Fabrikschlote, überfüllte Oberleitungsbusse, Toyota-Werbung und ein Bahnhof, an dem die Transsibirische Eisenbahn hält: Das ist Nowosibirsk. Einem geschlossenen Industriekomplex gleich, liegt Russlands drittgrößte Stadt in der westsibirischen Taiga. Ein stampfender Produktionsmotor für Rüstung und Maschinenbau im Dienste Moskaus. Eine 1,4-Millionen-Metropole, die der Westen noch nicht entdeckt hat. "Westliche Ausländer", klagen die Nowosibirsker, "sind bei uns so selten wie die Bären!" Die globalisierte Welt, so kommt es ihnen vor, ist auf der anderen Seite des Urals stecken geblieben. Zwar haben deutsche Konzerne wie Siemens, BASF und Commerzbank ihre Filialen eröffnet, und der westfälische Mittelständler Veka verkauft isolierte Fensterrahmen gegen die sibirische Kälte. Das große Kapital jedoch fließt nach Moskau, ins aufstrebende Nowgorod oder in die Urlaubsregion Krasnodar. Nowosibirsks Anteil an den gesamten ausländischen Direktinvestitionen im Land ist gering: Er liegt bei gerade mal zwei Prozent, und davon kommt der größte Teil aus China. Firmenchef Eric Shogren vor einer seiner New-York-Pizza-Filialen in Nowosibirsk BILD

Nowosibirsk ist das Aschenputtel unter den Industriezentren Russlands. Dabei eignet es sich bestens als Vertriebszentrum für den Markt vom Ural bis nach Wladiwostok. Der traditionell wichtigste Güterumschlagplatz zwischen dem europäischen und dem asiatischen Russland ist verkehrstechnisch gut angebunden – und von Deutschland im Direktflug in fünf Stunden zu erreichen.

Bereits Mitte der neunziger Jahre wurde der US-Amerikaner Eric Shogren vom Goldgräberfieber ergriffen. Der damals mittellose Hockeyspieler aus Minnesota ging nach Nowosibirsk, wo er seine Liebe und eine neue Heimat fand. Mit schlichten Geschäftsideen baute er in Sibirien ein "Multimillionen-Dollar-Imperium" auf, wie die Moscow Times schreibt. Heute ist Shogrens New-York-Pizza-Kette das Aushängeschild der Nowosibirsker Wirtschaft. "Er ist ein Vorbild für den Erfolg im Russlandgeschäft", schwärmt Anatolij Newerow, der das Informations- und Wirtschaftszentrum in Frankfurt leitet und von dort aus für Investitionen in Nowosibirsk wirbt.

Shogren wurde zum Titelhelden der sibirischen Lifestyle-Magazine: einer, der den American way of life nach Nowosibirsk gebracht hat. Sein Blues- und Jazz-Club New York Times liegt in der Lenin-Straße. Der Eingang wird bewacht von zwei hünenhaften Türstehern und einer Garderobiere im nabelfreien Top. Drinnen ist es laut, verraucht und schwitzig, Jungmusiker befeuern die Tanzenden mit Mick-Jagger-Stücken. Hier ließen sich die Scorpions zu einer spontanen Jam-Session hinreißen, der amerikanische Botschafter überraschte Nachtschwärmer mit einem Schlagzeugsolo.

Shogren selbst sieht man meist mit einer Gruppe am Tresen stehen, es sind Geschäftsleute, Diplomaten, Politiker. Er ähnelt einem übergewichtigen, freundlichen Bären mit Bart und rotem Wuschelhaar, der mit dem Fuß den Beat mittappt. Vor fünf Jahren hat er das New York Times eröffnet. Damals sehnte er sich nach Rockmusik und Trubel. Bis heute heilte der Club nicht nur das Heimweh, sondern erwies sich auch als nützlich: Er wurde die perfekte Börse für Geschäftskontakte.

Als erster Nowosibirsk-Investor hat Shogren verstanden, dass Beziehungen in Russland so wichtig sind wie Verträge im Westen. Für diese Erkenntnis wurde er reich belohnt: Heute besitzt der 39-Jährige eine Großbäckerei, ein Kino, 25 Pizza-Imbisse und Nobelrestaurants. Er hat eine Frau aus Nowosibirsk geheiratet und mit ihr fünf Kinder, die den Vatersnamen Erikowitsch tragen. In der Regionalregierung kennt er jeden, heißt es, von der Buchhalterin bis zum Gouverneur.

