Sehnsucht nach Aufklärung – Seite 1

Der Himmel über Kairo ist ungewöhnlich klar, ein gnädiger Wind bringt Kühle mit vom Nil, auf dem Campus der Cairo University wagen sich die Studenten in die Sonne. Mohamed Khayyal, Professor für Pharmazie, hat keinen Sinn für die Schönheit dieses Morgens. Khayyal rechnet ab: mit den Kollegen, mit den Studenten, mit dem ganzen Universitätsbetrieb in Ägypten. Er sitzt in einem schmalen rechteckigen Raum in der Fakultät für Pharmazie, seinem "zweiten Zuhause", wie er sagt. Es handelt sich um eine Mischung aus Labor, Büro, Bibliothek und Sprechzimmer für seine Doktoranden, die er noch betreut. Khayyal ist emeritiert.

Neben der Tür hängt ein Spruch: "I’m too busy to get organized." Die Liste seiner Posten ist lang: Vizepräsident der ägyptischen Gesellschaft für Pharmakologie, aktives Mitglied in ägyptischen, britischen und deutschen Fachverbänden. Khayyal engagiert sich im International Council for Science, in einer Organisation, die sich unter anderem um die Förderung von Wissenschaft in Entwicklungsländern kümmert. Bekannt sei er in Ägypten aber auch als troublemaker, sagt er und lacht dröhnend.

"Schlecht ist es um die Wissenschaft in Ägypten bestellt", sagt Mohamed Khayyal. Wie in vielen Ländern der Dritten Welt sei das Niveau der Professoren alles andere als zufriedenstellend. Viele würden ihre Vorlesungen nicht aktualisieren, stattdessen veraltete Manuskripte an die Studenten verkaufen. Und die Studenten würden eine akademische Karriere nicht aus wissenschaftlichem Antrieb heraus anstreben, sondern weil sie einen sicheren Job an der Uni suchten. "Sie lernen nur auswendig, um die Prüfungen zu bestehen. Diskutieren und selbstständiges Denken haben sie nicht gelernt." Der Fehler liege im System, sagt Khayyal: "Es gibt keine Anreize, der Staat unterscheidet nicht zwischen guten und schlechten Professoren, alle werden gleich bezahlt." Durchschnittlich 500 Euro verdient ein Professor im Monat, das ist vielen zu wenig.

Die guten gehen ins Ausland, die schlechten bleiben und übernehmen die wissenschaftliche Führung im Land. Forschungsarbeiten seien meist so miserabel, dass sie in internationalen Fachblättern keine Chance auf eine Veröffentlichung hätten, sagt Khayyal. Um trotzdem auf die notwendige Zahl von Publikationen zu kommen, gründeten die Institute lokale Blätter, in denen Ramsch gedruckt werden könne. Wichtig für eine akademische Karriere sei, "wen man kennt – weniger, was man weiß".

Harte Worte, denen Alexander Haridi vom Deutschen Akademischen Austauschdienst größtenteils zustimmt. Der langjährige Leiter des DAAD-Büros in Kairo glaubt, dass Forschung von vielen Professoren in Ägypten als zeitaufwändiges Übel betrachtet werde, das sie nur vom lukrativen Zweitjob abhalte – in einer Privatklinik oder einer Consultingfirma. Zu wenig Geld, veraltetes Lehrmaterial, zu viel Bürokratie, keine Autonomie, kein Wettbewerb unter den Hochschulen – alles Hürden auf dem Weg zu einem funktionierenden Bildungssystem.

Ins Griechische werden mehr Bücher übersetzt als ins Arabische

Schlechte Noten also in Bildung, Wissenschaft und Forschung für Ägypten, den geistigen und kulturellen Mittelpunkt der arabischen Welt, das Land, in dem im 10. Jahrhundert die erste Universität der Welt gegründet wurde. Ein miserables Zeugnis – das sich die Nation mit der gesamten arabischen Welt teilt. Anders als China oder Indien, Südkorea oder auch Brasilien haben die arabischen Länder die Wissenschaft bislang sträflich vernachlässigt.

Ein Bericht der Vereinten Nationen hat dieses Defizit schonungslos offen gelegt. Der Arab Human Development Report, zusammengestellt von arabischen Intellektuellen, hat in den 22 Ländern der arabischen Liga Qualität und Quantität des Bildungswesens untersucht und mit dem Leistungsstandard in anderen Weltregionen verglichen.

