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Der Tag hat gerade erst begonnen, die Nacht ist fürchterlich gewesen. Schlachtenlärm in den engen Gassen von Khartum, ein grausiges Morden, das weder Kind noch Weib verschonte. Gegen fünf Uhr morgens legt General Charles George Gordon seine Uniform zum letzten Mal an. Einst ein junger Haudegen im Krimkrieg vor Sewastopol, dann der legendäre Heerführer im Opiumkrieg, "Chinese Gordon", steht der Brite jetzt, an diesem 26. Januar 1885, zwei Tage vor seinem 52.Geburtstag, im Auftrag Ihrer Majestät in ägyptischen Diensten und auf verlorenem Posten. BILD

Die Hand am Säbel, die Beine gespreizt, die blauen Augen unerschrocken treppabwärts gerichtet, auf einen Trupp entfesselter Krieger des berüchtigten Mahdi, des Islamistenführers im Sudan. Ein letztes Achselzucken, halb herausfordernd, halb verächtlich. Keine berühmten letzten Worte. Der erste Speer trifft Gordon in die Brust und schleudert ihn um die eigene Achse. Die nächsten Speere durchbohren den Generalgouverneur des Sudans von hinten.

Großbritanniens liberaler Premier William Gladstone, ein wenig begeisterter Kolonialist, hatte Gordon die Marschorder gegeben, die Stadt vor den Mahdisten zu räumen und Militärs wie Zivilisten nach Norden in Sicherheit zu bringen. Gordon evakuierte tatsächlich 2000 Menschen, darunter alle europäischen Frauen und Kinder, doch den anderen Teil des Befehls schlug er in den Wind. Seine Weigerung machte ihn zu Hause, bei Londons imperial überschäumender Presse, zum Helden. Als einen "Krieger Gottes", "Warrior of God", verherrlichte ihn der Dichter Alfred Tennyson. Und Gordon’s Last Stand auf jener Treppe, gemalt von George William Joy, schmückte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein britische Klassenzimmer – eine Ikone des Imperialismus, die noch 1966 Hollywood zu einem Film inspirierte, in dem Charlton Heston den frommen, schlachtensüchtigen Gordon gab.

Der Aufstand der Mahdisten hatte die Provinzen des Sudans erfasst und der Kontrolle der Ägypter und Briten entrissen. Die Briten, teils Verbündete des Khediven von Ägypten, das damals noch offiziell unter der Oberhoheit des Osmanischen Reiches stand, teils dessen Kolonialherren, gerieten völlig in die Defensive. Lupton Bey, der britische Gouverneur der Region Bahr el Ghasal, am Gazellenfluss gelegen, wurde ebenso ein Opfer der Aufständischen wie sein österreichischer Kollege Slatin Bey. Der hatte im Solde Kairos die Provinz Darfur regiert und bekam an jenem 26. Januar, in Ketten geschlagen und nach Khartum abgeführt, zu seinem Entsetzen den Kopf Gordons präsentiert.

Mit Revolver und Fez durch die Berge Montenegros

Einzig tief im Süden des Sudans, in der Provinz Äquatoria, ungefähr dort, wo in unseren Tagen jahrzehntelang ein Bürgerkrieg wütete, konnte sich Emin Pascha noch halten. Im Jahr 1878 war der damals 38-jährige Arzt in Diensten des Osmanischen Reiches von Gordon selbst, als der zum Generalgouverneur avancierte, zum Nachfolger auf dem Posten des Provinzgouverneurs bestellt worden. Widerstrebend, denn dem tiefgläubigen Christen Gordon war dieser schillernde Moslem dunkler Herkunft trotz all dessen medizinischen und administrativen Geschicks doch suspekt. Hätte Gordon ein wenig mehr über den zierlichen, extrem kurzsichtigen Mann gewusst, er hätte sich kaum auf ihn eingelassen.

Er sei Türke und habe in Deutschland studiert, behauptete Emin Pascha. Davon stimmte allerdings nur die Hälfte. Denn tatsächlich stammte Emin Pascha aus Deutschland, hieß Eduard Schnitzer und hatte am 28. März 1840 im schlesischen Oppeln das Licht der Welt erblickt. Er war das Kind jüdischer Eltern, getauft und evangelisch erzogen. In Breslau und Berlin hatte er Medizin studiert. Doch bald schon zog es ihn in die Ferne.

