Dieses Buch hat zwei Helden, einen lebenden und einen toten. Der Letztere brach als junger Mann namens Ernesto Guevara Lynch de la Serna 1952 in Buenos Aires auf, mit seinem klapprigen, 13 Jahre alten Norton-Motorrad. Und im Grunde endete seine Reise, die als romantischer Trip begann, um Südamerika kennen zu lernen und möglichst viele Mädchen dazu, erst 15 Jahre später: am 9. Oktober 1967 in jenem gottverlorenen bolivianischen Nest, in dem er starb – als Guerrillero heroico numer o uno. Als das unsterbliche T-Shirt-Wunder El Che.

Der andere Held des Buches ist sein Autor. Der amerikanische Journalist Patrick Symmes unternimmt den Trip 30 Jahre später noch einmal, mit Guevaras Tagebuch im Motorradkoffer. Zwar kann er nicht jedes Rätsel um den träumerischen jungen Mann lösen, der auszog, sich ein Leben zu suchen. Aber er weiß, wie es ausging: auf einem nackten Betontisch in jenem bolivianischen Nest. Von sieben Kugeln des Feldwebels einer Spezialeinheit durchsiebt, der den Auftrag hatte, den berühmten Gefangenen umzulegen, und sich den Mut des bezahlten Schurken angetrunken hatte.

Symmes’ Buch ist beides: Bildnis eines unter der Glut seiner wilden Träume und dem Staub seiner Ideologien ächzenden Kontinents und Guevara-Biografie, im Motorradsattel geschrieben. Symmes ist kein Che-Nostalgiker, er teilt die Latino-Illusionen nicht. Aber er ist ein Gringo von einigem Mitgefühl, und so ist sein Buch manchmal grausam nüchtern und manchmal zart bis wütend melancholisch.

Es ist ein Wiedersehen mit einer Welt, in der unsere Träume spukten

Anfangs sucht er, unentschlossen um lauter mögliche Anfänge kreisend, einen Weg ins Erzählen. Aber sobald er endlich losbraust und sich der erleuchteten Ödnis Patagoniens anvertraut, geht es gleich besser. Seine Sprache wird schöner. Noch schöner wäre sie, hätte der Lektor gelegentliche Ausfälle in einen landserhaften Cowboyjargon getilgt ("bescheuert", "mein wunder Arsch"). Aber genug der Krittelei.

Das eigentliche Abenteuer ist das Wiedersehen mit einer Welt, in der einmal unsere Träume spukten. Wie kam es, dass gerade dieser traurige Kontinent, der immerzu Bilder Koka kauender Armut herüberfunkte, zähe, kleine Indiofrauen, die, ohne zu murren, ihre Lasten über uralte Bergpfade schleppen, und der nur noch ein heiseres Panflötengesäusel in der Fußgängerzone ist – dass ausgerechnet Südamerika dem Westen die Ikonen ewig scheiternder, aber dabei verdammt gut aussehender, wie von Dolce & Gabbana entworfener Revolutionäre lieferte?

Ganz am Ende stöbert Symmes einen alt gewordenen Mitkämpfer von damals auf. Wie es denn gewesen sei, fragt er ihn, als Guevara hier seinen Guerillakrieg führte, seine heroischen Fotos schoss und sein Bolivianisches Tagebuch schrieb, und der alte Kämpfer murmelt, sie hätten ihn gar nicht gekannt. Sie – das sind die Arbeiter in den Zinngruben, die Bauern, das Volk. Die ganze Welt kannte ihn. Paris, Berkeley, Berlin. Aber hier? Die Armen der Ärmsten, die er befreien wollte, hatten nie von einem Che gehört. Sie verstanden nicht einmal die Sprache des stolzen, weißen Argentiniers. Er sprach Spanisch, hier sprachen sie nur Quechua. Was für ein Missverständnis, was für eine traurige Trope der Geschichte. Wie ein Konquistador taucht der Held aus Kuba in diesen Wäldern auf, ein Aguirre der internationalen Revolution.