Woran ist Jil Sander gescheitert? – Seite 1

Jil Sander wurde 1943 als Heidemarie Jiline Sander in Wesselburen/Dithmarschen geboren und wuchs bei ihrer Mutter in Hamburg auf. Nach einer Ausbildung zur Textilingenieurin studierte sie zwei Jahre lang am University College in Los Angeles. 1963 begann sie, in Hamburg als Modejournalistin zu arbeiten – zuerst bei »Constanze«, dann bei »Petra«. 1973 entstand ihre erste Damen-Kollektion, die der Grundstein für die Weltmarke Jil Sander geworden ist

In allen Jil-Sander-Geschäften der Welt treffen dieser Tage die letzten Teile der Herbst/Winter-Kollektion ein – entworfen von einem Team, das die Lücke füllt, die Jil Sander nach ihrem abrupten Abschied als Designerin hinterließ. Der Übergang scheint sanft und unspektakulär: Schmale Kleider mit hoher Taille, klassische Anzüge, unverfängliche Pullover. Vordergründig hat sich nichts verändert. Streift man jedoch einen Mantel oder eine Jacke über, spürt man ungewohntes Volumen in den Schultern und wundert sich über die aufgeblähte Silhouette. Klammheimlich sind die charakteristisch schmalen Passformen der proportionssüchtigen Jil Sander gängigen Konfektionsgrößen angeglichen worden. Was auf dem Bügel noch aussieht wie Sander-Mode, ist in Wahrheit der endgültige Bruch mit Jil Sanders reiner Lehre.

Fast genau ein Jahr ist vergangen, seit Jil Sander und Helmut Lang dem Prada-Konzern ihre Mitarbeit aufkündigten. Seither hüllen sich beide Designer in Schweigen. Helmut Lang, so ist zu hören, baut auf seinem Grundstück auf Long Island Hühnerställe und will bis Ende des Jahres darüber nachdenken, ob sein Abschied als Modedesigner endgültig ist. Jil Sander hat sich in Berlin eine Wohnung gekauft. In Hamburg, nach wie vor ihr Hauptwohnsitz, richtete sie sich ein Büro in der Innenstadt ein. Es heißt, sie wolle ihre Biografie veröffentlichen, finde aber keinen Autor ihres Gefallens. Andere sagen, sie bereite den Rückkauf ihres Unternehmens vor.

Natürlich bleiben die Gerüchte unbestätigt. Den Wunsch nach einem Gespräch lehnt Sander mit der Begründung ab, sie gebe seit ihrem Austritt bei Prada prinzipiell keine Interviews. Die hat sie allerdings schon immer gehasst – in den drei Jahrzehnten, in denen sie die Marke, die ihren Namen trägt, erfolgreich führte, ließ sie Journalisten nur dann vor, wenn sie Neues lancierte. Fototermine empfand die Frau, die jahrzehntelang mit ihrem eigenen Gesicht geworben hat, als Qual.

Als sie anfing, war ihr Stil revolutionär

Jil Sander ist weltbekannt für ihre edle und reduzierte Mode, die sie in einer Zeit entwickelte, als Minimalismus noch etwas Revolutionäres war. Und sie ist bekannt dafür, dass sie alles selber kontrollieren will – vor allem das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihr macht. Sie lässt alte Filmaufnahmen, in denen sie einen unvorteilhaften gelben Blazer trägt, aus einem Fernsehporträt herausschneiden und kauft Bildrechte, um zu kontrollieren, welche Fotos von ihr im Umlauf sind. Jil Sander traut nur einem Urteil, dem eigenen, und plant alles bis ins letzte Detail – ihre öffentliche Person mit eingeschlossen. Indem sie Informationen über sich rigoros verknappte, förderte die Designerin systematisch den Mythos der unerreichbaren, scheuen, ätherischen Kreativen. Warum trat die größte deutsche Modedesignerin ab? Versuch einer Rekonstruktion.

