Darf es die Geschichte mit den fehlenden Anzügen sein? Die mit dem nonkonformistischen Habitus? Geschenkt. Schnee von vorgestern. Hat mal – 15, 20 Jahre ist das her – für große Aufregung gesorgt im Sperrbezirk Klassik und war sehr hilfreich, das Kronos Quartet auf die musikalische Landkarte zu bringen. Dort ist es seitdem nicht zu übersehen, ein schillernder Klecks in der Landschaft, der stetig in viele Richtungen ausgreift. Der beim Wachsen erst lässig alle Demarkationslinien ignoriert hat, bis sich irgendwann, nach all den Programmen, zwischen Klassik, Minimal Music, klassischer Avantgarde und maßgeschneiderten Bearbeitungen artfremder Vorlagen, die Konturen eines eigenen Kontinents herausschälten.

Der Musik des 1994 verstorbenen Komponisten Rahul Dev Burman, der die Musik zu mehr als 300 Bollywood-Filmen schrieb, und der Stimme seiner Frau, der Sängerin Asha Bhosle, ist You’ve Stolen My Heart, die jüngste CD des Kronos Quartet, gewidmet. Vom Klang eines Streichquartetts ist hier kaum noch etwas zu ahnen, stattdessen schlüpft das Kronos Quartet in die Rolle eines Samplers, der unter Einbeziehung aller verfügbaren Instrumente und einiger handverlesener Instrumentalisten wie des indischen Tablavirtuosen Zakir Hussain die für den jeweiligen Anlass erforderlichen Klänge erzeugt. Doch dafür entsteht vor dem inneren Ohr ein Breitwandformat von Filmmusiken, ein schwerer Vorhang aus eingängigen Melodien, aus geraden Metren, einfachen Rhythmen und überzuckerten Harmonien. Und dazu diese Stimme: warm und anheimelnd, gleichzeitig fragil und wuchtig, ein bisschen pastoral, ein wenig Jane Birkin und, wenn es ums große Sentiment geht, nicht eben zurückhaltend. Aber dann auch wieder lässig und ausgekocht und sogar swingend.

Sechs Jahre benötigte dieses Projekt, um sich vom Geistesblitz zur CD zu entwickeln. Zwei Jahre, seit David Harrington, Violinist, künstlerischer Kopf und Sprachrohr des Kronos Quartet, ernsthaft an diesem Projekt arbeitete, Hunderte von Songs hörte, um schließlich zwölf davon für das Album auszuwählen. Harte Arbeit, bei der sich Harrington in erster Linie von seinem Instinkt leiten ließ. "Interpretationen von Musik sind Rekonstruktionen von Erfahrungen", umreißt Harrington seinen Ausgangspunkt, "und um die muss man sich kümmern wie um Pflanzen. Man muss sie gießen, kultivieren." Und genau das verwirklicht er hier: mit Tönen, "die so traurig klingen, als würden sie die Brust auswringen und im selben Moment freudig, ekstatisch froh", schließt You’ve Stolen My Heart an die Trilogie von Early Music (1997), Caravan (2000) und Nuevo (2002) an, mit der Harrington den Tod seines Sohnes zu verarbeiten suchte. Und gleichzeitig verlängert sie die lange Reihe von Projekten, die seinen Anspruch erfüllen, ständig den Horizont zu erweitern. "Als ich mit 13 anfing, Quartettmusik zu spielen", erinnert sich Harrington, "schaute ich auf die Weltkarte, und plötzlich sah ich, dass alle Quartettmusik, die ich spielte, von Männern geschrieben wurde, die in Wien gelebt hatten und seit 150 Jahren tot sind. Das ist ja komisch, dachte ich, eines Tages werde ich weniger ignorant sein." Die Zeiten haben sich geändert, die musikalische Landkarte kennt nun schon einige Städte mehr, doch noch ist die Arbeit nicht erledigt, weiterhin ist Harrington auf der Suche, ein freundlicher Getriebener. "Ich höre so viel Musik, wie ich kann", sagt er, "weil mich die Vorstellung ängstigt, dass es immer noch musikalische Genies gibt, deren Musik ich vielleicht niemals hören werde." Also hat Harrington immer einen Stapel CDs im Gepäck, sorgt dafür, dass die Anregungen nicht abreißen. Bisher kann er nicht klagen. 55 Projekte, rechnet er lächelnd vor, stehen im Moment auf seiner Liste, das dürfte fürs Erste reichen.