Ein an der Ostfront verhängtes Todesurteil wegen angeblicher Drückebergerei konnte der prinzipienfeste Oberkriegsgerichtsrat Hans-Wolf Coenen mit einem Rechtsgutachten gegen den zähen Widerstand des erkennenden Gerichts in drei Wochen geschärften Arrest verwandeln. So gelang es ihm, wie es Messerschmidt ausdrückt, den "aufgrund einer Rechtsbeugung" begonnenen "Mordversuch" zu vereiteln.

Die Analyse der faktisch vorhandenen Spielräume lässt das Verhalten der übergroßen Mehrheit der Wehrmachtjuristen noch widerwärtiger erscheinen. Dafür steht das Schicksal des Oberleutnants zur See Oskar Kusch. Er wurde am 12. Mai 1944 um 6.32 Uhr wegen "fortgesetzter Zersetzung der Wehrkraft und wegen Abhörens von Auslandssendern" in Kiel füsiliert. Als Kommandant des Unterseeboots U 154 hatte Kusch zu Beginn einer ausgedehnten Feindfahrt 1943 im Offizierskabuff das Hitlerbild abhängen lassen und bemerkt: "Nehmt das mal weg, wir treiben hier keinen Götzendienst." Im Übrigen meinte er, die Niederlage stehe bevor, sei aber kein Unglück.

Messerschmidt stellt die Ehre des Hingerichteten wieder her und holt – das gehört zu seinen Spezialitäten – die Namen derer ans Licht, die ehrlos handelten: allen voran der Denunziant Oberleutnant zur See Ulrich Abel, ferner die Marinejustiz in Person von Marineoberkriegsgerichtsrat Karl-Heinrich Hagemann, Korvettenkapitän Wolfgang Dittmers, Oberleutnant zur See Otto Emil Westphalen und Marinekriegsgerichtsrat Hans-Egon Breinig. Sie alle ließen mehrere Möglichkeiten aus, das Verfahren abzuwenden oder einzustellen. Sie alle verantworteten den Tod des mutigen, in seinen soldatischen Qualitäten glänzend beurteilten, erst 26-jährigen Berufsoffiziers Oskar Kusch. Nach ihm dürfte gern eine Kaserne, ein U-Boot, besser noch ein Geschwader benannt werden.

Erst 50 Jahre später wurde die Rechtsprechung korrigiert

An mindestens 25 000 Wehrmachtsoldaten und -offizieren ließen deutsche Kriegsgerichtsräte, Rechtsgutachter und Gerichtsherren die Todesstrafe exekutieren; damit übertrafen sie die gegen deutsche Zivilisten gerichtete NS-Sonderjustiz bei weitem. Im Ersten Weltkrieg hatte die deutsche Militärgerichtsbarkeit 48 Todesurteile vollzogen. Die US-Armee ließ im Zweiten Weltkrieg ein einziges Todesurteil wegen Desertion ohne Begnadigung enden; die 145 anderen vollstreckten Todesurteile ergingen wegen auch sonst in den USA mit dem Tod bedrohten Mord- und Vergewaltigungsverbrechen. Die britischen Streitkräfte beließen es bei 40 militärstrafrechtlichen Exekutionen. Gleichwohl antwortete die Regierung Kohl/Genscher 1986 auf eine Anfrage des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele: Die deutsche Kriegsjustiz habe "im allgemeinen nicht gegen rechtsstaatliche Grundsätze verstoßen", da die fraglichen Delikte auch "in Ländern mit rechtsstaatlicher Verfassung während des Krieges mit Strafe bedroht waren".

Erst im November 1995 konnte sich der Bundesgerichtshof – angetrieben nicht zuletzt von der lebhaften öffentlichen Aktivität des Bundeswehrpensionärs Manfred Messerschmidt – dazu durchringen, die bis dahin herrschende Rechtsprechung zu korrigieren. Diese hatte der terroristischen Kriegsjustiz des "Dritten Reiches" 50 Jahre lang die Rechtmäßigkeit bescheinigt. So hatten die obersten Gerichte, die als Gesetzgeber tatenlosen, jedoch für die Volksmeinung repräsentativen Bundestagsabgeordneten und sämtliche bis dahin vereidigte Bundesregierungen den Opfern ein zweites Mal die Würde geraubt.