Ich schwitze als Letzter – Seite 1

Berlin
Er ist kein Regentyp, sagt er. Ihm sei schnell zu kalt, aber nie zu warm. Er schalte im Sommer immer alle Klimaanlagen ab und studiere dann genüsslich, wie dem Gegenüber das Wasser runterläuft. Mathias Döpfner sagt: "Ich schwitze immer als Letzter."

Es gibt also ein kleines Problem. Denn an diesem späten Nachmittag liegt die Sonne hinter dicken Wolken. Es regnet in Berlin, und wir wollen spazieren gehen im Tiergarten. Sein Chauffeur wartet unten am Springer-Hochhaus, nicht weit vom Checkpoint Charlie. Döpfner sitzt in dem Mercedes immer hinten rechts, der Vordersitz ist wegen seiner langen Beine ganz nach vorn gerückt. Kennt er dieses Gefühl von aufkommendem Neid angesichts genüsslich im Park dösender Menschen? Was heißt hier kennen, antwortet Döpfner, "der Neid des Bürohengstes auf die Freiheit des Müßiggängers wird bei mir mit zunehmendem Alter immer aggressiver". Aber er möchte nicht jammern, nein, im Gegenteil, denn "ich bin sehr glücklich mit dem, was ich tue, ich bin ganz bei mir. Denn in dieser Aufgabe werden alle Seiten meiner Persönlichkeit gefordert." Er sagt "glücklich".

Es heißt, er wirke in letzter Zeit oft gereizt, ja wütend. Stimmt das?

Wir sind angekommen. Der Parkplatz vor dem Café am Neuen See. Der Himmel scheint sich aufzuhellen. Mathias Döpfner lässt Mantel und Schirm im Auto zurück. Wir gehen ein paar Schritte, es tröpfelt wieder. Döpfner läuft zurück, holt doch den Schirm, einen großen, feuerroten, "schon aus Aberglaube – wenn ich einen Schirm dabeihabe, regnet es nicht". Wir gehen in den Park. Döpfner geht schnell, sehr schnell. Er eilt. Als hätte er ein Ziel und möchte möglichst schnell dahin kommen. Gedankenverlorenes Schlendern scheint seine Sache nicht zu sein.

Leute sagen, Mathias Döpfner wirke bei öffentlichen Auftritten in letzter Zeit zuweilen gereizt, ja wütend. Kann er mit dieser Beobachtung etwas anfangen? Eigentlich nicht, sagt er, "ich werde mal darauf achten". Was macht ihn wütend? Er weicht ein paar Pfützen aus und sagt: Verlogenheit, Feigheit, Unwahrhaftigkeit. Ja, und dreiste Dummheit, das auch. Man versucht es eine Nummer kleiner: Hat ihn der Ausgang der letzten Wahlen wütend gemacht? Nein, nein, dieses Ergebnis habe ihn nun gar nicht wütend gemacht, "das hat bei mir nur ein Gefühl schaler Kläglichkeit hinterlassen". Es habe nur Verlierer gegeben, die gesamte politische Klasse sei nicht mit Glanz gescheitert, sondern kläglich. Er sehe dies alles mit größter Sorge, aber Wut? Nein. Er sagt es so, aber es klingt dennoch erstaunlich aggressiv.

Hätte er sich einen Sieg von Schwarz-Gelb gewünscht? Döpfner will nicht antworten, "ich finde es nicht richtig, wenn der Vorstandsvorsitzende eines Verlags sich dazu äußert". Außerdem sehe er das wirklich unabhängig von Parteigrenzen, ihm gehe es um dringend nötige, wirkliche Reformen für dieses Land. Um dies zu unterstreichen, erzählt Döpfner, vor einigen Tagen sei Wolfgang Clement bei ihm zum Essen gewesen. Er sagt, es sei interessant gewesen, und bricht den Satz mitten im Sprechen ab. Der Grund: Er geht in einen kleinen Seitenweg zum Wasser hin. Clement ist vergessen. Er sagt: "Das ist mein Lieblingsplatz hier im Tiergarten." Da habe man so einen schönen Blick auf das Wasser und die Rhododendren. Döpfner bleibt für einen Moment stehen. Er möge die Natur sehr. Besonders Gartenarchitektur, er liebe diese Kombination aus Natur und menschlichem Gestaltungswillen. Er liebe die großen Parks in Irland und Frankreich. Er selbst sei nie ein großer Gärtner gewesen. Überhaupt sei er mehr ein Betrachter, weniger so ein körperlicher Typ. Er sei auch in jungen Jahren nicht der Mann gewesen, der Frauen die Wohnung renoviert habe.

