Dichter Regen liegt über der Straße, weht in grauen Schwaden auf Lydia* zu. Sie duckt sich unter das Vordach der Haustür und drückt die Klingel bei dem polnischen Namen unten rechts. Lydia ist 17 Jahre alt, ihr Gesicht ist schmal und ernst. Ihre blonden Haare hat sie streng nach hinten gebunden, sie wirkt älter so – als wollte sie sich selbst versichern, dass sie gefahrlos durch diese Tür treten kann, um zurückzublicken auf das Mädchen, das sie mit 15, 16 war.

Die Tür öffnet sich, Lydia läuft die Treppe hoch. Früher hat es sie mehr Kraft gekostet, die wenigen Stufen in den ersten Stock zu nehmen. Sie waren ihr im Weg wie so vieles – ihr und Tomasz*, dem Jungen, der hier wohnte. Sie liebte ihn. Mehr als ein Jahr lang waren sie zusammen, und diese Liebe brachte Lydia in Gefahr. Sie weiß bis heute nicht, was schief gelaufen ist – weshalb sie sich anstecken ließ von Tomasz’ Weltschmerz. Warum sie beinahe in den Tod ging mit ihm. Sie kämpften gemeinsam gegen eine pubertäre Verzweiflung, wie sie Teenager überall auf der Welt erfasst. Tomasz brachte sich schließlich um, mit einer anderen.

Lydia und Tomasz trugen damals Springerstiefel, schwarze Kleidung. Sie begegneten der Welt mit einem Schlurfen, in dem eine ziellose Verachtung lag. Tomasz war zwei Jahre älter und ging ans Berliner Goethe-Gymnasium, wie sie. Dort fiel er nicht nur wegen seiner zerschlissenen Lederjacke auf, wegen des Halsbands mit den Nieten. Er schien auf der Flucht zu sein und buhlte zugleich um Aufmerksamkeit – ein Widerspruch, in dem allein Lydia tiefe Verzweiflung spürte.

Tomasz’ Eltern sind polnische Aussiedler. Sie leben seit 15 Jahren in Deutschland. Lydia glaubt, dass sie mit dem schwierigen Sohn überfordert waren. Tomasz war psychisch krank, davon ist sie überzeugt. Seine Eltern hätten das nicht wahrhaben wollen; Lydia ist immer noch wütend auf sie. Gut, dass ihre eigenen Eltern aufgeklärter sind, bürgerlicher. Sie gaben der Tochter Halt, als sie wegdriftete. Selbst Monate nach Tomasz’ Tod kreist Lydias Denken um ihn. Sie sucht einen Grund, eine Lösung für das Rätsel. Deshalb ist sie hier.

Im ersten Stock öffnet sich eine Tür. Ein Mann mit grauem Bart breitet die Arme aus, Tomasz’ Vater. Er drückt Lydia, als suche er selbst Halt. Da ist auch die Mutter, klein, zerbrechlich. Auf dem Wohnzimmertisch Kaffee, Kuchen, Feiertagsgeschirr. »Er war immer zufrieden, immer fröhlich«, sagt die Mutter mit polnischem Akzent. Der Vater nickt, senkt den Kopf. »Er ging mit einem Lächeln«, sagt die Mutter. Dieses Verdrängen ist es, das Lydia wütend macht.

»Darf ich mal in sein Zimmer?«, fragt sie.

Ein schmaler Raum, Schrank, Bett. Tomasz hatte aufgeräumt, bevor er ging. Der Vater hat ein gerahmtes Foto des Sohns neben den Computer gestellt, an dem er jetzt selbst manchmal sitzt. Tomasz, 18 Jahre alt: Kinnbart, entrückter Blick, eine Eins in Informatik. »Ganz normal«, sagt der Vater. Die Mutter beginnt leise zu weinen. »Er freute sich auf die Reise mit dem Latein-Leistungskurs nach Rom, auf das Studium in Ulm.«