"Wozu Sex?", fragte der Spiegel in der vergangenen Woche und kam zweifelsfrei zu dem überraschenden Ergebnis, dass Sex der Fortpflanzung dient. So beruhigend diese Nachricht auch ist, so wenig beantwortet sie die viel wichtigere Frage: "Wie Sex?" Die Titelseite zeigte uns nämlich, wie die Tiere es machen – im Unterschied zum Menschen. Der Blaufußtölpel liebt es a tergo ebenso wie die Wüstenheuschrecke oder das Spitzmaulnashorn; auch der Löwe und die Schildkröte treiben es auf diese Weise, während einzig und allein die Krone der Schöpfung, besagten Akt Aug’ in Auge vollziehend, sich in die so genannte Missionarsstellung begibt, woraus wieder einmal hervorgeht, was die Menschheit dem Christentum verdankt.

Es ist nun aber leider so, dass mit dem Schwinden christlicher Religiosität in unseren Breiten nicht allein die bewährte Missionarsstellung außer Übung geraten ist, sondern der Kopulationsgedanke überhaupt. Auch diese überraschende Erkenntnis verdanken wir dem Spiegel, der in dieser Woche eine Autorin mit dem wundervollen Namen Ariadne von Schirach darüber nachdenken lässt, warum die Frauen sich immer begehrenswerter machen, aber die Männer immer seltener wollen. Sie erzählt die traurige Geschichte, wie sie eines Abends an der Bar einen Mann abzuschleppen im Begriff ist, der nichts will und nichts kann außer reden und reden. Ariadne ist, wie uns das Foto zeigt, schön und blond, sie ist 27 Jahre alt und studiert Philosophie. "Muss man denn alles selbst machen?", fragt sie sich verzweifelt auf ihrem einsamen Heimweg. Gibt denn keiner eine Antwort?

Niemand sei eine Insel, hat vor vielen Jahren Johannes Mario Simmel behauptet, aber Ariadnes investigativer Bericht widerlegt ihn. Die Wahrheit lautet: Jeder ist eine Insel. Das ist der Grund für die grassierende Inselsehnsucht, der alle Ferienkataloge und Immobilienprospekte Nahrung geben. Und Grund für politischen Ärger. Die Internet-Seiten sind voll von dem Streit um die Hans-Insel, benannt nach dem Grönländer Hans Hendrik. Sie liegt auf der Grenze zwischen Grönland und Kanada und ist ein 1,3 Quadratkilometer großer unbewohnter, unbewohnbarer Haufen Stein, um den sich jetzt die Dänen und die Kanadier prügeln. Wahrscheinlich ist die Hans-Insel der einzige Ort der Welt, wo man produktiv über die brennende Frage "Wozu Sex?" nachdenken kann. Ariadne, Hans ruft!