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Wir gehen weiter. Es fängt wieder an zu regnen. Döpfner spannt den Schirm auf, es ist ein Bild- Schirm, die Aufschrift ist eher klein gehalten. Für das gemeinsame Gehen unter einem Schirm ist das Zwei-Meter-Maß von Mathias Döpfner perfekt. War seine Größe für ihn irgendwann auch ein Problem? Klar, sagt er, als Junge, er war mit 14 fast schon so groß wie heute, ein dünner, langer Lulatsch, "im Sportunterricht wurde ich immer als Letztes in eine Mannschaft gewählt". Er sagt, er glaube heute noch, diese Demütigungen seien der entscheidende Impuls für seine Karriere gewesen. Er lacht.

FAZ- Herausgeber Frank Schirmacher, ein Freund Döpfners, erklärte in diesem Jahr, wenn er heute jünger wäre und nicht seine Position hätte, würde er auswandern, Deutschland verlassen, aufgrund mangelnder Zukunftsperspektiven. Kann Döpfner das verstehen? Er sagt: "Wenn ich jünger wäre und diese Aufgabe nicht hätte, wäre ich längst weg. In meiner jetzigen Situation aber ist das überhaupt keine Option, ich bin in diesem Land in der Verantworung, das weiß ich. Ich muss hier schon zu den Letzten gehören, die das Licht ausmachen." Aber was beispielsweise die Zukunft seiner Kinder angehe, habe er schon Bedenken, ob man denen guten Gewissens die Bildung und Ausbildung zukommen lassen will angesichts einer falschen Entwicklung, die dieses Land nun schon seit fast zwei Jahrzehnten nimmt. Verantwortlich für die Misere hält er ein dramatisches, beinahe kollektives Versagen der deutschen Eliten. Döpfner erzählt, er sei am Wahltag auf einer jüdischen Hochzeit in Frankreich gewesen und habe dauernd Mails auf seinen kleinen Blackberry bekommen. Eine groteske Situation, sagt er, einerseits die lebensfrohe Internationalität dieser Feier und anderseits die deutsche Depression auf dem Computer.

Ist er ein Konservativer? Nein, dieser Begriff habe nichts mit ihm zu tun. Er zitiert sinngemäß den alten Spruch, wer kein Kommunist in der Jugend gewesen sei, habe kein Herz, wer später kein Konservativer werde, habe kein Hirn. Er könne diesen Spruch nicht leiden, "er ist mir richtig zuwider, weil er so antiidealistisch ist". Er halte es lieber mit Fontane aus dem Stechlin- Roman: Es gibt keine unanfechtbaren Wahrheiten, und wenn, dann sind sie langweilig. Döpfner sagt, konservativ bedeute ja auch "ruhend bewahren". Und er blickt den Zuhörer an, naturgemäß von oben nach unten, als möchte er sagen: Sie sehen doch, wie ich hier durch den Park eile. Nix Ruhe, nix bewahren. Seine Qualität ist sein Tempo, sein Wille zum Verändern. Döpfner nennt sich einen "Freiheitlichen", aber natürlich auch wieder nicht parteipolitisch gemeint.

Es regnet stärker. Der Ärmel seines grauen Anzugjacketts wird allmählich nass. Er erzählt von Wendepunkten in seinem Leben, davon, dass er als junger Mensch dachte, die Welt der Kunst sei das Größte, das Erstrebenswerteste. Doch allmählich, als Student und als Journalist, habe er festgestellt, da sei doch vieles ziemlich banal und gar nicht besonders wahrhaftig. Diese Enttäuschungen kumulierten sich, wie er sagt, und es wuchs die Sehnsucht nach einer anderen Welt, der Welt der Wirtschaft, "das hat mich fasziniert, auch intellektuell, diese Welt wollte ich erobern". Nun, sagt er, seien inzwischen auch bei dieser Erkundung gewisse Ernüchterungen eingetreten. Er gibt diesem Satz einen ironischen Unterton, das macht er gerne.

Ein Platzregen hat eingesetzt. Wir stehen unter einem Geflecht von Bäumen und unter dem Schirm. Ob er die Erfahrung gemacht habe, gerade die Mächtigen seien anfällig für Schmeicheleien? Ja, antwortet er, das gehöre zu diesen Ernüchterungen: Glaube keiner, dass gerade die Leute, die es zu viel gebracht haben und über Macht verfügen, besonders selbstironisch und souverän seien; meist sei erstaunlicherweise sogar das Gegenteil richtig, es sei zuweilen erschütternd, wie viel Einsamkeit und Verfolgungsängste man bei diesen Menschen antreffe. Wir reden inzwischen ziemlich laut, wegen des trommelnden Regens. Ob er schon einmal die Grenzen der eigenen Begabung gespürt habe? Döpfner sagt, eigentlich müsse er jetzt die Antwort verweigern, weil es so arrogant klinge, denn nein, er sei an diesem Punkt noch nicht angelangt, er müsse das einfach so sagen.