Was dann folgte, war ein einziges Abenteuer: Schnitzer wollte Schiffsarzt werden. Auf dem Weg von Triest nach Konstantinopel landete er im albanischen Antivari, heute Bar, einem Vielvölkerstädtchen an der Adria, damals Teil des Osmanischen Reiches. Dort etablierte er sich als Hausarzt der besseren Stände und stieg auf, vom Haus- zum Hafenarzt und zum Hauptmann – mit Diener und Dienstpferd für den Einsatz in den Bergen Montenegros, hoch zu Ross mit Revolver und Fez. "Ich bin so braun geworden, dass ich gar nicht mehr europäisch aussehe", schrieb er nach Hause.

Als die Balkanvölker 1869 wieder einmal gegen ihren Herrn am Bosporus aufbegehrten, wurde Schnitzer zum Agenten. Der polyglotte Doktor – er soll es auf über 20 Sprachen gebracht haben, nur sein Englisch blieb zeitlebens lausig – agierte als Kundschafter des Sultans und dolmetschte für den Generalgouverneur Ismail Hakki Pascha. Dazu wurde er Favorit der Ersten Dame.

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Madame Hakki war eine Schönheit aus Siebenbürgen, deutschsprachig, hoch gebildet und höchst empfänglich für den jungen Mann. Nach dem Tod ihres Gatten wurde sie von Schnitzer, der sich inzwischen Hairullah Hakim nannte, nebst ihren sechs Kindern und dem Hausstand (zu dem drei tscherkessische Sklavinnen und ein schwarzer Koch gehörten) zunächst nach Konstantinopel gebracht. Wenig später tauchte er mit ihr in Schlesien auf.

Dieser clash of civilizations konnte nicht gut gehen. Und es ging auch nicht gut. Schnitzer machte sich aus dem Staub und ließ Madame Hakki sitzen. Er sollte weder sie noch die eigene Familie je wiedersehen.

Alexandria, dann Kairo waren die nächsten Stationen. Von dort ging es über Khartum weiter nach Lado, der Hauptstadt Äquatorias. Schnitzer führte jetzt Tagebuch: "Um 1 Uhr 15 Minuten fuhr der Dampfer [von Khartum] ab. Um 5.19 bezeichnen drei gellende Pfiffe unsere Einfahrt in den Weißen Fluss, und um 6.30 wird zur Nacht angehalten. Fahrtdauer: 2 Stunden 1 Minute." So liest sich das Seite um Seite, egal ob da nur die Reisedauer gestoppt oder einem König Mtesa tief in Afrika die erste Aufwartung gemacht wird. "Es war gerade neun Uhr, als ich in den mit Leuten gefüllten letzten Hof eintrat und durch ein kurzes Spalier präsentierender Soldaten in den Empfangssaal eintrat. Hier, dicht am vorderen Rande in einer Art Alkoven, saß auf einem ordinären rotgelben Teppich der König in weißen Unterkleidern, schwarzem, an den Rändern goldgesticktem Kaftan und rotem Tarbusch. Er sah leidend aus."

Nachdem Gordon ihn zum Gouverneur der Provinz Äquatoria bestimmt hatte, verfügte Schnitzer alias Emin Bey (1885 wird er zum Pascha befördert) über 1400 Mann und gebot über eine Region, die mit ihren 700000 Quadratkilometern weit größer war als das noch jugendfrische deutsche Kaiserreich. Gordon hatte die Provinz mit 15Militär- und Handelsstationen zu sichern versucht; unter Emin Pascha waren es schließlich fünfzig, ehe der Aufstand des Mahdi ihn zwang, sie alle bis auf eine Hand voll zu schließen. Zwei Dutzend kleiner Geschütze, ansonsten Gewehre, dazu die beiden Dampfer Khediv e und Njansa, rund 200 Beamte, vom kleinen Schreiber bis zum Lagerverwalter, allesamt ein kunterbuntes Spiegelbild des ganzen Osmanischen Reiches: Das war Äquatoria aus Sicht der Herrschenden. Ihre Macht war begrenzt, und das nicht erst, seit die Mahdisten die Provinz von der Außenwelt abgeschnitten hatten. Die Wirtschaft beruhte auf Tausch und dem Elfenbeinmonopol der Regierung in Kairo, das weiße Gold brachte auf den Märkten dort und bei der überseeischen Kundschaft gutes Geld.

Den beiden Dampfschiffen verwehrte der gefürchtete Sudd, ein ausgedehntes Sumpfgebiet, leider oft die Durchfahrt nach Norden. Die ärgsten Feinde dieses Vorpostens der "Zivilisation" im Herzen Afrikas waren freilich unbekannte Tropenkrankheiten – und schwarze Sklavenjäger. Ihnen hatten die Briten, befeuert durch die starke Antisklavereibewegung in englischen Clubs und Kirchsprengeln, buchstäblich den Krieg erklärt. Gordon wie auch sein Nachfolger Emin Pascha jagten sie mit wechselndem Erfolg – und duldeten doch selbst Sklaven als Gesinde in der eigenen Truppe.