Eines ihrer Lieblingsbücher, antwortete Jil Sander mal in einem Fragebogen, sei der Roman Bildnis einer Dame von Henry James. Das Buch ist kein schlechter Ausgangspunkt für eine Annäherung. Stets plante sie ihre Entwicklung, wünschte ihre Vervollkommnung und beobachtete ihre Fortschritte, heißt es über die Hauptfigur Isabel Archer – eine idealistische junge Amerikanerin aus dem 19. Jahrhundert, die zum ersten Mal nach Europa kommt. Dort erbt sie unverhofft eine Menge Geld. Das Geld macht sie zum Opfer einer Intrige, die in einer Ehe resultiert, an der sie zu zerbrechen droht. Ihr Leben sollte stets mit dem gefälligsten Eindruck übereinstimmen, den sie nur hervorbringen könnte. Sie wollte das sein, was sie schien, und als das erscheinen, was sie war.

Woran ist Jil Sander gescheitert? – Seite 2

Auch in Jil Sanders Leben gab es Gönner – etwa solche, die ihr zu Beginn ihrer Karriere mit Darlehen aushalfen. Angelica Blechschmidt, langjährige Chefredakteurin der deutschen Vogue, sagt über Sander: »Jil hat zwei konträre Seiten. Einerseits ist sie ein hilfloses Kind, jeder will sie beschützen und ihr etwas Gutes tun. Sie war immer wunderbar eingebettet in einen Kreis von Menschen, die ihr halfen – rechtlich, finanziell, was auch immer. Andererseits war sie in Verhandlungen kompromisslos und steinhart.« Blechschmidt lernte Sander Mitte der sechziger Jahre bei der Zeitschrift Constanze kennen. Sie selbst arbeitete in der Grafik, Sander war Moderedakteurin. Damals war Deutschland modisches Brachland – es gab kaum Designer oder Boutiquen, sondern hauptsächlich Massenkonfektion. Ihre Arbeitskontakte brachten der gelernten Textilingenieurin Sander kleine Aufträge von Modefirmen ein – sie entwarf hier ein paar Jacken, dort ein paar Hosen und irgendwann die erste eigene Kollektion.

Es folgte eine eigene Boutique, in der sie eigene Sachen verkaufte und solche von Pariser Designern wie Thierry Mugler und Sonja Rykiel. Unternehmerisch näherte sie sich öfter dem Abgrund. Privat führte Sander, eine zart gewachsene, klassisch blonde Schönheit, ein scheinbar unbeschwertes Leben. An den Wochenenden fuhr die in späteren Jahren als besessene Arbeiterin bekannte Designerin regelmäßig mit Freunden aufs Land. »Wir waren manchmal zehn, zwanzig Leute, jeder fand irgendwo einen Platz im Garten, und am Abend wurde gemütlich gekocht, alles war oberrelaxed«, erinnert sich Angelica Blechschmidt. »Ich machte ein Foto von Jil, da steht sie auf einem Spaten.« In Hamburg führt Sander ein reges gesellschaftliches Leben, gibt mondäne Partys und ist gern gesehener Gast bei Prominenten. Auf einer Party lernt sie Peter Schmidt kennen, einen jungen Designer, der es wie Jil Sander später zu Weltruhm bringen sollte. Heute lebt Schmidt in einem schneeweißen Hamburger Stadthaus, in dem die Empfangsräume kühlschrankkalt temperiert sind, damit die Kunstsammlung des Hausherrn – kostbare Exponate aus Asien und Afrika – keinen Schaden nimmt. In den vergangenen Jahren ist er so etwas wie ein unautorisierter Sprecher Jil Sanders geworden, denn im Gegensatz zu vielen anderen Weggefährten hat er keine Scheu, sich öffentlich über sie zu äußern. Sander verübelt ihm das, die beiden haben momentan keinen Kontakt. »Als ich Jil kennen lernte, war ich gleich von ihr verzaubert. Sie fragte: ›Machen Sie mir ein Logo?‹«, erzählt Schmidt. Er entwarf den berühmten Jil-Sander-Schriftzug aus klobigen schwarzen Buchstaben auf weißem Grund und die Flakons für ihre ersten Düfte, deren schnörkellose, sachliche Präsentation damals eine kleine Revolution war.