Das Ergebnis ist niederschmetternd: Nur 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden in der arabischen Welt für Forschung ausgegeben. In Israel sind es 2,3 Prozent, in Japan 2,9, in Deutschland 2,5 Prozent. Auf eine Million Menschen kommen in den arabischen Ländern nur 371 Wissenschaftler und Ingenieure, die in Forschung und Entwicklung arbeiten. Der weltweite Durchschnitt beträgt 979. Die Patentanmeldungen sind verschwindend gering im Vergleich zu Ländern wie Korea oder Israel. Alarmierend hoch dagegen ist die Analphabetenquote, von knapp 300 Millionen Arabern können 65 Millionen nicht lesen und schreiben. Jährlich werden fünfmal mehr Bücher ins Griechische übersetzt als in die Weltsprache Arabisch.

Auf einem Treffen der islamischen Konferenz (OIC) monierte Pervez Musharraf, Präsident Pakistans, dass die muslimische Welt heute zu der rückständigsten und am wenigsten aufgeklärten Region gehöre. In den 57 Mitgliedstaaten der OIC leben 1,3 Milliarden Menschen, ihnen stehen 600 Universitäten zur Verfügung. In internationalen Rankinglisten tauchen nur zwei unter den ersten 500 auf. Beide liegen in der Türkei.

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Hinzu kommt ein verheerender Braindrain. Jeder vierte Universitätsabsolvent verlässt sein Land, meist Richtung Europa oder USA. Wie auch Ahmed Suwail. Der Ägypter ist der einzige Wissenschaftler aus einem arabischen Land, der einen Nobelpreis gewonnen hat. Geforscht hat der Chemiker allerdings in Kalifornien. Um die Misere zu beenden, forderte Suwail einen "Bildungsdschihad". Der kommt allerdings nur stockend in Gang. Zwar haben einige Länder in den vergangenen Jahren ihre Ausgaben für Bildung gesteigert, trotzdem geschieht noch nicht genug. Immerhin plädierten schon einmal die Hochschulminister der OIC bei einem Treffen in Tunis 2003 für eine "Renaissance der Wissenschaften" in den islamischen Ländern. Im Gespräch ist auch die Einrichtung eines panislamischen Wissenschaftsfonds.

Erkannt hat man die Probleme auch in Ägypten schon vor Jahren. Konferenzen wurden veranstaltet, Kommissionen eingesetzt – nur umsetzen konnte man die Reformpläne bislang nicht. Auch die erste Gründungswelle von Privatuniversitäten in den 1990er Jahren half nicht. "Die Investoren waren nicht an einer Verbesserung des Bildungssystems interessiert, sondern an einer schnellen Rendite", sagt Haridi. Die Privathochschulen seien für die dummen Kinder der Reichen, hieß es. Mehr Hoffnung setzt man nun in Neugründungen aus dem Ausland, wie die Deutsche Universität in Kairo.

Der Bachelor-Abschluss hilft bei der Heirat, nicht bei der Jobsuche

In Ägypten kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Das Bildungssystem ächzt unter der rasant wachsenden Bevölkerung. 74 Millionen Einwohner zählte das Land 2003, 1998 waren es noch 62 Millionen, für das Jahr 2020 wird mit 100 Millionen gerechnet. Die Universitäten quellen über. So hat die Cairo University, die größte der ein Dutzend staatlichen Hochschulen des Landes, 210000 Studenten. Das sind viermal so viele, wie an der größten deutschen Hochschule, der Ludwig-Maximilian-Universität in München, eingeschrieben sind. Der Arbeitsmarkt ist überschwemmt mit Akademikern. Der Bachelor helfe bei der Heirat, sagt Haridi, aber nicht bei der Jobsuche. Die meisten landen in der Arbeitslosigkeit oder arbeiten fachfremd.

Die Autoren des UN-Berichts machen die Machtstrukturen für die Rückständigkeit der arabischen Welt verantwortlich. Sie behinderten das aktive Denken: "Sie löschen die Flamme des Lernens und ersticken den Antrieb zur Innovation." Schon die Lehrpläne in den Schulen würden mehr Unterwerfung und Gehorsam als freies kritisches Denken erzeugen.

