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DIE ZEIT: Die Koalitionsverhandlungen im Bund laufen, Bildung ist ein zentrales Thema, und McKinsey kommt mit einem durchgerechneten Konzept zur Frühförderung heraus. Das ist kein Zufall.

Jürgen Kluge: Doch. Wir wollten unseren Vorschlag bewusst aus dem Wahlkampf heraushalten und ihn ein Jahr vor der Bundestagswahl veröffentlichen. Dann wurden die Wahlen vorgezogen, und plötzlich lag der Termin unseres Bildungskongresses in Berlin direkt vor dem Wahltermin. Wir haben ihn dann verlegt in diese Woche, mitten in die Koalitionsverhandlungen. Manchmal hat man Glück.

ZEIT: Müssen Erzieher Angst vor Ihnen haben?

Kluge: Warum sollten sie? Wir wollen mit unserer Initiative vor allem ihre Qualifikation verbessern, und zwar auf Bachelor-Niveau. Außerdem müssen wir das Krippenangebot ausbauen, besonders im Westen und in sozialen Brennpunkten. Für all das brauchen wir zentrale Qualitätsstandards, damit klar ist, was die Kinder überhaupt lernen sollen.

ZEIT: Was sollen die Kinder denn lernen?

Kluge: Aus der Hirnforschung wissen wir, dass eine vielfältige Anregungsdichte Kinder gerade zwischen drei und fünf Jahren weiterbringt: mit Zahlen und abstrakten Ideen umgehen, dazu Sprache, Bewegung und Musik. Dazu müssen wir die Menschen, die das den Kindern beibringen sollen, aber auch befähigen.

ZEIT: Vielfältige Anregungsdichte, das klingt nach Verschulung. Stellen Sie sich eine école maternelle wie in Frankreich vor?

Kluge: Die école maternelle ist kein unerfolgreiches Modell. Die Mütter können arbeiten. Sie wissen, dass ihre Kinder gut betreut werden. Verschulung hört sich schrecklich an. Ich habe mir das in Frankreich angesehen. Dort gibt es zum Beispiel eine Internet-Plattform, auf der Naturwissenschaftler Kinderfragen beantworten, "Warum ist der Himmel blau?" etwa. Als Physiker weiß ich: Die Erklärung ist nicht einfach. Erzieher können damit überfordert sein, künftig bekommen Kinder eine fundierte Antwort. Mit Verschulung hat das nichts zu tun. Kinder wollen die Welt entdecken.

ZEIT: Was ist so schlecht an den deutschen Kindertagesstätten? Der OECD-Bildungsexperte John Bennett hat auf einem Ihrer Kongresse gesagt, Deutschland verfüge in der frühkindlichen Bildung über ein solides Fundament.

Kluge: Die Infrastruktur ist vorhanden. Es gibt in Deutschland wunderbare Kindergärten, die 20 besten haben wir in einem Wettbewerb prämiert. Aber wir leisten uns eine unglaubliche Bandbreite, mit hervorragenden, aber auch mit vielen mittelmäßigen Einrichtungen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Unternehmen mit Filialen, und diese Filialen wären wie unsere Kindergärten. Als Chef würden Sie verzweifeln. Wir brauchen einen europaweiten, mindestens einen nationalen Qualitätsstandard.

ZEIT: Das sagt heutzutage jeder Bildungsforscher. Was kann McKinsey da noch beitragen?

Kluge: Wir haben zunächst zugehört und mit Experten gesprochen. Dann haben wir, das ist unsere Kernkompetenz, die Ergebnisse gebündelt und in einen Plan umgesetzt. Wir haben auch, und das ist neu, genau berechnet, was das Ganze kosten würde. Sonst werden gern Reformen gefordert, ohne zu sagen, was es kostet.

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ZEIT: Sie rechnen mit Kosten von 6,5 Milliarden Euro. Wer soll das bezahlen?

Kluge: Zum Teil der Steuerzahler. Bildung ist unsere wichtigste Investition, und eine mit hoher Rendite, eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eigentlich müssten wir versuchen, jedes Kind in Deutschland in eine Krippe oder in einen Kindergarten zu bekommen. Ich nehme das Wort Pflicht ungern in den Mund, ein Jahr vor der Schule wäre sie aber nicht so schlecht. Dieses Jahr wäre dann auch kostenfrei. All das wird teuer, aber beim Ganztagsprogramm der Bundesregierung hat es auch geklappt, Mittel freizuschaufeln. Unser Vorschlag: Die Hälfte zahlt der Bund, die andere Hälfte kommt aus dem Kindergeld. Das wird nicht mehr erhöht, auch wenn das viele fordern. Man sollte sogar die letzte Erhöhung rückgängig machen.

ZEIT: Ist das nicht ungerecht?

