Der Originaltitel des Buches lautet La pell freda, "Die kalte Haut". Das ist präziser und klingt nicht so dick aufgetragen wie Im Rausch der Stille. Allerdings: Auch der Roman trägt mitunter dick auf. Sogar gleich im ersten Satz. "Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wie denken", heißt es da. Das ist wie ein Schlag ins Wasser. Und es wird nicht die einzige scheppernde Sentenz des Buches bleiben. Doch meist hat man dem Autor schnell vergeben. Nicht nur wegen der Action, die fast jede falsche Tiefgründelei rasch ausbalanciert. Sondern auch, weil Sanchez Piñol seinem Roman so deutlich eine Joseph-Conrad-Lackierung auflegt, dass es schon wieder wie spielerische Absicht wirkt (das klassische Zitat "Das Grauen! Das Grauen!" aus Herz der Finsternis kehrt hier als "Die Liebe, die Liebe" zurück). Außerdem wird der eher zurückgelehnte, conradisierende Grundton regelmäßig von Horrormotiven durchbrochen, die eher der Schreckenswelt von H. P. Lovecraft entlehnt scheinen. Mit dieser Mischung aus Hommage und Pastiche, aus Parabel und Schauerstück gelingt dem Autor ein spannender Spagat.

Am Ende geht es natürlich nicht um den Grusel. Sanchez Piñol ist von Haus aus Anthropologe, Spezialgebiet Afrika (seine Dissertation über die Pygmäen liegt derzeit auf Eis). Im Rausch der Stille beschreibt Feindbilder, beobachtet deren Zerfall und zeigt die menschliche Projektionskraft im Härtetest. Mitunter lugen hinter den Umschwüngen der Geschichte noch die Gedankenspiele des Akademikers hervor, der draußen, Aug in Aug mit dem Fremden, am besten zu begreifen scheint. Der Schriftsteller Sanchez Piñol weiß allerdings auch, dass irgendwo Schluss ist. Sein Ire lernt dazu, wie Joseph Conrads Helden. Doch es nützt ihm wenig. Gegen Ende hält er mit einem Seufzer fest, "dass die Kenntnis der Wahrheit das Leben nicht verändert".