Erwin Teufels erster Tag als Student der Philosophie endet erst nach zwei Bier in einer Studentenkneipe, zwölf Interviews, zwei Stunden Naturphilosophie und einer langen Zeit voller Grußadressen der Professoren an die Erstsemester. Als er schon in seiner Studentenbude ist, es ist kurz nach acht Uhr abends, lacht das Thekenpersonal der Analogie, so heißt die Kneipe, über das Brimborium um ihren prominenten Kommilitonen. Vor der Theke aber sprechen Studenten und Dozenten voll Achtung über die Art, mit der Teufel, 66 Jahre alt, auf seine Mitstudenten zuging.

Teufel ist an diesem Morgen früh aufgestanden, er hat mit seiner Frau Edeltraud gefrühstückt und ist dann, immerhin eine Stunde später als zu seiner Zeit als Ministerpräsident Baden-Württembergs, zu seinem neuen Tagwerk aufgebrochen. Erwin Teufel ist jetzt Student. Er studiert das Wesen der Welt und die letzten Fragen. So hat er es in der Aula der Hochschule für Philosophie in München gesagt, im Angesicht eines Dutzends Kameras und ebenso vieler Jesuiten - ihr Orden betreibt die Hochschule. Teufel studiert wie jeder andere Student auch, so hat er es verkündet, als Student unter Studenten, ich will keine Extrabehandlung.

In der Analogie, am Abend seines ersten Tages als Philosophiestudent, sagt Teufel dann: Für mich ist das alles neu, genau wie für Sie, da muss ich mich erst mal einfinden. Er wird umringt von Studenten, entschuldigt sich für die Umstände, für das mediale Spektakel: Das ist mir sehr unangenehm, ich hoffe, Sie denken nicht, ich habe das inszeniert. Denn vor einer Stunde noch haben Scheinwerfer sein Bierglas ausgeleuchtet und auch jeden Studenten, mit dem er sprach - vor einer halben Stunde erst ließen die Kameras von ihm und seinen Kommilitonen ab. Aber jetzt steht Erwin Teufel in einer Traube von Studenten, jeder mindestens 40 Jahre jünger als er. Die Analogie ist ein Kellerloch schräg gegenüber der Hochschule, in dem die Philosophiestudenten ihre Erstsemester begrüßen und sonst jeden Donnerstag Stammtisch halten, dann gibt es den halben Liter Bier zu 1,30 Euro und den Godehard zu 3,50 Euro, ein hinterhältiger Cocktail, den sie nach ihrem berühmtesten Metaphysik-Professor getauft haben, Godehard Brüntrup. Dazu ordentlich Musik. Für einen Menschen wie Erwin Teufel, der ein Hörgerät trägt, muss es eine Qual sein, dieses Wirrwarr der Stimmen und die lauten Songs. Aber er lässt sich nichts anmerken.

Er spricht über das Nord-Süd-Gefälle und Umweltschutz, über Gott und die Welt und über seinen fehlenden Fernseher. Er besitzt keinen in seiner Bude in München, einem einfachen Zimmer im Ordenshaus der Redemptoristen, kaum 50 Schritt von der Jesuiten-Hochschule entfernt. Das reut ihn, weil er in der Vergangenheit bisweilen wünschte, den Kanal BR Alpha empfangen zu können, auch der Sendungen über Astrophysik wegen, die ein Siebtsemester gerade inbrünstig empfiehlt. So schlägt sich Erwin Teufel durch das Interesse seiner jungen Mitstudenten. Sie sind, wie er sich selbst beschrieb: Hungrig sei er, hatte er bei der Erstsemester-Einführung gesagt, hungrig nach Wissen, und so sind auch seine Kommilitonen - hungrig nach dem Wissen, wie ein ehemaliger Ministerpräsident denkt, der auf einmal ihr Kommilitone ist.

Meint Teufel es ernst mit seinem Studium? Teufel sagt, er meine es sehr ernst. Lange genug habe in seinem Leben vor allem Fachwissen eine Rolle gespielt, jetzt wolle er Orientierungswissen, ich will ein Fundament legen.

Er sagt, sie würden schon sehen, wie ernst er es meine, spätestens wenn ich in drei Monaten immer noch da bin.

Als er sich per Handschlag verabschiedet, urteilen die Studenten vor der Theke wohlwollend. Der macht wirklich den Eindruck, als ob er ernsthaft interessiert ist, sagt Alexander Förster, 26, der als Tutor viele Erstsemester betreut. Ich glaube, der bleibt dabei. Es wäre doch besser, witzeln andere, wenn jemand erst Philosophie studiert und danach in die Politik geht, nicht umgekehrt. Dann drehen sie die Lautsprecher auf. Sie haben ein altes Lied von den Rolling Stones aufgelegt: Sympathy for the Devil.