Im Klammergriff von säkularen Despoten wie in Syrien und islamischen Fundamentalisten wie in Saudi-Arabien ist wenig Platz für unabhängige Wissenschaft. "Man braucht Freiheit für den Erwerb von Bildung", sagt Nader Fergany, Hauptautor des Reports. Diese Freiheit fehlt. Eine Studie der amerikanischen Nichtregierungsorganisation Freedom House bezeichnet 15 arabische Länder als vollkommen unfrei, darunter Saudi-Arabien, Syrien und Ägypten.

Dabei war die islamische Welt lange führend in der Wissenschaft. Es gibt kaum einen, der das besser wüsste als Fuat Sezgin. Der gebürtige Istanbuler ist Professor emeritus für die Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Frankfurt. Dort hat er auch das Institut für die Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften gegründet. Er ist häufig in Kairo. Er hält Vorträge über das goldene Zeitalter der islamischen Wissenschaften. Es ist Sezgins Ziel, den Muslimen wieder Selbstvertrauen zu geben. Keine einfache Aufgabe.

Der 80-Jährige spricht mit leiser Stimme, aber wenn er von seiner Arbeit erzählt, hört man die Leidenschaft, die ihn antreibt. Über Jahrzehnte hinweg hat der Gelehrte in Bibliotheken Hunterttausende von Handschriften gesichtet und erfasst. Herausgekommen ist eine zwölfbändige Geschichte des arabischen Schrifttums.

Sezgins Erzählungen führen zurück ins 9. Jahrhundert. In Europa hielt man die Erde noch für eine flache Scheibe, da konnten arabische Wissenschaftler schon ihre Krümmung berechnen. Astronomie, Geografie, Mathematik, Medizin: In allen Disziplinen waren die morgenländischen Gelehrten den Europäern weit voraus. Während im Abendland die Kirchen die Naturwissenschaften verteufelten, nahm man sich in der islamischen Welt die Worte des Propheten Muhammad zu Herzen: "Suche das Wissen, und wenn es in China wäre."

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Den damaligen Herrschern war die Bedeutung der Wissenschaft wesentlich klarer als den Machthabern der Gegenwart. Der Kalif al Mamun gründete im 9. Jahrhundert in Bagdad ein internationales Wissenschaftszentrum, das Bayt al-hikma, Haus der Weisheit. Die Sternwarten und Bibliotheken in Bagdad lockten Gelehrte aus der ganzen Welt an, ein goldenes Zeitalter der Wissenschaften brach an, das ein halbes Jahrtausend andauerte. Arabische Gelehrte übersetzten die Werke von Plato, Aristoteles und Archimedes. Die arabische Wissenschaftskultur perfektionierte die griechische und befruchtete Europas Aufbruch.

Spätestens ab dem 16. Jahrhundert ist etwas schief gelaufen. Die islamische Welt fiel in Stagnation. Fuat Sezgin sucht die Gründe dafür außerhalb des Islams. Er ist überzeugt, dass die Religion als Hauptgrund für den Stillstand im arabisch-islamischen Kulturkreis auszuschließen ist. Schließlich hatte sie den Aufstieg befördert. Vielmehr sei ein Zusammenspiel von Kriegen, politischer und wirtschaftlicher Schwäche die Ursache gewesen. Die Muslime haben ihre Wissenschaftszentren verloren, im Osten Bagdad an die Mongolen, im Westen Andalusien an die Christen – während in Europa die Bedingungen für unabhängige Wissenschaft immer besser wurden.

Man kann die Gründe aber auch innerhalb des Islams finden. Die Meinungsführer begannen, ihn konservativer auszulegen, nach dem Dogma: Alles Wissenswerte steht im Koran. Neuerungen begegnete man mit Skepsis. Eine Aufklärung blieb aus. "Die engstirnigen Auslegungen des Korans bereiten Probleme", sagt Atta-al-Rahman, Präsident der Pakistanischen Akademie der Wissenschaften.

Als Grund für die Misere in der Gegenwart betrachten die Autoren des Arab Human Development Report nicht die Religion an sich. Allerdings hätten häufig Allianzen von repressiven Regimen und konservativen Gelehrten zu Interpretationen des Islams geführt, die das Streben nach rationalem Wissen verhinderten.

