Die literarische Intelligenz tut sich seit jeher schwer mit Mathematik und theoretischer Physik. Das gilt noch in heutigen Klassenzimmern, das war selbst beim wissenschaftsbegeisterten Goethe so, der mit Newtons analytischer Rationalität haderte. Für Carl Friedrich Gauß, den mathematischen Zeitgenossen Goethes, war die Sache somit ziemlich klar: Goethe links liegen lassen. Deshalb lässt Daniel Kehlmann seinen Helden Gauß denn auch nach Weimar reisen, zu einem Abend im Hoftheater, dessen Intendant Goethe war, und der Fürst der Mathematik, der princeps mathematoricum, zieht enttäuscht erst vom Leder, dann von dannen. Das ist so nicht verbürgt, aber man weiß, dass Gauß in Weimar war und dass er Goethe nicht eigens sprechen wollte, damals ein Privileg – warum wohl nicht?

Und warum kennen und ehren wir nicht einen der größten Mathematiker aller Zeiten, Carl Friedrich Gauß, der in diesem Frühjahr seinen 150. Todestag hatte? In Göttingen und Braunschweig hat man seiner gedacht, da trafen sich Fachwissenschaftler und Heimatkundler auf Symposien. Aber die großen Medien, erst gar die Feuilletons? Waren die noch erschöpft davon, die von Hans Magnus Enzensberger losgetretene Alexander-von-Humboldt-Lawine abzuarbeiten?

Das war Humboldt reloaded, das Programm eines lauten Verlages, das gefunkt und gezündet hat, sodass heute jeder, der Bildung will, zehn Kilo ungelesenen und streckenweise unlesbaren Humboldt im durchgebogenen Regal stehen hat. Auch hier läuft etwas richtig schief: Humboldts Reise in die Äquinoktialgegenden nämlich, jedenfalls sein Extrakt, die Relation historique , ist tatsächlich guter Lesestoff, doch der ist ja schon länger auf dem Markt, also nicht als neu zu verkaufen.

Kurzum, Gauß und Alexander von Humboldt sind die beiden Helden des neuen Romans von Daniel Kehlmann, und das ist hoch interessant und weckt große Erwartungen, zumal Kehlmann, gerade einmal dreißig Jahre alt, mit seinen fünf vorherigen Büchern sich als kluger, konzentrierter und eben auch naturwissenschaftlich interessierter Erzähler gezeigt hat.

Alexander von Humboldt eignet sich vorzüglich als Romanfigur. Der Bruder des Sprach- und Kulturforschers, des preußischen Bildungsministers und Universitätsgründers Wilhelm, befreundet mit der Weimarer Elite des deutschen Geisteslebens, Schüler Georg Forsters, lange in Paris lebend und als berühmte Persönlichkeit mit Gott und der Welt und Napoleon in Kontakt, wilder Weltreisender auf eigene Kosten, »zweiter Entdecker« des südamerikanischen Kontinents, mit Vulkangestein, Insektenlarven, Fledermäusen und aztekischen Monumenten gleichermaßen vertraut, rastlos bis zur Raserei, Universalist und Organisationsgenie, mit verborgener Neigung zu Männern, seinerseits hofiert vom preußischen König, dessen ständiger Berater er gegen Ende seines Lebens wurde – dieser Mann ist sicher eine der reichsten Figuren, was Stoff, Farbe und Exzentrik angeht, die die deutsche Geschichte überhaupt hervorgebracht hat. Und nebenbei eine der berühmtesten, weshalb Enzensberger auf seiner Humboldt-Hommage-Tour nicht müde wurde, ihn in einem Atemzug mit Marx und Einstein zu nennen.

Hier hat der Erzähler zweifellos die Qual der Auswahl, der Reduktion, der Zuspitzung. Und die sind Daniel Kehlmann durchaus gelungen, eben weil er, selten für einen intellektuell überbordenden Autor, sich stilistisch sehr bewusst bescheidet mit knappen Sätzen, stark umrandeten präzisen Szenen, jeder Verführung zur Übersteigerung mit schnellen, vorwärts drängenden Perioden begegnend, manchmal etwas hastig, andererseits diskret distanzierend, indem er auf jede wörtliche Rede verzichtet. Und das Schöne dabei: Man erfährt eine Menge über diesen Überflieger, über die endlosen, oft mutwillig erzeugten Strapazen der Feldforschung, die von Lust und Leidenschaft kaum zu unterscheiden sind, über das wissenschaftliche Ethos, das sezierende und ordnende Gewalt gegen die Natur einschließt ebenso wie eine fast selbstquälerische Hingabe an dieselbe. Hier ist der Wissenschaftsprozess ganz eingebunden in eine personale Triebstruktur, und der Preis für die wissenschaftliche Neugier wird immer literarisch mitinszeniert.

Humboldt umarmt Bäume, und Gauß operiert im Unsichtbaren

Kehlmann scheut dafür auch Veränderungen der Tatsachen nicht, schließlich will er keine Biografien geschrieben haben, wie er mehrfach betont hat, sondern…, ja was eigentlich? Er sagt: Romanbiografien. Nun ja, jedenfalls lässt er Humboldt und seinen Adlatus Bonpland, anders als bezeugt, wochenlang einige Zentner Leichen auf ihrem Boot über den Orinoko mitschleppen, inklusive der Ahnen- und Gespenstermitgift, die alle Einheimischen angstvoll spüren, nur Humboldt nicht. Kehlmann pointiert damit den Widerspruch, dass der Entdecker so vieler metaphysisch geprägter Bräuche, Skulpturen, Monumente und Erfindungen des lateinamerikanischen Kontinents sich auf der subjektiven Seite metaphysisch taub stellt. Dabei bedient er nicht über die Maßen die gängigen Topoi der Wissenschaftskritik, er hält die Figur ambivalent. Humboldt ist der zugleich ignorante und liebende Entdecker, der einen alten Baum auf Teneriffa mit Tränen der Wehmut umarmt, andererseits mit seinen Kenntnissen die strategischen Kriegspläne Thomas Jeffersons befördert. Hier entfaltet Kehlmann ein epochales Panorama über den brachialen und manchmal zärtlichen Weltzugang eines einzigartigen Wissenschaftlers und adligen Abenteurers. Nur gelegentlich sucht diesen das Verdrängte heim, im Blick eines Jaguars zum Beispiel oder dem eines nackten Knaben. Dann flammt die Vermessung der Welt für einen Moment herzwärmend auf. Doch die eigentliche Heimsuchung Humboldts – und das ist wörtlich zu nehmen – heißt Carl Friedrich Gauß, der in seiner stillen Forscherstube sitzt und mit nichts vor Augen mehr erkennt als der frühe Outdoor-Enthusiast Humboldt.