Als blutjunger Infanterist machte Manfred Messerschmidt noch die Endphase des Zweiten Weltkrieges mit. Danach studierte er parallel Geschichte und Jura. Er brachte es zum Volljuristen, doch gehörte sein Herz der kritischen Militärgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 1970, zur Regierungszeit Willy Brandts, wurde er leitender Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamts der Bundeswehr, das er bis 1988 prägte.

Vom ersten Tag an verstand sich Messerschmidt nicht als amtlich bestallter Traditionswart. Er verteidigte die Unabhängigkeit seiner im Zweifel ungemütlichen Militärhistoriografie. Mit einem Stab junger, gleich gesinnter Kollegen konzipierte und begann er das Serienwerk Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Die Autoren sahen sich nicht länger den Generalsmemoiren, dem seinerzeit von deutschen Historikern geführten und verfälschten Kriegstagebuch der Wehrmacht oder den schönen Legenden verpflichtet, sondern den Quellen. Von der angeblich sauberen Wehrmacht blieb wenig übrig. Jählings von ihrer Vergangenheit erwischte einstige Wehrmachtschergen wie Kurt Waldheim oder Hans Filbinger fanden in Messerschmidt keine Stütze, wohl aber einen kenntnisreichen Förderer der Anklage.

Für das mörderische Tun wurden sie mit Offiziersrängen belohnt

Nun legt dieser als Forschungsorganisator bedeutende und – das ist nicht die Regel – als Autor ungemein produktiv gebliebene Historiker noch einmal ein Opus magnum vor: die Geschichte der Wehrmachtjustiz von 1933 bis 1945. Er vollendete sie im Alter von knapp 80 Jahren. Allein das erfordert Respekt, mehr noch der Inhalt des mit jugendlicher Lust am Abräumen des vergangenheitspolitischen Lügengerümpels geschriebenen Buchs. Es ist den Deserteuren und Verweigerern gewidmet, den Überläufern und Wehrkraftzersetzern, denen mit der losen Klappe und den stillen Verzweifelten unter den deutschen Soldaten. In sehr verschiedener Weise stellten sich alle – und kostete es ihr Leben – gegen einen durch und durch verwerflichen Krieg. Nicht weil sie Unrecht gehabt hätten, sondern weil sie vom Mehrheitsverhalten so deutlich abgewichen waren, blieben sie auf Jahrzehnte hinaus Verfemte.

In den Monaten des Endkampfes operierten die deutschen Kriegsjuristen mit Standgerichten, Sonderstandgerichten, schließlich mit "Fliegenden Standgerichten des Führers". Sie ließen Jugendliche und Greise vor die Erschießungskommandos treten, "Feiglinge" im Dutzend öffentlich aufknüpfen. Die Militärjuristen in der sicheren Etappe, die Hitler noch im Januar 1944 mit Offiziersrängen für ihr mörderisches Treiben belohnte, brüsteten sich mit ihrem Eifer. Sie betrachteten ihre Urteile als "Reinigungswerk", das die Volksgemeinschaft von "minderwertigen Elementen" und "Schädlingen" befreie. Oft genug überboten sie den einschlägigen Führererlass von 1940; ihre durchaus vorhandene Ermessensfreiheit und die ihnen mögliche Milde ließen sie vorzugsweise ungenutzt.

Karl Sack – Heereschefrichter, konservativer Nichtnazi, Pfarrerssohn und im April 1945 wegen seiner Verbindungen zum militärischen Widerstand im KZ Flossenbürg selbst aufgehängt – ermahnte die ihm nachgeordneten Richter im August 1943 zu bedingungsloser Härte: Auch dann, wenn sich ein Soldat nur unerlaubt für einige Tage von der Truppe entferne, sei er fahnenflüchtig und mache sich damit "der größten Gefährdung des Siegeswillens und der Siegesaussichten unseres Volkes" schuldig; deshalb dürfe "einer im Anfang begreiflichen Scheu vor der Verhängung der Todesstrafe nicht nachgegeben werden".

Der am Wiener Kriegsgericht tätige Jurist und Kriegsrechtkommentator Erich Schwinge ließ 1943 den 17-jährigen Grenadier Anton Reschny wegen einer Lappalie mit einer "als Rechtsbeugung zu bewertenden Begründung" (Messerschmidt) hinrichten. 1954 wurde er Rektor der Universität Marburg und höchst agiler Selbstrechtfertiger ehemaliger Wehrmachtjuristen. Werner Hülle, leitender Funktionär der Wehrmachtrechtsabteilung, der 1944 die zügellose Gewalt der Kriegsrichter "unmittelbar vom Führer" abgeleitet und sich 1943 mit der seriellen Hinrichtung niederländischer Verhafteter beschäftigt hatte, krönte seine Laufbahn 1955 als Oberlandesgerichtspräsident in Oldenburg und wurde 1968 als unbescholtener Mann pensioniert. Otto Grünewald, einst Chef der Heeresfeldjustiz und seit 1944 Generalrichter, avancierte hernach zum Richter am Wehrdisziplinarsenat München, um dann als Ministerialdirigent ins Bundesverteidigungsministerium aufzurücken.

Die Kriegsgerichtsbarkeit beschränkte sich nicht auf deutsche Soldaten. Die berühmten polnischen Postbeamten, die 1939 die Hauptpost von Danzig gegen die deutschen Angreifer verteidigt und von denen 28 das Gefecht überlebt hatten, wurden wenig später von einem deutschen Kriegsgericht als Freischärler verurteilt und erschossen. In den besetzten Ländern verurteilten Wehrmachtgerichte Tausende von Einwohnern zum Tode, wirkten an Geiselerschießungen und anderen "Sühnemaßnahmen" mit.

Messerschmidt sucht und findet auch die wenigen unter den deutschen Kriegsjuristen und Gerichtsherren, denen Rechtsprinzipien etwas galten. Zu nennen ist Oberst Karl von Bothmer, der im Sommer 1941 in Niš vor der Frage stand, einige hundert Geiseln erschießen zu lassen. Damit sollte, wie damals im besetzten Serbien bereits üblich, ein Sprengstoffattentat gesühnt werden, bei dem drei Soldaten getötet und mehrere verletzt worden waren. Von Bothmer teilte seinem Vorgesetzten unter Hinweis auf die Haager Landkriegsordnung mit, er müsse einen solchen Vergeltungsakt "nach gewissenhafter Prüfung und aufgrund" seines "Rechtsgefühls ablehnen". Daraufhin wurde er wegen "falscher Einstellung" getadelt, ein Jahr später "ohne Verwendung" nach Deutschland zurückgeschickt und in Ehren aus der Wehrmacht verabschiedet. Die Massenerschießung fand nicht statt.