Kluge: Alle Analysen zeigen, dass eine Erhöhung des Kindergeldes keinen Einfluss auf die Kinderzahl hat. Ich bin sicher, dass es besser ist, das Geld in die Infrastruktur zu stecken, statt es den Eltern in die Hand zu geben. Auch eine Gutscheinlösung ist denkbar. Die Eltern bekommen Gutscheine, die sie in einer beliebigen, durch die Qualitätsinitiative zertifizierten Kindertagesstätte einlösen können. Gegenüber dem Kindergeld wäre das ein Fortschritt; gerade Familien, denen es sozial nicht gut geht, geben einen Teil des Kindergeldes für den Konsum aus, statt ihre Kinder zu fördern.

ZEIT: Sie wollen den Staat stärker machen?

Kluge: Für ein Unternehmen ist es nicht automatisch schlecht, eine hohe Fertigungstiefe zu haben, also vieles selbst herzustellen. Genauso wenig, wie eine hohe Staatsquote per se falsch ist. Entscheidend ist, ob Sie das, was Sie machen, auch gut hinbekommen. Klar ist, dass die Bildung auch in Zukunft zu den so genannten Kernkompetenzen des Staates gehören wird.

ZEIT: Der Staat soll nicht nur zusätzliche Aufgaben bekommen, sondern der Bund zudem neue Kompetenzen in der Bildungspolitik. Das klingt sehr sozialdemokratisch.

Kluge: Die Standards müssen zentral gesetzt werden, sonst kriegen Sie keine einheitliche Qualität hin. Die Exekution muss nach unten gedrückt werden, in möglichst autonome Einrichtungen. Die Schulen und Kindergärten müssen ein Profil gewinnen und im Wettbewerb stehen. Mir kann keiner erklären, warum ein Kind in Bayern an anderen Standards gemessen werden soll als in Hessen. Wir hatten einmal die schöne Idee vom Föderalismus als Wettbewerb. Leider ist diese Idee total pervertiert. Ein Bundesland, das seine Sache gut macht, löst bei den anderen keine Nachahmungseffekte aus, sondern Sturheit und Trotz.

ZEIT: Sind Sie in der Frage Sozialdemokrat?

Kluge: Mag sein, dass das derzeit die sozialdemokratische Linie ist. Aber Sie kennen doch den Satz: Es gibt keine rechte und keine linke Wirtschaftspolitik, sondern nur eine, die funktioniert? Das ist bei der Bildungspolitik genauso. Zunächst könnte ich damit leben, wenn die einzelnen Länder ihre Standards haben und der Bund nur eine Agentur zur zentralen Qualitätsmessung finanziert. Das brächte einen Rieseneffekt und wäre nicht teuer. Pisa hat bewiesen: Sobald Sie etwas messen, wird es besser.

ZEIT: Sie wollen jeden einzelnen Kindergarten bewerten und die Ergebnisse ins Internet stellen. Das widerspricht allem, was wir bislang in Deutschlands Bildungssystem gesehen haben.

Kluge: Sie wollen doch nicht sagen, nur weil das Problem schwierig ist und es Widerstände gibt, ist es keine gute Idee? Wir brauchen den Kita-TÜV. Man muss verlässliche Fakten zur Verfügung stellen und die Ideologie allmählich aus der Diskussion herausholen.

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ZEIT: Die Länder tun sich schon mit der Reform der Lehrerbildung schwer, und Sie wollen auch noch ein Studium für Kindergärtner.

Kluge: Wahrscheinlich ist das bei den Erzieherinnen und Erziehern sogar einfacher, weil es kein eingespieltes Modell gibt. Es muss auch nicht immer ein Studium sein. Die Berufserfahrenen gehen in die Weiterbildung. Das Teure ist übrigens nicht die Aus- und Weiterbildung, sondern das Gehalt, denn wer qualifizierter ist, wird mehr verdienen. Das Sozialprestige von Erziehern ist bislang gleich null. Bund und Länder müssen diese Reform gemeinsam hinbekommen. Zeit für einen frischen Start.

ZEIT: Ausgerechnet eine Unternehmensberatung ruft das Ende der Ideologie aus?

Kluge: McKinsey engagiert sich seit langem für gemeinnützige Zwecke. Warum wir uns jetzt auf die Bildung konzentrieren? Weil sie das schwierigste Problem ist. An der Bildung entscheidet sich die Zukunft unseres Landes.

ZEIT: Warum werden Sie nicht gleich selbst Bildungsminister?

Kluge: Weil mir mein Job eine Menge Spaß macht. Und, das sage ich auch gerade nach dem Fall Kirchhof: Der Umgang mit Quereinsteigern in diesem Land schreckt jeden ab.

Die Fragen stellten

Manuel J. Hartung und Jan-Martin Wiarda