Ausgestopfte Vögel für die Museen Europas

"Seit gestern habe ich 84 Sklaven befreit und in ihre Heimat gesandt oder ihren vorherigen Chefs selbst übergeben. Die Leute fangen an zu begreifen, dass auch hier eine neue Zeit angebrochen ist", notierte Emin Pascha im Tagebuch. Ein Distriktchef unter seinem Befehl, als Eunuch selbst zuvor im Besitz eines Reichen, staunte über die neue Zeit: "Als man uns raubte und verstümmelte und im Basar ausstellte und wie Vieh betastete, erbarmte sich kein Mensch. Wie müssen sich doch die Zeiten geändert haben, dass man um ein paar geraubte Neger so viel Wesens macht!" Die Anekdote hält eine alte Geschichte fest: Sklaverei war im Inneren Afrikas längst vor Ankunft der Europäer üblich. Sklaven wurden auf Raub- oder Kriegszügen gemacht, teils an arabische Händler weiterverschachert, teils zum eigenen "Gebrauch" gehalten.

Mit einem Male galt Sklavenhandel als Verbrechen, gegen das just die Briten anpredigten, die selbst jahrhundertlang davon profitiert hatten. Eine Gestalt wie Emin Pascha, als Moslem bei allen Schwarzen eher unter Verdacht, am Menschenhandel heimlich mitzuverdienen, musste auf die Bewohner Äquatorias mit seiner treuherzigen Art wie eine wundersame Erscheinung wirken.

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Erstaunen auch bei den wenigen Europäern, die es in diese Weltgegend verschlagen hatte: "An jedem Freitag sieht man ihn zur Moschee gehen, wo er die dem Moslem vorgeschriebenen Gebete spricht", beobachtete der Afrikaforscher Wilhelm Junker. "In seiner Haltung wie in all seinen Bewegungen drückt sich eine beabsichtigte, stets kontrollierte Gemessenheit aus. Sie ist zweifellos berechnet, würdevoll und selbstbewusst zu erscheinen. Insbesondere kann man das beobachten, sooft Dr. Emin als ägyptischer Beamter mit seinen Untergebenen verkehrt."

Der schottische Missionar Robert Felkin geriet nach seiner ersten Begegnung mit Pascha gar ins Schwärmen: "Dr. Emin Bey ist einer der liebenswürdigsten und selbstlosesten Menschen, die mir je vorgekommen sind. Bei seiner ohnehin anstrengenden Tätigkeit, die sein hohes Amt mit sich bringt, findet er noch Zeit für naturwissenschaftliche Arbeiten aller Art, die er dem Wohl der Allgemeinheit widmet. Weite Teile Äquatorias hat er von den Sklavenjägern befreit, und wo es in seinem Herrschaftsbereich Sklaven gibt, sorgt er für deren milde Behandlung."

Geograf, Botaniker, Zoologe, Ethnologe, all das war Emin Pascha, wie er in seiner umfangreichen Korrespondenz und seinen penibel geführten Tagebüchern beweist. Neugier, Beobachtungsgabe, Ordnungsgeist zeichneten ihn in den Augen seiner Zeitgenossen aus. Er schickte, wie sein Biograf Hans-Otto Meissner lobt, seine Sammlungen und Präparate an die Museen von Berlin, Wien, Bremen, "als Geschenk ohne Gegenleistung".

Ein ehrenwertes, halb missionarisches, halb beschauliches Leben, das Schnitzer da führte – hätte der Mahdi-Aufstand nicht alles verändert. Äquatoria war jetzt abgeschnitten von der Welt, Emin Pascha galt in Kairo und London als vermisst. Da machte sich einer, der schon einmal einen Verschollenen in Afrika aufgespürt hatte, auf den Weg. Der britisch-amerikanische Journalist Henry Morton Stanley wollte Emin Pascha (wie einst den Kongo-Reisenden David Livingston) finden und gegebenenfalls aus den Händen der Islamisten befreien.

Dieses Unternehmen, das Stanley wieder mit heftigem Medienspektakel inszenierte, war freilich Teil eines größeren Spiels. Denn seit Emin Pascha 1876 im Sudan eingetroffen war, hatten sich Afrikas Geschicke gewaltig verändert. Beim Scramble for Africa, der Aufteilung eines ganzen Kontinents, wollten in den 1880er Jahren alle dabei sein: Der belgische König Leopold II., in dessen Sold Stanley längst stand (ZEIT Nr. 19/04), plante, seine Privatkolonie Kongo gen Osten auszuweiten. Sodann Kaiser Wilhelm I., dessen eher afrikascheuer Kanzler Otto von Bismarck einen Carl Peters in Ostafrika allerdings lieber auf dessen eigene Rechnung gewähren ließ. Königin Viktorias Empire schließlich musste um das britisch-ägyptische Kondominium im Sudan fürchten; die Briten wollten sich auch darum in Ostafrika festsetzen und erträumten sich einen Machtkorridor von Kairo bis zum Kap.

