"England expects that every man will do his d-u-t-y." Beim letzten Wort musste man die Buchstaben einzeln setzen, es gab dafür kein Kürzel in der Flaggenschrift. Das Hissen des nachmals so berühmten Signals machte viel Arbeit, und es war auch schwer zu lesen. Man musste sich die Bestandteile des Satzes von der Vorroyalrah bis zur Besangaffel auf der Takelage des Nachbarschiffes zusammensuchen. Aber auf See ist Zeit für die merkwürdigsten Dinge, sogar direkt vor einer Schlacht. Die erste Idee für das Signal soll gelautet haben: "Nelson vertraut darauf, dass jeder Mann seine Pflicht tun wird." Der Name des Admirals und das Wort confides hätten ebenfalls buchstabiert werden müssen – er entschied sich für England expects. Vielleicht auch aus Geschmacksgründen. Manchmal empfand er sich als etwas zu ruhmsüchtig für einen ordentlichen Christenmenschen, und was Gott über ihn dachte, war ihm nicht egal. Bei den Seeleuten hätte aber der Name ihres Admirals, so darf man annehmen, anspornender gewirkt als der ihres Landes. BILD

Er war längst ein Star, ein wirklicher Held, sie folgten ihm mit einer Begeisterung, die man sonst nur von Napoleons Soldaten kannte. Das kam nicht allein daher, dass Nelson dafür bekannt war, mit suizidalem Mut die Entscheidung zu suchen, vor allem gab er seinen Leuten das Gefühl, dass er wirklich confided: dass er ihnen vertraute und dass er weniger Befehlshaber als Kamerad war. Das hat auch der junge Napoleon bei seinen Truppen erreicht, und er inszenierte es gekonnt bis zum Ende.

Man mag aber Nelson nicht mit Napoleon in einen Topf werfen. Nelsons Liebe zu seinen Seeleuten erscheint bis heute echter, herzlicher, spontaner. Man denke: Da hatte ein kleiner Midshipman, ein noch Halbwüchsiger, vor der Schlacht die Briefe aller Offiziere und Mannschaften eingesammelt und dem Kutter der Fregatte mitgegeben, die die Post nach England bringen sollte – und dabei im Eifer den eigenen Brief vergessen. Er war todunglücklich. Nelson schnappte etwas davon auf und erkundigte sich. Die Fregatte war schon weit weg, der Rumpf halb hinter der Kimm, aber Nelsons Signal konnte der Mann im Besantopp noch auffangen. Das Schiff kehrte zurück und nahm den Brief des jungen Mannes mit. Gewiss, eine Gestalt wie Nelson zieht hübsche Geschichten an wie ein Hund Flöhe, aber diese ist verbürgt, die ganze Flotte sprach davon.

Viele wollten für Nelsons Sieg sterben oder mit ihm untergehen. Am liebsten freilich mit ihm siegen, am Leben bleiben, Karriere machen: Um aufzusteigen, mussten junge Offiziere sich auszeichnen, und das geschah vor dem Feind. Aber auch die einfachen Seeleute, zum Teil mit Alkohol und Gewalt in den Dienst gepresst, die unter der Arroganz der Offiziere litten, oft nur miserable Nahrung erhielten und davon zu wenig, und immer wieder hart bis sadistisch bestraft wurden für Kleinigkeiten – sie erlagen dem Nelson touch, folgten ihrem draufgängerischen Kommandeur durch dick und dünn, meinten den Sinn ihrer Qualen zu erkennen. Was für wahrhaft erstaunliche Ferkel von Kriegsherren haben seitdem versucht, Führer wie Nelson nachzuahmen! Heroismus ist, nach den überreichen Erfahrungen mit totalitären Regimen und zwei Weltkriegen, nach all dem unendlichen Missbrauch der menschlichen Fähigkeit zur Hingabe, nur noch schwer nachzuvollziehen. Wer daran erinnert, stößt auf Befremden. Ob die Welt doch noch einmal Helden dieser Art braucht? Wir wollen es nicht hoffen.

Napoleon Bonaparte hatte sich Frankreichs bemächtigt und das übrige Europa als General, Erster Konsul, schließlich Kaiser durcheinander gerüttelt. Er hatte es nicht nur in Schrecken versetzt, sondern auch tief beeindruckt. Auf dem Schlachtfeld schien dem "Robespierre zu Pferde" alles zu gelingen. Ein Genie. Wäre er eine bescheidenere Natur gewesen und fähig, sich mit anderen Mächten dauerhaft zu arrangieren, so hätte er der Chef einer weise operierenden Hegemonialmacht bleiben können, Emporkömmling zwar unter den gekrönten Häuptern, dafür aber ausgestattet mit riesigem militärischem Prestige, das ihm ermöglicht hätte, mehr Schlachten zu vermeiden als zu schlagen. Doch er und seine glühenden Anhänger waren eben auch die Erben der Großen Revolution. Sie träumten von einem neuen römischen Weltreich.