Welche Folgen es hat, wenn Fundamentalisten das Sagen haben, zeigt ein Beispiel aus dem Sudan. Dort wurde ein Biologe ins Gefängnis geworfen, weil er seinen Studenten Darwins Evolutionstheorie beigebracht hatte. Das war 1990. Oder Pakistan: Während der Islamisierungspolitik in den 1980er Jahren erklärte der Präsident der Islamischen Universität, dass die Einsteinsche Relativitätstheorie weder richtig noch mit dem Islam vereinbar sei. Für orthodoxe Muslime sei der Koran eine "Enzyklopädie des Wissens", schreibt Bassam Tibi in seinem Buch Islamischer Fundamentalismus, moderne Wissenschaft und Technologie.

Eilig bauen die Ölscheichs Wissensstädte in den Sand

Mahmud Bahgat, Biochemiker in Ägypten, bereiten nicht engstirnige Fundamentalisten Kopfzerbrechen, sondern schlicht fehlendes Geld. Aber er lässt sich nicht aufhalten. Er arbeitet am National Research Center in Kairo, an der größten außeruniversitären Forschungseinrichtung Ägyptens. 3.000 Wissenschaftler sind hier angestellt, Chemiker, Biologen, Mediziner. Bahgat führt stolz durch das Gebäude, stößt die Tür zu Raum 385 auf, seinem Labor, er sagt: "Hier ist mein Königreich." Es ist ein bescheidenes Reich, aber mit einem König, der entschlossen ist, das Beste daraus zu machen. Als er den Raum zugeteilt bekam, war er leer, bis auf einen Computer und einen Kühlschrank.

In der Zwischenzeit hat er ein ansehnliches Labor zusammengestellt, Grundstock sind ausrangierte Geräte der Universität Heidelberg. Dort hatte Bahgat nach seinem Biochemiestudium in Kairo in Parasitologie und Immunologie promoviert. Der 35-Jährige war als Gastwissenschaftler in den USA, hat gerade wieder ein fünfmonatiges Stipendium an der Universität von Kalifornien bekommen und will doch nach Ägypten zurückkehren. Hier etwas auf die Beine stellen. Er forscht über Impfstoffe für Infektionskrankheiten, gerade arbeitet er an neuen Diagnosemethoden für Bilharziose. Er organisiert internationale Konferenzen, holt Experten aus dem Ausland nach Kairo. Bahgat ist der Typ Wissenschaftler, der Hoffnung macht, der sich sagt, es geht auch trotz schlechter Rahmenbedingungen: "Geld ist nicht alles. Du brauchst in Ägypten nur mehr Enthusiasmus als anderswo."

Ganz aufs Geld setzt man in den reichen Golfstaaten. Die Scheichs haben begriffen, dass der Rohstoff der Zukunft nicht Öl, sondern Wissen heißt. Ohne Wissen keine Innovation, kein Wirtschaftswachstum. Die Erkenntnis kommt allerdings reichlich spät, lange hat man sich auf das Geschäft mit dem Öl verlassen. Das geht in einigen Golfländern aber bald zur Neige.

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Eilig bauen sie nun mit ihren Ölmilliarden komplette Wissensstädte in den Wüstensand. Education City nennt sich das jüngste Experiment im kleinen Qatar. Es handelt sich dabei allerdings um einen reinen Bildungsimport. Arabisch ist nur die Hülle, der Inhalt made in USA. Gleich vier US-Universitäten haben Fakultäten auf dem 1.000 Hektar großen Gelände eröffnet. Ein Wissenschafts- und Technologiepark ist in Planung. 350 Studenten sind in der Education City eingeschrieben, 8.000 sollen es einmal werden.

Auch in Dubai und Abu Dhabi setzt man auf die Förderung von Hochtechnologie. Knowledge Village und Biotech City heißen die aktuellen Projekte mit eigens eingerichteter Freihandelszone. Großes Vorbild dieser Wissensstädte am Golf ist Singapur, das mit seinen Wissenschaftszentren Spitzenforscher aus der ganzen Welt anzieht. Der Weg dahin aber ist noch weit. Es steht die Fassade, die Ausstattung ist üppig und auf dem neuesten Stand. Der Generalmanager von Knowledge Village sagt, "Noch generieren wir kein neues Wissen." Aber alles sei da. Die Forschung, sie müsse jetzt bloß noch in Gang kommen.