"Besser der erste Laden in Sibirien als der zwanzigste in Minnesota"

Inzwischen scheinen die Einflussreichen und Wohlhabenden nur darauf zu warten, an seinen fixen Ideen beteiligt zu werden. Zum Beispiel jetzt an der Wiederbelebung der sibirischen Landwirtschaft. Eine Herkulesaufgabe ohne Reiz? "Kalkuliertes Risiko mit gewaltigen Gewinnchancen", glaubt Shogren. Ähnlich beurteilte er vor gut zehn Jahren die Chancen einer Imbisskette – und machte die New-York-Pizza-Schnellrestaurants zum Umsatzmotor seines sibirischen Imperiums. "Ich finde es weniger riskant, die erste Pizza-Kette in Nowosibirsk zu eröffnen als die zwanzigste in Minnesota", sagt er. Ihn wundert immer wieder, dass die westliche Wirtschaft offensichtlich anderer Meinung ist.

Bürokratie, korrupte Funktionäre, Schutzgeldmafia, unklare Gesetze und gekaufte Richter, das marode Bankensystem und die Rubelkrise des Jahres 1998: Die Krankheiten der jungen Marktwirtschaft haben dem Privatunternehmertum in Russland schweren Schaden zugefügt. Andere Geschäftsleute aus dem Westen bekamen in Nowosibirsk meist schnell kalte Füße. Den sibirischen Markt mit seinen 23 Millionen Menschen haben sie geschäftstüchtigen Chinesen überlassen. Die trifft man inzwischen überall: in illegalen Wohngemeinschaften ebenso wie in den noblen Hotels. Auch Eric Shogren ist in seinen ersten Jahren in Russland mit einem Supermarkt in Konkurs gegangen und verlor sein Kapital ein zweites Mal in der Rubelkrise. "Aber er hat nicht aufgegeben", sagt Wirtschaftsförderer Newerow. "Eto po russkij – Das ist russische Lebensart!" Shogren hat dazugelernt. Einfach nur eine Pizza-Kette zu betreiben reichte nicht aus. Er brauchte ein dichtes Beziehungsnetzwerk aus Geschäftspartnern und Unterstützern in Großindustrie und Regionalverwaltung, dazu ein eingespieltes Team und internationale Financiers. Einen robusten Geschäftsorganismus also, der Pizza, Musikkneipen, Backwaren und jedes andere Großstadtprodukt herstellen kann.

Die Jahre des wilden Ostens sind vorbei, glauben deutsche Wirtschaftsverbände. "Die Rahmenbedingungen haben sich deutlich verbessert", sagt Oliver Wieck, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. "Aber die Unternehmen sind noch immer zurückhaltender, als sie es jetzt sein müssten." Laut der Bundesagentur für Außenwirtschaft betrug der Anteil ausländischer Direktinvestitionen am russischen Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr gerade 1,3 Prozent. Das ist weniger, als es das stabile Wirtschaftswachstum erwarten ließe – und in Sibirien kam davon so gut wie gar nichts an. Nur jedes vierte deutsche Unternehmen interessiert sich überhaupt für Russland. Und das, obwohl die Deutschen nach der aktuellen Umfrage des Industrie- und Handelskammertages eifriger denn je nach Investitionsmöglichkeiten im Ausland suchen.

"Gerade haben die Sibirier ihre Liebe zum Jogurt entdeckt"

Während sie das tun, hat Eric Shogren sein Reich errichtet und plant bereits das nächste Projekt – ausgerechnet im Agrarsektor, dem Sorgenkind neben zahlreichen prosperierenden Branchen. In Nowosibirsk ist die Zahl der Rinder in den vergangenen 25 Jahren um zwei Drittel zurückgegangen, die Milchproduktion sinkt rapide. Die Hälfte seines Bedarfs an Butter, Käse und Milchpulver muss Russland inzwischen importieren. Und das, obwohl Land preiswert zu haben ist.

"Eine wunderbare Zeit zum Investieren", sagt Shogren. "Gerade haben die Sibirier ihre Liebe zum Jogurt entdeckt!" Seine Hände zeichnen die Umrisse der Milchfarm in die Luft, die bis zum Spätsommer vor den Toren von Nowosibirsk entstehen soll: Eine 21-Hektar-High-Tech-Stallung für 3200 holländische Hochleistungsrinder, eine Modellfarm mit Biogasanlage, Ausbildungszentrum, Laboratorium und Zuchtstation. Shogrens missionarischer Eifer hat namhafte Unterstützer aus den Vereinigten Staaten überzeugt: Im Aufsichtsrat sitzen James Collins, der ehemalige US-Botschafter in Russland, sowie John Vrieze, der Präsident der Wisconsin Dairy Business Association, des Verbandes der Milchwirtschaft. Beide sind mit ihrem Privatkapital an der 20-Millionen-Dollar-Anschubfinanzierung beteiligt, wie auch verschiedene Agrarkonzerne, die Nowosibirsker Regionalregierung und Banken aus Moskau.

Wenn Shogrens Vision wahr wird, werden sich Milchfarmen in den sibirischen Weiten genauso ausbreiten wie Pizza-Imbisse in Nowosibirsk. "Sibirien bietet unendlich viele Geschäftsmöglichkeiten, die alle funktionieren würden", sagt er. "Man braucht nur jemanden, der sie umsetzt."