Über die Judenmorde in Mittel- und Osteuropa waren die britischen Regierungsstellen bereits während des Zweiten Weltkrieges ziemlich vollständig im Bilde. Denn es war ihren Spezialisten gelungen, die mit dem deutschen Enigma-System verschlüsselten Vollzugsmeldungen der Einsatzgruppen der SS zu dechiffrieren. Durch das brisante Buch des Mainzer Historikers Söhnke Neitzel erfahren wir nun zusätzlich, dass die Briten auch über das Innenleben der deutschen Wehrmacht bestens informiert waren, weit besser jedenfalls, als man sich das in Deutschland damals vorzustellen vermochte. Denn die Abhörspezialisten im englischen Kriegsgefangenenlager Trent Park nördlich von London, einem Sonderlager für Generäle, leisteten ebenfalls perfekte Arbeit. Sie hörten die deutschen Generäle und Stabsoffiziere systematisch ab. Die Schlaf- und Aufenthaltsräume waren "verwanzt", das heißt, mit versteckten Mikrofonen ausgestattet.

Die britischen Abhörfachleute – meist handelte es sich um deutsche Emigranten, die jetzt in der britischen Armee dienten – fertigten zunächst deutschsprachige Protokolle und dann englische Übersetzungen an, die ausgewählten Militär- und Regierungsstellen zugingen. Neitzel hat dieses interessante Material aus den National Archives in London, das die Zeit vom Spätsommer 1942 bis Herbst 1945 umfasst, in einer Quellenedition zugänglich gemacht. Neben einem umfangreichen Anmerkungsapparat enthält der Band Kurzbiografien aller 88 Offiziere, die in den Abhörprotokollen zu Worte kommen. Diese Offiziere waren nach der Kapitulation der Heeresgruppe Nordafrika im Mai 1943 oder später beim Vormarsch der Alliierten in Frankreich, Belgien und Deutschland in Kriegsgefangenschaft geraten, hatten zuvor aber auch auf anderen Kriegsschauplätzen Erfahrungen gemacht.

Die Abhörprotokolle belegen, in welchem Ausmaß die deutschen Generäle und Stabsoffiziere im Kriegsgefangenenlager Trent Park schon ab 1943 über alle Details des deutschen Vernichtungskrieges im Osten und Südosten Europas informiert waren: über die Judenmorde, die Ausführung des "Kommissarbefehls", die Liquidierung von Zivilisten in Polen und Russland, über das massenhafte Verhungern von kriegsgefangenen Rotarmisten in deutschem Gewahrsam, über den Partisanenkrieg und die Praxis der Geiselerschießungen, über das ganze Ausmaß der rücksichtslosen Zerstörung von Städten und Dörfern. Der Informationsfluss zwischen den zur Untätigkeit verdammten Kriegsgefangenen von Trent Park war intensiv. Niemandem konnte es hier gelingen, im Stande der unschuldigen Unwissenheit zu verharren.

"In Oberschlesien haben sie die Juden fabrikmäßig abgeschlachtet"

Wer diese Abhörprotokolle studiert, taucht ein in eine Welt der Gewalt und der Destruktion. In dem häufig verwilderten Vokabular dieser Offiziere geht es ums Umlegen, Totmachen, Erledigen, Anzünden, dem Erdboden Gleichmachen, Vergasen, Exekutieren. Gelegentlich beklagen sie, dass einige dieser Gewaltmethoden nicht mit ihrer Offiziersehre vereinbar seien und "man" eigentlich hätte etwas dagegen unternehmen müssen. Als "Ehrengesindel" hat ein ehemaliger einfacher Wehrmachtsoldat diese Herren einmal treffend charakterisiert.

Erstaunlicherweise bekannten einzelne Generäle in den vermeintlich geheimen Kameradengesprächen nicht nur ihre allgemeine Kenntnis von den Massenverbrechen, sondern ihre – zum Teil mehrfache – Augenzeugenschaft von Judenmassakern und sogar ihre persönliche Beteiligung. So berichtete Oberst Eduard Hellwig im August 1944, er habe "selbst gesehen", wie in Gomel "Kinder von vier bis fünf Jahren, Mädchen von vierzehn, fünfzehn, sechzehn Jahren" erschossen wurden. Generalleutnant Otto Elfeldt erzählte seinem Kameraden Heim, sein Pionierführer habe ihm in der Gegend von Kiew gemeldet, er habe einen Sprengeinsatz gehabt, um die Leichen der 32000 in Babij Jar ermordeten Juden – einschließlich Frauen und Kinder – verschwinden zu lassen. Generalleutnant Heinrich Kittel wusste von Massenerschießungen von Juden in Rostow und Lublin zu berichten, auch von Auschwitz: "In Oberschlesien haben sie Leute einfach fabrikmäßig abgeschlachtet. In einer großen Halle sind die vergast worden." Nur ganz wenige Offiziere wie Generalmajor Johannes Bruhn zogen aus all diesen Informationen den Schluss, dass ein Volk, das solche Verbrechen begeht oder zulässt, "zum Segen der Menschheit nicht den Krieg gewinnen" darf.

Zu Recht schert Neitzel die in Trent Park festgesetzten Stabsoffiziere und Generäle nicht über einen Kamm. Das Spektrum reicht von dem kritisch eingestellten General Thoma, der die Nazis "Lumpenpack" nannte und von einer "zehnjährigen Gangster-Regierung" sprach, bis hin zu dem Rambo-Fallschirmjägergeneral Bernhard Ramcke, der ganz im Sinne von Hitler und Goebbels bramarbasierte: "Lieber in Ehren untergehen, lieber also bis zuletzt, und dann mögen sie uns vernichten von der Welt. Aber schimpflos kapitulieren, ich würde das für einen Fehler halten."