Addis Abeba

Es wird ein imposanter Auftrieb sein, wenn das Afrika-Forum von Bundespräsident Horst Köhler am kommenden Wochenende zum ersten Mal auf dem Petersberg hoch über Bonn tagt. Staatsoberhäupter und Wirtschaftskapitäne sind geladen, weltberühmte Schriftsteller und namhafte Professoren, der neue Außenminister und auch der alte Bundeskanzler, aber ganz oben auf der Gästeliste, noch vor den Präsidenten aus Südafrika, Nigeria und Äthiopien, steht ein klangvoller Name, den hierzulande leider kaum einer kennt: Alpha Oumar Konaré. Beim Stichwort Afrika fallen Europäern ohnehin nicht viele Namen ein, Nelson Mandela, Kofi Annan, vielleicht noch Erzbischof Desmond Tutu. Aber wer ist dieser Konaré? BILD

Er ist Kommissionspräsident der Afrikanischen Union (AU) und leitet, wenn man von den Vereinten Nationen einmal absieht, den größten Staatenbund der Welt.

Alpha Oumar Konaré soll mit all den anderen geladenen Politikern und Experten offen und freimütig über die Frage diskutieren, warum in Afrika so viel schief läuft und was getan werden muss, um den Erdteil aus der Misere zu führen. So wünscht es sich jedenfalls Horst Köhler, der Gastgeber und Initiator eines Forums unter dem Motto "Partnerschaft mit Afrika", das auch von der ZEIT-Stiftung unterstützt wird. Konaré zählt als ranghöchster Repräsentant unseres Nachbarkontinents zu den wichtigsten Partnern des Bundespräsidenten.

Ortstermin in Addis Abeba, Äthiopien. Vor dem Hauptquartier der Afrikanischen Union steht eine schwarze Limousine, Kennzeichen 001 AU, der Dienstwagen von Konaré. Gleich zur Begrüßung sagt der Hausherr: "Ich freue mich sehr über das Projekt von Bundespräsident Köhler, er kennt als ehemaliger IWF-Chef unsere Probleme. Afrika lässt ihn nicht mehr los, es treibt ihn um." Es wurde ja auch höchste Zeit für neue Initiativen, das ist vielen Europäern erst neulich wieder bewusst geworden, beim Ansturm verzweifelter Armutsflüchtlinge aus Afrika auf die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla. Ihr Kontinent ist in fast allen globalen Statistiken entweder Spitzenreiter oder Schlusslicht. Ganz unten steht er in puncto Gesundheit, Bildung, Pro-Kopf-Einkommen. Ganz oben rangiert Afrika, wenn es um Kriegsopfer, Hungertote, Flüchtlinge und Aids-Waisen geht. Allein in den vergangenen 20 Jahren hat sich die Armut zwischen Dakar und Daressalam verdoppelt – heute haben 316 Millionen Afrikaner zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.

Ghana ist weniger korrupt als Kroatien

Aber da sind wir schon beim ersten Problem, bei der negativen Wahrnehmung Afrikas. Der Kontinent wird in der Regel als wabernde Krisenmasse gesehen. Man müsse ihn zuallererst einmal anders wahrnehmen, genauer, differenzierter, empfiehlt Konaré. Er erlebt in seiner Organisation jeden Tag die Vielfalt der afrikanischen Völker, Kulturen, Religionen und Sprachen. Afrika ist ungleich größer, bunter und heterogener als Europa. Und nicht überall regieren Finsternis und Hoffnungslosigkeit. Es gibt Kriegsländer und Staatsruinen wie den Kongo oder Somalia, die im Chaos versinken. Es gibt Länder wie Benin oder Kenia, die sich irgendwie durchwursteln. Und es gibt wirtschaftlich recht erfolgreiche Länder wie Uganda und sogar solche, die solider sind als so manches europäische Land. In der globalen Korruptionstabelle von Transparency International liegt zum Beispiel Ghana vor Kroatien und Südafrika vor Griechenland.