Dafür hieß es zunächst eine so deutliche Seeherrschaft zu erlangen, dass England nicht nach Belieben Truppentransporte, Versorgung und Ausfuhr behindern und Hafenstädte attackieren konnte. Der britischen Regierung war schon bei Bonapartes Ägyptenfeldzug klar, dass sein Ziel unter anderem ihre Besitzungen in Indien waren, und sie fürchteten mit Recht, dass er England direkt angreifen würde. Wenn es ihm gelang, bei ruhiger See in wenigen Stunden seine Elitetruppe über den Ärmelkanal zu bringen, dann hatte er, und das war in der Tat seine Idee, nicht nur London und die ganze Insel, sondern binnen kurzem auch die englische Flotte in seiner Gewalt und beherrschte den Globus.

Dieser Plan bestand längst vor der Seeschlacht am Nildelta bei Abukir, 1798, wo der 40-jährige Befehlshaber einer britischen Schwadron, ein Konteradmiral namens Horatio Nelson, die vor Anker liegende französische Flotte ausfindig gemacht, nach riskanter Annäherung in flachem Wasser angegriffen und so gut wie vernichtet hatte. Napoleon hatte Mühe, nach Frankreich zurückzugelangen, der Rest seiner vom Nachschub abgeschnittenen, schließlich aufgeriebenen ägyptischen Armee musste irgendwann gegen Bezahlung von britischen Schiffen nach Hause gebracht werden, eine Demütigung.

Für Napoleon schien der Sprung über den Kanal vorerst nicht mehr aktuell, die Sehnsucht aber, ihn irgendwann doch zu tun, wuchs und wuchs. Anfang 1805 war es so weit: In Boulogne hatte der Kaiser eine Invasionsarmee von über 130000 Mann, 10000 Pferden und 650 Geschützen gesammelt – erstmals Grande Armée genannt–, ferner an die 2000 Transportschiffe unterschiedlichster Größe mit 12000 Mann Besatzung für den Sprung nach England. Der Londoner Regierung von William Pitt dem Jüngeren war nichts von alledem entgangen, er hatte es längst vorausgeahnt und Frankreich fast ohne Pause weiter direkt und indirekt bekämpft, mit Attacken von See aus, aber auch mit Gold für Napoleons Gegner auf dem Festland, und diese Waffe war äußerst wirksam.

Trafalgar, das ist und bleibt eine der großen, bewegenden Storys der Weltgeschichte. Da verteidigt ein ehrwürdiger, tüchtiger Inselstaat mit gut geführter Flotte sein Eigenleben und seine Art von Freiheit gegen die unmittelbar bevorstehende Invasion eines gefährlichen Raubtiers, und die Insel siegt, weil sie im richtigen Moment einen Admiral hat, der alles auf eine Karte setzt und dabei doch den Tag der Entscheidung so umsichtig antizipiert und vorbereitet hat, dass das Glück ihm nur hold sein kann. Er stirbt in der Schlacht, aber langsam genug, um noch zu hören, dass er gesiegt hat und England aufatmen kann. Man muss es akzeptieren: Geschichten gibt es viele, aber am begeisterndsten sind die von vollständigen Triumphen aus unsicherer, gefährlicher Lage heraus, Triumphen des Mutes, des Könnens, des Scharfsinns und der Beharrlichkeit – mit einem Wort: von Siegen (ich bestreite standhaft, dass es militärische sein müssen).

Und die Lage ist gefährlich in jenem Jahr 1805. Napoleon ist auf dem Sprung. Um den Kanal zu überwinden, darf der Transport seines gefürchteten Heeres allerdings zu keinem Augenblick den Kanonen der englischen Flotte ausgesetzt sein. Das geht nur, wenn diese vom Kanal weggelockt werden kann, also im entscheidenden Moment gar nicht da ist, und wenn ferner die französischen Kriegsschiffe sie bei ihrem Wiedereintreffen lange genug beschäftigen können. Die Sache steht und fällt mit dem Gelingen eines Täuschungsmanövers.

Napoleons Flotte liegt unter dem Schutz der Landbatterien in französischen Häfen des Mittelmeeres und des Atlantiks fest und wird dort von englischen Schiffen beobachtet und blockiert, allerdings ziemlich halbherzig – vernichten können sie den Gegner nur, wenn er auf offener See ist.