Wir wollen ohne Zögern einräumen, dass Isabel sehr leicht der Sünde der Selbsterhöhung zum Opfer fiel; (…) sie war gewohnt, meist schon nach flüchtigem Augenschein zu behaupten, sie habe Recht, und zuweilen streute sie sich selber Weihrauch, schrieb Henry James über Isabel Archer. »Jils Geschichte ist die Geschichte einer Idealisierung. Alles Authentische wurde wegstilisiert, nichts an ihr ist echt. Ihre Schüchternheit ist gespielt und ihr Horizont eigentlich sehr eng«, sagt Peter Schmidt über Jil Sander.

Im Laufe der siebziger Jahre entwickelte die Designerin instinktiv jenen Stil, der ihr über die Jahre Weltruhm bringen sollte – eine strenge, körpernahe Mode, die mit allem dekorativ Überladenen bricht und jedes Klischee von Weiblichkeit weit hinter sich lässt. Jil Sander erfand so etwas wie den »New Look« der ersten Generation berufstätiger Frauen, die die Führungsetagen eroberte: Perfekt geschnittene Anzüge aus immer neuem federleichten Material. Kaschmir. Luxuriöse Schlichtheit – alles noch nicht dagewesen. 1975 versuchte sie den Sprung nach Paris – und scheiterte mit ihrem Defilee dort gnadenlos. Zu stark war der Gegensatz von Sanders priesterlicher Strenge und dem damals gefeierten Vulgärschick aus schwarzem Leder und breiten Schultern von Designern wie Claude Montana und Thierry Mugler.

»Jil Sander war in ihrer Arbeit immer ein bisschen frühreif. Sie ging als erste Designerin an die Börse und entwickelte früh Düfte«, sagt die Galeristin Carla Sozzani aus Mailand. Anfang der neunziger Jahre orientierte sich Sander nach Italien. Dort schätzt man ihren nüchternen Stil und ihren kenntnisreichen Umgang mit Stoffen. »Paris steht für eine verrückte Art von Kreativität, Mailand für eine bodenständige«, sagt Sozzani, »die Qualität der Produktion ist hier viel besser als anderswo.« Kein Wunder, dass sich die fanatische Perfektionistin Sander dort wohlfühlte. Sie hatte etwas Stolzes und Reines an sich – etwas Kaltes und Trockenes hätte ein unerwünschter Bewerber mit der nötigen Analysierungsgabe es nennen können , schrieb James über Isabel. Als stolz und kühl gilt auch Jil Sander, der die nüchterne Geschäftswelt Mailands mehr entspricht als die verspielte Sinnlichkeit von Paris.

Anfang der achtziger Jahre verschaffte ein Vertrag mit der Kosmetikfirma Lancaster der Designerin den Durchbruch. Lancaster lancierte jene berühmte Image-Kampagne mit dem Gesicht Jil Sanders – eine damals völlig neue Art der Werbung – und machte Sanders Namen schlagartig international bekannt. Mit den Einnahmen aus den Kosmetikverträgen konnte Sander erstmals im großen Stil Anzeigen für ihre Mode schalten. Wie Armani, Gaultier, Lagerfeld, Joop, Romeo Gigli, Rei Kawakubo, Azzedine Alaia, Martin Margiela rüstete sie sich in diesen Jahren zum Erfolg. Die achtziger Jahre waren das Jahrzehnt der kreativen Unabhängigkeit.

Woran ist Jil Sander gescheitert? – Seite 3

Vor allen anderen ging sie an die Börse

Die goldenen Jahre währten nicht ewig – Industrialisierung und Globalisierung erfassten auch die Modebranche. Wer jetzt Erfolg haben wollte, musste global denken und sich nach starken Partnern umsehen. Wie in anderen Branchen begann auch in der Luxusgüterindustrie ein Prozess der Konzentration: Vor allem die Luxus-Konglomerate PPR und LVMH kauften in den neunziger Jahren einzelne Firmen auf und veränderten gründlich die Branche. Wer jetzt als Designer seine Unabhängigkeit wahren wollte, musste kämpfen.