Das grausige Ende in der Falle der Sklavenjäger

Am Schnittpunkt all dieser Begehrlichkeiten lag das Äquatoria des Emin Pascha. Schon deswegen musste seine Rettung die Haupt- und Staatsaktion lohnen. Stanley ließ sich denn auch von den Briten wie vom belgischen König das Abenteuer bezahlen.

Doch am Ende kam alles ganz anders. Bereits während der endlosen Anreise den Kongo hinauf in ihm unbekannte Welten verlor Stanley die meisten seiner Männer und den für Äquatoria gedachten Nachschub an Munition obendrein. Ausgemergelt und zerlumpt trat er Ende April 1888 am Südufer des Albertsees vor Emin Pascha. Der Retter ohne Schuhe, der "Gerettete" in weißem Tuch, wie aus dem Ei gepellt. Denn tatsächlich war Emin Pascha den Aufständischen entronnen.

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Er lehnt alle Offerten aus London und Brüssel ab. Am Ende begleitet er den inzwischen erkrankten Stanley nach Bagamayo an der Ostküste. Dort treffen sie Anfang Dezember 1889 ein und werden von Reichskommissar Hermann von Wissmann begrüßt, dem Herrn über Deutsch-Ostafrika. Die Deutschen sind etwas enttäuscht, haben sie sich doch diesen Emin Pascha anders vorgestellt, nämlich "an der Spitze von 2000 disciplinierten Leuten". Auch haben sie von Elfenbeinschätzen in Äquatorias Speichern geträumt, von "einem modernen Nibelungenhort". Stattdessen dieser kurzsichtige Naturforscher! Gleichviel, am 4. Dezember wird im Offizierskasino zu Bagamayo tüchtig gefeiert, Pascha ist der Held und Charmeur des Abends. Stanley schmollt bei Tafelwasser. Das Volk tanzt.

Ein Malheur beschließt den Abend: Emin Pascha stürzt aus dem ersten Stock, hat versehentlich ein Fenster für eine Verandatür gehalten. Nach acht Wochen ist er wieder leidlich auf den Beinen – und Stanley längst in Kairo, wo er seinen Expeditionsbericht diktiert. In Darkest Africa wird, selbstgefällig ausgeschmückt, mit einer Millionenauflage und fünf Übersetzungen der größte Triumph des Journalisten. Krankenbesuche seines "Retters" hatte sich Emin Pascha verbeten, und im Schlepptau Stanleys zurück nach Europa wollte er schon gar nicht. Die britische Presse tobt über deutschen Undank.

Emin Pascha fühlt sich wieder als Eduard Schnitzer. Im Auftrag Wissmanns soll er "die südlich um den Victoria-See liegenden Länder für Deutschland sichern"; auch an jene Gebiete ist gedacht, "die sich zwischen den Seen Victoria, Tanganjika, Edward und Albert ausdehnen".

Am 26. April 1890 zieht er von Bagamayo aus los, die schwarz-weiß-rote Reichsfahne voran. Seine sechsjährige Tochter Ferida, deren verstorbene Mutter, Emin Paschas zweite Frau, wohl Äthiopierin war und die er in seinen Tagebüchern seltsamerweise kaum erwähnt, lässt er in der Obhut einer deutschen Familie zurück. Er wird sie nicht wiedersehen.

"23.10.92, Samstag. Dunkles Wetter seit drei Tagen – hohe Luftfeuchtigkeit". Mitten im Satz bricht der Tagebucheintrag ab. Sklavenhändler haben Emin Pascha im arabischen Handelsposten Kinema im Kongo-Quellgebiet in die Falle gelockt. Sie schneiden ihm die Kehle durch, trennen den Kopf vom Rumpf; der Leichnam wird den Hyänen vorgeworfen.

Kein patriotischer Maler, kein wilhelminischer Meister Joy hat diesen letzten Moment im Leben des Emin Pascha alias Eduard Schnitzer verklärt. Sein Name, seine vielen Namen, sein Leben als Forscher, Abenteurer und nicht zuletzt als Kämpfer gegen die Sklaverei gerieten in Vergessenheit. Heute, da Deutschlands Freiheit am Hindukusch verteidigt wird, da deutsche Soldaten in globaler Friedensmission um den Erdball reisen, bis in den Sudan, lohnt die Erinnerung an sein Schicksal.