Irgendwie ist es ein gutes Bild: Vielleicht der mächtigste Medienmann der Republik, 42 Jahre alt, steht unter grünem Baum und rotem Schirm in grauem Anzug, blauem Hemd und orangefarbener Krawatte und lässt einen teilhaben an seinem Höhenflug. Die Merkwürdigkeit der Situation passt zu diesem Mann, weil Mathias Döpfner bei aller Agilität auch immer ein wenig ausstrahlt, ein Fremdkörper zu sein, als würde er nirgends wirklich hingehören. Wir gehen weiter in Richtung Siegessäule und reden über den möglichen Widerspruch, dass er nämlich von sich sagt, er habe einen starken antiautoritären Impuls, andererseits war er schon in jungen Jahren Assistent von Gruner+Jahr-Managern wie Axel Ganz und Gerd Schulte-Hillen. Wir kommen bei dem Thema nicht recht voran. Dann erzählt Döpfner von frühen Niederlagen, als Chefredakteur bei der Hamburger Morgenpost oder der Wochenpost, die ihm aus heutiger Sicht gut getan hätten, "es war ein früher Reifungsprozess". Und er erzählt, dass ihn irgendwann die Berichte über seine Nähe zu Friede Springer, der Patin seines zweiten Sohnes, nicht mehr genervt hätten.

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Er ist nicht der Chefredakteur und letztlich doch der Boss von "Bild"

Die Bild- Zeitung. Letztlich ist Mathias Döpfner als Springer-Chef ihr Boss. Axel Springer hat dem ZEIT- Reporter Ben Witter den legendären Satz gesagt, manchmal leide er wie ein Hund, wenn er seine Zeitungen lese. Döpfner stöhnt auf, immer, immer werde er darauf angesprochen, also nein, er werde so etwas natürlich nicht sagen. Anders gefragt: Trifft in einem Moment, in dem der Axel Springer Verlag durch den Zukauf der Fernsehsender Sat.1, ProSieben und N24 stark an Macht zunimmt, der Vorwurf, Bild betreibe unverantwortlichen Kampagnen- und Vendetta-Journalismus? Döpfner vermeidet zunächst die direkte Antwort und sagt: "Es ist beklemmend, wie man versucht, die Pressefreiheit in diesem Land aufzuweichen." Dazu gehörten, sagt er, neben wirtschaftlichen Pressionen wie Werbeverboten die so genannte Stärkung des Persönlichkeitsrechts, die Hausdurchsuchungen bei investigativen Journalisten sowie der Vorwurf von Politikern, die Journalisten würden politische Kampagnen betreiben. Noch mal gefragt: Was sagt er zu dem Vorhalt, Bild verfolge Bild- kritische Zeitgenossen mit Schlagzeilen? Er sehe diesen Vendetta-Vorwurf als Teil einer allgemeinen Angriffsstrategie, "aber natürlich ist da auch was Wahres dran. Es gibt Beispiele, die man kritisieren kann und muss. Das ist unbestritten. Aber ein Trend ist das sicher nicht, das bestreite ich."

Es geht zurück zum Café am Neuen See. Die letzten Meter des Spaziergangs, der Chauffeur wartet. Mathias Döpfner redet von Thomas Mann, neben Theodor Fontane sein literarischer Held. Dass er manchmal bei irgendwelchen Begegnungen denke, diese Figur könnte aus einem Mann-Roman entsprungen sein. Leo Kirch? Nein, sagt er, der passe eher zu Lampedusa, dem Autor des Leoparden. Nächstes Thema: Der ProSieben-Sat.1-Deal lief unter dem Namen "Projekt Shalom" – wie es dazu kam? Shalom heißt Friede – und Friede sei auch der Vorname der Hauptaktionärin des Verlags, "außerdem hofften wir, dass dieses Projekt schneller Wirklichkeit wird als der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern". Wie lautete der Geheimname der am Ende letztlich gescheiterten Übernahme des Daily Telegraph? Hab ich schon vergessen, sagt er, sehen Sie, war kein guter Name.

Mathias Döpfner antwortete immer schnell auf alle Fragen, nahezu ohne Zögern. Nur einmal dauerte es richtig lang. Ein merkwürdiger Moment. Es war noch im Auto auf der Hinfahrt. Er sagte gerade, er sei derart abergläubisch, dass er sich nie wirklich freue über einen Erfolg, weil er immer denke, zu viel Freude provoziere eine nächste Klippe. Abergläubisch? Habe er so etwas wie ein Glückshemd, das er an wichtigen Verhandlungstagen immer anziehe? Döpfner schwieg. Und schwieg. Und sagte dann: "Ich weiß es nicht."