Jil Sander hatte früh erkannt, dass ihre Marke global werden musste: 1989 brachte sie ihr Unternehmen an die Börse, das so gewonnene Kapital nutzte sie für die Expansion nach Amerika und Asien, wo ihre Mode enthusiastisch aufgenommen wurde. Später folgten gigantische Flagship-Stores in Tokyo und New York – architektonische Monumente, deren Errichtung Millionen verschlang. Jil Sander war jetzt, in der ersten Hälfte der neunziger Jahre, auf dem Gipfel des Erfolges angekommen – ihr Name stand für eine Lebenshaltung. Reinheit, Klarheit, Authentizität waren Kennzeichen, die perfekt zum androgynen Zeitgeist passten. Überall auf der Welt erkannten sich Sander-Frauen gegenseitig am Gespür für Form und Qualität.

Dann ging es bergab. Ab Mitte der Neunziger sanken die Erträge. Schuld waren die Asien-Krise und eine neue Herrenlinie, deren Start Jil Sander 1997 mehrfach veschoben hatte. Hinzu kam eine gewisse Müdigkeit der Designerin, was die geschäftliche Seite ihres Unternehmens betraf. Am liebsten hätte sie sich ganz aufs Design konzentriert.

»Ich war jahrzehntelang eine fanatische Sander-Frau und habe nichts anderes getragen«, erzählt eine Hamburger Unternehmerin, die mit Jil Sander seit dreißig Jahren privat bekannt ist. »Aber irgendwann wurde mir die Mode zu schlicht. Da schmückte gar nichts mehr, das war nur noch für ganz wenige Frauen attraktiv.« Über Sander sagt sie: »Jil ist eine sehr selbstbewusste Frau mit wenig kritischer Ich-Funktion. Sie ist extrem überzeugt von sich selbst und dem, was sie tut.« Das Verlangen in ihr, von sich selbst nur freundlich zu denken, war unbezähmbar .

Erstmals führte sie ein Leben mit Muße

Woran ist Jil Sander gescheitert? – Seite 4

Im September 1999 verkaufte Jil Sander die Aktienmehrheit ihres Unternehmens an Prada. Sie hatte keine Wahl, sie brauchte einen Partner. Sander fühlte sich so befreit, dass sie nach der Vertragsunterzeichnung angeblich mit ihrer langjährigen Lebensgefährtin Dickie Mommsen in Mailand zu McDonalds ging. Doch schon vier Monate später gerieten der rustikale Prada-Chef Patrizio Bertelli und die stolze Norddeutsche aneinander, es kam zum Bruch. Der Grundkonflikt der beiden liegt in den Produktionskosten: Bertelli möchte vielen kleinen Betrieben, die für die Firma zum Beispiel in Handarbeit Schuhe nähen, Pailletten sticken oder Seide bemalen, die Verträge kündigen und kostengünstig in den Prada-Betrieben produzieren lassen. Sander fürchtet Qualitätseinbußen und sperrt sich gegen Sparpläne. Vor allem rüttelte Bertelli an einem Tabu: Er drängte darauf, die Passformen zu ändern – also die berühmte schmale Sander-Silhouette Durchschnittsgrößen anzupassen. Die Designerin lehnte ab.

Im Januar 2000 schmiss Sander ihren Job als Kreativdirektorin hin und ging drei Jahre lang auf Reisen. Erstmals schien sie ein Leben in Muße zu führen, mit Kino und Konzerten, Architektur und Gartenbau, Letzteres ist ihre Leidenschaft. »In den drei Jahren habe ich mich sehr verändert, weil ich noch nie in meinem Leben so viel Geduld mit mir selbst hatte«, sagt sie später in einem Interview. Immer habe sie einen schweren Rucksack getragen, voller Verantwortung und Pflichtgefühl. Doch die Perfektionistin spürte, dass sie ihre Arbeit noch nicht zu Ende gebracht hatte. Ihr Werk war unvollendet, die kreative Nachfolge nicht in ihrem Sinne geregelt.

