Jedes Buch hat einen Ursprung, einen Ausgangsort, ein erstes, starkes Movens. Im Fall von Nicole Krauss’ Roman Die Geschichte der Liebe ist es der drängende Wunsch, die eigene vertraute Welt mit jener anderen, fremden zu versöhnen, die für jedes Kind oder Enkelkind verfolgter Juden wie für jeden Nachkommen anderer, gewaltsam aus der ursprünglichen Heimat Vertriebener ein lebenslanges Faszinosum bleibt: die Vorher-Welt, dieses seltsame schwarze Loch, "aus dem wir kommen", zu dem die Vorfahren eine so sentimentale wie schmerzerfüllte Beziehung haben, welche die Enkel weder teilen noch nachempfinden können, sosehr sie das auch wünschen. Die Katastrophe überbrücken, die eigene Herkunft begreifen, die abgeschnittenen Wurzeln paradox in sich selbst hinein verlängern – das steckt dahinter, wenn sich junge Menschen plötzlich aufmachen und nach Polen, Russland und in die Ukraine fahren oder, je nach Familiengeschichte, nach Ostpreußen, Schlesien oder ins ehemalige Sudetenland.