Dem uneingeweihten Leser geht es zunächst wie dem erschrockenen Erzähler: Man glaubt es kaum. Was, um Himmels willen, schiebt sich da plötzlich durch die Katzentür – ein langer glitschiger Arm mit Schwimmhäuten? Was kreischt da vor dem Fenster und springt durchs splitternde Glas? Was rottet sich rund ums Haus zusammen und greift in Rudeln an? Ungeheuer? Furchterregende amphibische Mischwesen, halb Lurch, halb Gazelle, die nachts aus dem Meer steigen? Da müssen irgendjemandes Nerven durchgegangen sein. Bestimmt ist der Erzähler nicht ganz bei Trost. In seiner Fantasie wird er von Monstren verfolgt. Und der Autor stellt sie dem Leser einfach vor Augen, als wären sie echt.

Doch niemand löst das Hirngespinst auf. Der Erzähler wehrt die nächtliche Attacke ab. Er kommt noch einmal davon. Aber nur bis zur nächsten Nacht. Dann kehren die "Froschkerle" zurück – und wieder geht es ums Überleben. Hilfe kann der fassungslose Erzähler nicht erwarten. Er befindet sich, als neuer Wetterbeobachter, auf einer winzigen Insel nahe dem südlichen Polarkreis. Außer ihm lebt nur ein anderer Mensch auf der Insel, Batís Caffó, Herr über den Leuchtturm. Allerdings scheint Caffó selbst schwer angegriffen zu sein, in jeglicher Hinsicht.

Albert Sanchez Piñols Roman Im Rausch der Stille beginnt als eine Art insulares Kammerspiel, das sich allerdings schon bald in einen Horrorfilm verwandelt. Von da an verläuft der Roman zweigleisig: Die Winkelzüge des Überlebenskampfes münden in überraschende Manöver des Geistes. Dabei kommt es mehrfach zu entscheidenden und interessanten Stellungswechseln. Und weil Sanchez Piñol ein effektiver Erzähler mit einer geschickten Kurventechnik ist, saust der Leser ziemlich atemlos dem Ende entgegen und fühlt sich nach dessen Erreichen gewissermaßen glücklich durchgerüttelt.

Wenn ein Katalane über einen Iren schreibt, wundern sich die Spanier

Im Rausch der Stille entert den deutschsprachigen Markt bereits als Bestseller. In Katalonien, dem Heimatland des Autors, hat sich das Buch seit seinem Erscheinen vor drei Jahren mit erstaunlichen 100000 Stück verkauft. Die katalanischsprachige Literatur, eine Randerscheinung im Vergleich zum immensen spanischsprachigen Raum, hat mit diesem Debüt einen schmissigen Erfolgstitel hervorgebracht, von internationalem Appeal und mit Übersetzungen in knapp dreißig Sprachen. Damit hatte vor Ort kaum jemand gerechnet. Denn die katalanische Literatur gilt, lässt man Niveaufragen mal beiseite, als regionalistisch. Insbesondere Spanier sind der Meinung, dass jemand, der freiwillig im regionalen Idiom schreibt statt im international viel besser verkäuflichen castellano (wie etwa die Katalanen Javier Cercas oder Carlos Ruiz Zafón), dies nur aus einem patriotischem Liebesdienst an der katalanischen Muttererde tun kann. Das ist zwar ein Vorurteil, aber eines, das auch die katalanische Kulturpolitik schürt, indem sie alles Kulturgut am liebsten nach dessen Nutzwert im Kampf um die "nationale" Identität bewertet.

Sanchez Piñol tritt in diesem Wettbewerb nicht an. Sein Roman spielt weder in Katalonien, noch tritt ein Katalane auf. Der namenlose Ich-Erzähler ist ein desillusionierter irischer Freiheitskämpfer, der Anfang der zwanziger Jahre seine Heimat verlässt, um sich für eine Saison auf die entlegene Insel zurückzuziehen. Dass Sanchez Piñol weder dem spanischen Markt nach dem Mund noch dem katalanischen Sentiment nach dem Herzen reden wollte, diese doppelte Merkwürdigkeit seines Buches hat ihm den Durchbruch eindeutig erschwert. Die Kritik besprach es eher nebenbei. So hatte es zunächst nur die Buchhändler und die Mundpropaganda auf seiner Seite – bis sich später die Nachricht über all jene renommierten Verlage verbreitete, die im Ausland angebissen hatten. Trotzdem wurden von der spanischen Übersetzung in zweieinhalb Jahren nur 30000 Exemplare verkauft. Das bestätigt die außerordentliche Reserve der Spanier gegenüber katalanischsprachiger Literatur.

Das Grauen und die Liebe sind nicht ganz von dieser Welt