"Gerade haben wir einige der fürchterlichsten Konflikte beendet. In Angola ist der Bürgerkrieg vorbei. In Mosambik ebenso. Im Südsudan ebenso. Auch in Liberia haben wir das Schlimmste hinter uns. Ich will ein anderes Bild von Afrika vermitteln, von einem Afrika, das kämpft, das tausend Projekte betreibt, das als Partner attraktiv ist. Die vielen kleinen Lichter in der Dunkelheit kündigen einen neuen Tag an." Konaré beschwört ein erwachendes Afrika, das Wege aus der Krise sucht und nicht mehr in die apokalyptischen Klischees passt. Die Agentur des Neuaufbruchs ist die im Mai 2001 gegründete Afrikanische Union, die Nachfolgerin der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), und ihr erster Chef ist er selbst, Alpha Oumar Konaré, 59 Jahre alt, Doktor der Archäologie, ehemaliger Staatschef von Mali, eine stattliche Erscheinung, die uns da im anthrazitdunklen Bubu, dem traditionellen Gewand der Westafrikaner, gegenübersitzt. Das donnernde Lachen, die gebieterische Stimme, das weiche, poetische Französisch verleihen diesem Mann Charisma, und das wird er brauchen, wenn seine Mission eine Erfolgsgeschichte werden soll.

Konarés Porträt in der Eingangshalle des AU-Hauptquartiers hängt zwar in der Reihe seiner neun Vorgänger, doch er will mit der Tradition der OAU brechen, die 1963 aus dem Geiste der Dekolonialisierung geboren wurde und zu einem Papiertiger verkümmerte. "Ihr Ziel war Kooperation nach der Unabhängigkeit, das Ziel der AU ist Integration im Zeitalter der Globalisierung", betont Konaré. "Wir wollen zu einer Föderation der afrikanischen Staaten kommen." Am Ende, allerdings in sehr weiter Ferne, könnten dereinst einmal die zweiten USA stehen – die United States of Africa.

Es würde auch schon eine Nummer kleiner reichen. Aber genau das wirft man dem AU-Chef vor, dass er zwar wortstark sei, aber handlungsschwach. Ein Kritiker nannte ihn einmal einen Händler der Illusionen, und noch haben nicht alle vergessen, dass er als Präsident von Mali – er regierte von 1992 bis 2002 – dem Prunk nicht abgeneigt war. Andererseits konnte Konaré sein Land ökonomisch konsolidieren und den Bürgerkrieg mit den Tuareg beenden. Und er gab die Macht freiwillig ab, das ist ein recht ungewöhnliches Verdienst in Afrika. Konaré hat jedenfalls bewiesen, dass er ein echter Demokrat ist, und es klingt keineswegs hohl, wenn er sagt: "Ich bin davon überzeugt, dass Afrika nur durch gute Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit und vernünftiges Wirtschaften vorankommen wird. Das ist ein langer Kampf. Und es ist kein leichter." Mitunter glaubt man aus Konarés Mund Julius Nyerere reden zu hören, einen der legendären Gründerväter des postkolonialen Afrika. Der AU-Kommissionspräsident denkt in der Traditionslinie der großen Panafrikanisten William duBois, Kwame Nkrumah, Léopold Senghor, er will ihre Vision vom starken, geeinten Afrika verwirklichen. Seine Aufgabe sei es, "das Afrika unserer Träume aufzubauen", erklärte er beim AU-Gipfel vor zwei Jahren.

Ob er allerdings gut beraten ist, dabei dem Vorbild der Europäischen Union nachzueifern? Man denke nur an den steinigen Weg von der EWG zur EU, an die anfängliche Bedeutungslosigkeit des Parlaments in Straßburg, an die bürokratischen Monster aus Brüssel, an die jüngsten Rückschläge bei der EU-Verfassung. Beide Organisationen sind institutionell ähnlich aufgebaut, beide werden vom gleichen Einheitsgedanken angetrieben, aber da enden auch schon die Vergleiche. Denn unter dem Dach der Afrikanischen Union versammeln sich 53 Staaten, während zur Europäischen Union nicht einmal die Hälfte gehört. In der EU leben 470Millionen Bürger, in der AU über 800 Millionen.

Die Afrikanische Union sei doch wieder nur ein großes schwarzes Luftschloss, sie werde nie und nimmer funktionieren, prophezeien jene, die Afrika schon immer als hoffnungslosen Fall abschrieben. Gebt uns mehr Zeit, fordert Konaré. "Wir haben jetzt eine kontinentale Exekutive, die AU-Kommission, und ein panafrikanisches Parlament. Wir werden einen obersten Gerichtshof aufbauen und eine Zentralbank." Überdies ist Afrika der erste Erdteil, der einen kontinentalen Sicherheitsrat eingerichtet hat; eine schnelle Eingreiftruppe soll in nicht allzu ferner Zukunft Konflikten vorbeugen und Brandherde löschen. "Und dann haben wir noch Nepad", fügt Konaré hinzu. Die New Partnership for Africa’s Development entwirft ein neues Modernisierungsleitbild, dessen 207 Paragrafen vor allem Afropessimisten genauer lesen sollten. Denn darin vollziehen die Afrikaner einen historischen Paradigmenwechsel von einer passiven, empfangenden zu einer aktiven, selbstverantwortlichen Entwicklungsstrategie. "Die afrikanische Renaissance ist unumkehrbar. In ihr drückt sich der Wille der Afrikaner aus, für ihre Zukunft selbst verantwortlich zu sein." Ärmel hochkrempeln und anpacken – das sind ungewohnte Töne aus dieser Weltregion. Dafür müssen allerdings Dauergejammer, Opferhaltung und jene Mentalitätsblockaden überwunden werden, die niemand so schonungslos geißelt wie der nigerianische Querdenker Chika Onyeani in seinem Buch Capitalist Nigger. Die Afrikaner, schreibt er, würden selbst nichts zustande bringen und die Schuld an ihrem Versagen immer auf andere abwälzen.