Im Frühjahr 2003 kehrte Jil Sander zurück, wie Isabel Archer muss sie sich ihre Vortrefflichkeit immer aufs Neue beweisen. Vor allem aber trieb sie die existenzielle Sorge um ihr Label auf den Plan, denn in ihrer Abwesenheit wurde das charakteristische Sander-Design dramatisch verwässert. Von 2002 an schrieb die Firma Verluste. »Der Markt hat sich extrem verändert. Die Budgets der Einkäufer sind extrem zurückgegangen, und wir leiden alle darunter, dass die Jeans so stark zurück ist und sich der Dresscode im Büro verändert hat, lässiger geworden ist. Man muss unglaublich kämpfen und sich konsequent seine Ladenkundinnen heranziehen«, sagt die Designerin Uli Schneider, die vor 15 Jahren unter ihrem Namen ein eigenes Label gegründet hat. Jil Sander, sagt Uli Schneider, sei immer ihr Idol und Vorbild gewesen. Schneider könnte Sanders Tochter sein – wie diese ist sie zart gebaut und trägt helle Strähnen im blonden Haar, hat ein Haus an der Alster und ihren ersten Laden in der Milchstraße eröffnet. Einmal traf Schneider bei einem privaten Essen auf ihr Idol. »Jil Sander war unheimlich freundlich und hat mir viele Fragen gestellt. Welchen Rat sie mir gab? Eine Vision aufzubauen. Unbedingt zu wissen, wo ich hinwill.« Sie solle immer mit Rückschlägen rechnen, die Modeindustrie bewege sich in Wellen.

Die Durchschnittspreise für Designermode sind in den letzten Jahren gesunken. Den veränderten Bedingungen, scheint es, wollte sich Jil Sander nicht angleichen: Ihre Preise blieben unverändert hoch – sie produzierte weiterhin im obersten Preissegment und nahm lieber geringeren Umsatz in Kauf. Sie lehnte es immer ab, wie etwa ihr Konkurrent Armani günstige, jüngere Zweitlinien zu entwickeln, und versäumte es, sich bei den Kundinnen den Nachwuchs zu sichern. Die typische Sander-Kundin von heute kauft gelegentlich ein Teil, stellt sich ihre Garderobe aber nicht so monothematisch zusammen wie die Sander-Frau von damals. Die Sander-Frau ist in die Jahre gekommen, sie ist fülliger und gibt weniger Geld für Kleidung aus.

Im September 2003 gelang Jil Sander mit einer unerwartet weichen Kollektion ein erstaunliches Comeback. Plötzlich machte sie Mode für die Frau, die für den täglichen Machtkampf im Büro nicht mehr den schützenden Anzug braucht, sondern sich ganz selbstverständlich im femininen Kleid durchsetzt. Die Antwort auf die Frage, ob sie sich die neue Leichtigkeit bewahren kann, blieb Jil Sander schuldig.

Im November 2004 brach sie erneut mit Bertelli. Jil Sander, heißt es, habe sich ihr Comeback teuer erkauft, die nächste Finanzspritze, so war vereinbart, hätte von Bertelli kommen müssen. Aber dem hätten die Banken den Kredit versagt. Gemeinsam wollten Bertelli und Sander, so der Plan, in die AG investieren, um diese dann im Einvernehmen weiterzuverkaufen, also »die Braut hübsch machen«, wie es im Branchenjargon heißt – für einen Verkauf, der Jil Sanders Nachfolge in ihrem Sinne sichern würde. Das Unternehmen Prada steckt jedoch durch die vielen Firmenzukäufe vor und nach der Jahrtausendwende tief in roten Zahlen. Eigentlich hatten diese durch einen für 2002 geplanten Börsengang finanziert werden sollen, der aber musste wegen des 11. Septembers und der Entwicklung auf dem Kapitalmarkt verschoben werden.

Woran ist Jil Sander gescheitert? – Seite 5

In Hamburg wurde Jil Sanders prächtiger Showroom am Harvestehuder Weg geschlossen. Die Produktionsstätten in Ellerau liegen still, künftig lässt Prada komplett in Italien produzieren. In Deutschland bleibt nur ein Außenposten für Presse, Vertrieb und Werbung erhalten und das Design-Atelier für die Damenkollektion. Dort zieht der Belgier Raf Simons ein, der im Februar seine erste Kollektion als neuer Chefdesigner der Jil Sander AG präsentieren wird.