Für die meisten Menschen ist der technische Fortschritt wie eine heftige Großwetterlage: Unmerklich braut sich etwas zusammen, bis es kracht. Daran lässt sich nichts ändern. Dieser Mythos wird gern auch von denen genährt, die eine technische Umwälzung vorantreiben, sei es aus Spieltrieb oder Geschäftstüchtigkeit.

Jüngstes Beispiel: die Nanotechnik, die Manipulation von Molekülen und winzigsten Teilchen. Wenn alles gut geht, scheint dereinst die Sonne. Die Nanotechnik wird den Krebs besiegen, Supercomputer und Weltraumaufzüge ermöglichen, ja, alle Energieprobleme lösen. So hören wir es seit Jahren. Dass es auch - ein wenig - regnen könnte, wollen die Experten natürlich nicht ganz ausschließen. Sie engagieren andere Experten, sprich Ethikkommissionen, die sich anstelle von uns mit den Risiken beschäftigen.

Damit sollten wir uns nicht zufrieden geben. Denn der technische Fortschritt ist ebenso wenig eine Naturerscheinung wie das Steuersystem. Warum nicht endlich technische Demokratie wagen? Der Techniktheoretiker Langdon Winner hat vor zweieinhalb Jahren vor einem Ausschuss des US-Kongresses vorgeschlagen, die Bürger nicht nur darüber "aufzuklären", was es mit der Nanotechnik auf sich habe. Man solle Bürgerforen einrichten, die sie unvoreingenommen begutachten und Empfehlungen abgeben. Dann liege es an Politik, Industrie und Forschung, diesem "Volkswillen" Respekt zu zollen.

Einen Anfang haben Greenpeace Großbritannien, die britische Tageszeitung The Guardian und Wissenschaftler der Universitäten Cambridge und Newcastle gemacht. Im Frühjahr hoben sie die "Nanojury" aus der Taufe: 20 Bürger, allesamt Laien, berieten sich fünf Wochen lang, mit Expertenhilfe, über die neue Technik. Vor zwei Wochen teilte die Jury dann ihren Befund mit. Siehe da, die Bürger sind sehr wohl zu einem dezidierten Urteil fähig. Anstatt sich, wie Experten oft befürchten, von Science-Fiction-Horrorszenarien wild gewordener Nanoroboter blenden zu lassen, haben die Laien klare Schwerpunkte gesetzt: Öffentliche Nanoforschungsgelder sollen vor allem in die Bereiche Gesundheit und Energie gesteckt, Stoffe im Nanoformat gründlich auf ihre Toxizität untersucht und Nanoprodukte als solche in "einfachem Englisch" gekennzeichnet werden.

Interessant sind auch die Randnotizen. Einige Jurymitglieder fühlten sich von manchen Experten paternalisiert, und alle empfahlen unisono, Wissenschaftler sollten ihre "Kommunikationsfähigkeiten" verbessern. Ein Mitglied berichtete, seine Tochter sei in der Schule von einem Lehrer abgebügelt worden, als sie stolz ihr Nanotechnikwissen vortragen wollte. Der meinte: Woher sie das denn wisse, ihr Vater sei doch Taxifahrer.

Die Nanotechnik wird oft als revolutionär bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe eines Tages Dinge from the bottom up, also aus den untersten Materiebausteinen, gefertigt werden könnten. Revolutionär wäre es auch, wenn erstmals technischer Fortschritt from the bottom up, also von den Bürgern aus, verhandelt würde. Die Schweizer werden in Kürze eigene Nanoforen starten. Da sollte sich das innovationsbesessene Deutschland gleich anschließen.