DIE ZEIT: Welches Auto fahren Sie zurzeit? David Cronenberg BILD

David Cronenberg: Einen Turbo-Porsche, den ich zusätzlich verändert und getunt habe. Er ist sehr schnell und sehr stark, er hat 470 PS. Ein Einzelstück.

ZEIT: Und mit Ihrer Familie?

Cronenberg: Wir haben noch einen Audi-Geländewagen mit Allradantrieb und einen Mini-Cooper.

ZEIT: Können Sie sich erinnern, wann Ihre Obsession für Autos und Motoren anfing?

Cronenberg: Meine Mutter erzählte immer, dass ich als kleiner Junge nie von meinem Dreirad herunterkam. Ich fühlte mich schon als Kind angezogen von allem, was rollt. Vom Gefühl der Geschwindigkeit, der Freiheit. Der Gedanke an einen Unfall löste bei mir morbide Schauer aus. Irgendwann entdeckte ich dann das Rennauto. Es ist die ultimative Version des Autos, weil es aller sozialen Zeichen entledigt ist. Im Grunde ist ein Rennwagen antisozial, weil er laut, schnell und gefährlich ist.

ZEIT: Sie haben einmal geschrieben, dass man nur in den Motor blicken muss, um die Kultur, die dieses Auto hervorgebracht hat, zu verstehen. Was sehen Sie, wenn Sie in einen deutschen Motor hineinschauen?

Cronenberg: Der Motor als Ausdruck einer Kultur und Mentalität – das bezog sich vor allem auf die Zeit vor der Globalisierung der Autoindustrie. Heute besitzt eine deutsche Firma wie Mercedes eine Tochter namens DaimlerChrysler, und die nationalen Charakteristika verlieren sich immer mehr. In den frühen Jahren der Autoindustrie waren die deutschen Motoren unglaublich robuste Meisterwerke der Effizienz. Unzerstörbar, echte Nibelungenware. Während man an Hondas erstem Formel-1-Motor wiederum viele Zeichen der japanischen Kultur erkennen konnte. Er war hoch komplex und sehr klein, fast wie eine japanische Kalligrafie.

ZEIT: Gerade haben Sie das Drehbuch Red Cars über die Ferrari-Familie veröffentlicht. Warum wurde nie ein Ferrari-Film daraus?

Cronenberg: Leider wird das Filmemachen heute in erheblichem Maße von Versicherungen und Anwälten bestimmt. Vor allem in den Staaten hat jeder Angst, verklagt zu werden. In Red Cars kommen wirkliche Personen der Ferrari-Familie vor. Dabei sind die Leichen, die ich aus dem Keller des Clans hole, längst bekannt. Ein Beispiel: Als Enzo Ferraris Frau Laura starb, adoptierte er den unehelichen Sohn seiner Geliebten, um ihn zu legitimieren: Piero Ferrari. Das weiß in Italien jedes Kind.

ZEIT: Was fasziniert Sie am Mythos Ferrari?

Cronenberg: Enzo Ferrari war selbst Test- und Rennfahrer. Er war ein sehr italienischer Charakter, und er hatte einen natürlichen Sinn für Dramatik. Die Rennen waren früher viel gefährlicher, viele Fahrer kamen ums Leben. Ferrari hat das nie verschwiegen. Er schrieb ein Buch mit dem Titel My Terrible Joys, in dem er auch über die schrecklichen Tragödien und Unfälle schrieb. Ferrari hat sich der Gefahr, dem Rausch des Rennens und der Faszination des Todes gestellt. Daher sind heute immer noch mehr Menschen von Ferrari fasziniert als, sagen wir mal, von Porsche. Es gibt da einfach dieses italienische Temperament, dieses Gefühl für den Rennsport als Inszenierung und große Todesoper. Und auf der anderen Seite die eher zurückhaltende deutsche Mentalität. Der Kampf zwischen Ferrari und Porsche war die klassische Rivalität der Sportwagengeschichte. Dabei ging es um mehr als Autos und Motoren.

ZEIT: Und worum ging es?

Cronenberg: Um die Lust an der Geschwindigkeit, um Sportsgeist, Glamour. Um all das, was heute bei der Formel 1 unterdrückt wird. Da haben jetzt die Konzerne das Sagen. Wer mitmachen will, muss sich politisch korrekt verhalten. Früher feierten die Fahrer nächtelange Partys, hatten Affären und posierten schon mal mit einem Glas Champagner hinterm Steuer. Heute braucht man adrette Fahrer, die sich gut gegenüber der Presse ausdrücken können. Die Zeit der Exzentriker ist vorbei. Politiker und Sportler waren sich noch nie so ähnlich.