der Teppichflor jeden Ton auf. Die kleinen Zimmer sind komplett mit dunklen Stilmöbeln eingerichtet. "Meine Frau liebt das Putzen", sagt Bruce. Auf einem Foto im oberen Stockwerk lächelt sie neben ihm, jetzt ist sie gerade nicht zu Hause. Das erste Kinkade-Bild hängt unten im Eingang. Ein liebliches Landhaus, aus dessen Fenstern warmes Kerzenlicht quillt. Dafür ist Kinkade so berühmt, dass er sich selbst den gesetzlich geschützten Namenszusatz "Painter of Light" – Maler des Lichts – verliehen hat. An allen Wänden hängen solche Motive. Es sind keine Originale, denn Kinkade verkauft nur Kunstdrucke seiner Werke. Bruce besitzt die hochwertigste Variante: von offiziellen "Highlightern" wurden einzelne Stellen von Hand mit Farbe versehen.

Das Village ist der teuerste Teil von Hiddenbrooke. Die Häuschen kosten etwas mehr als eine halbe Million Dollar, hier lebt die Mittelklasse. Dazu kommen im Monat 150 Dollar für den Unterhalt der Straßen, für den die Bewohner der eingezäunten Gemeinde selbst aufkommen müssen. Als die Kinkade-Siedlung 2001 eröffnet wurde, reisten Tausende von Gästen aus dem ganzen Land an. Danach hörte man nur noch, dass die zuständige Abteilung der Vermarktungsfirma komplett entlassen wurde, weil sich die Häuser zu schleppend verkauften. Kinkade selbst hat sich seither im Village nicht mehr blicken lassen.

"Das hier ist ein Ort, der gerade zu leben beginnt", sagt Paul Norberg. Norberg wohnt außerhalb des Eisenzauns und ist Präsident der Hiddenbrooke Community Association. Dieser Verein von Freiwilligen kümmert sich seit kurzem um das Gemeindeleben des Village und von ganz Hiddenbrooke, organisiert neue Mülleimer, die Reparatur des Wasserfalles an der Dorfeinfahrt, die Picknickpartys, die manchmal stattfinden, und auch den Aufbau eines privaten Schulbetriebes, der allmählich nötig wird, weil immer mehr junge Familien nach Hiddenbrooke ziehen. Bisher werden die Kinder in Vallejo unterrichtet. Aber die Stadt ist pleite, und entsprechend schmuddelig ist die dortige Infrastruktur. Im Village gibt es, anders als auf Kinkades Bildern, keinen Krämerladen, keine Post, keine Kirche. Das enttäuschte am Anfang die Interessenten. Das ganze Gebiet von Hiddenbrooke ist als residential only- Zone erschlossen worden, Gewerbe ist untersagt. Aber Pauls Verein engagiert sich für ein Geschäftszentrum mit kleinen Läden, das bald gebaut wird. "Irgendwann gibt es hier vielleicht sogar ein Hotel." Noch ist das Clubhaus mit dem Restaurant, einer Golfboutique und einem Swimmingpool das Zentrum. Der schwarze Zaun des Village grenzt direkt an den Parkplatz, Bruce wohnt wenige Schritte dahinter, und wenn er das Kinkade-Idyll sehen will, muss er in die andere Richtung schauen.

"Wir haben viel mehr Freunde, seit wir hierher gezogen sind", sagt Paul. "Wir nicht", brummt Bruce. Er ist kein besonders geselliger Typ. Obwohl es ihm hier gerade deshalb so gut gefällt, "weil es jeden Tag etwas zu erleben gibt". Fast täglich kommt er zum Clubhaus herüber, wo er an Versammlungen teilnimmt oder die Golfer beobachtet. Manchmal feiern auch Gäste von auswärts im Saal eine Hochzeit. "Das höre ich dann in meinem Wohnzimmer. Stört mich weniger als die Golfbälle."