"In 25 Jahren werden in Afrika mehr als eine Milliarde Menschen leben"

So weit würde Konaré in seiner Selbstkritik natürlich nicht gehen. "Unsere eigene Kultur ist die Grundlage der Entwicklung. Wir wollen nicht bevormundet werden. Wir wollen unser Leben verbessern, ohne dabei unsere Seele zu verkaufen." Andererseits lässt er keinen Zweifel daran, dass Afrika bei seiner Selbsterneuerung den Beistand des reichen Nachbarn im Norden brauchen wird. "Wir fordern Solidarität. Wo würde Europa heute ohne den Marshallplan stehen? Was wäre aus Ostdeutschland ohne die Zuschüsse aus dem Westen geworden?" Immerhin, die EU hat soeben eine neue Afrika-Strategie vorgelegt und angekündigt, ihre Entwicklungszuschüsse zu verdoppeln. Mal schauen, was am Ende ankommt. Seit 30 Jahren werde Afrika mehr Hilfe versprochen, kritisiert Konaré.

Zunächst müssen noch eine Menge Hindernisse beiseite geräumt werden. "Das Verhältnis zwischen der AU und Nepad ist nicht geklärt. Viele denken, dass es sich um parallele Institutionen handelt. Andere halten Nepad für eine Art Pannenhilfe. Da müssen wir auch bei unseren Mitgliedern noch viel Aufklärungsarbeit leisten." Formal gehört Nepad zur AU, aber der Hauptsitz der Ersteren ist in Südafrika, und sie wird seit kurzem von Firmino Mucavele geleitet, einem sehr selbstbewussten Wirtschaftsprofessor aus Mosambik. Es erweist sich auch als mühsames Geschäft, die sklerotischen Strukturen der OAU zu überwinden und den Umbau der AU voranzutreiben. Denn in allen ihren Organen spiegeln sich die Rivalitäten des Kontinents: Hier das frankofone, dort das anglofone Afrika, der Westen gegen den Süden, dazu die Konkurrenz der selbst ernannten Führungsmächte Südafrika, Nigeria, Kenia und Ägypten. Und was taugen die schönsten Prinzipien und Instrumente wie der African Peer Review Mechanism (APRM), eine Art TÜV für gute Regierungsführung, wenn sie nicht angewandt werden? Wenn man zwar Einmischung gelobt, aber dann doch schweigend zuschaut, wie der simbabwische Despot Robert Mugabe sein eigenes Land zerstört? Macht sich die Afrikanische Union da nicht unglaubwürdig?

"Wir haben eine Mission nach Simbabwe entsandt, um die Lage zu eruieren, und einige Staatschefs versuchen, mäßigend einzuwirken", erklärt Konaré. Das ist ein sehr heikles Thema, man spürt es schon daran, dass er den Namen des Übeltäters kein einziges Mal ausspricht. "Wissen Sie, wenn wir Leute demütigen, wird es nicht einfacher. Vor allem, wenn es sich um Personen handelt, die in einer Sache falsch liegen, aber gleichwohl eine wichtige Rolle in der afrikanischen Geschichte gespielt haben." Mit anderen Worten: Auch als AU-Chef kritisiert man Mugabe nicht ungestraft, er wird von den afrikanischen Eliten nach wie vor als Held des antikolonialen Befreiungskampfes gefeiert.

Konaré lenkt den Blick lieber wieder in die Zukunft. "In 25 Jahren werden in Afrika mehr als eine Milliarde Menschen leben. Wir werden der größte Markt der Welt sein." Um das zu illustrieren, weist er auf ein Wandbild in seinem Büro. "Hier sehen Sie, dass China, Indien, die USA und die EU in unserem Kontinent leicht Platz finden." Soweit es die Fläche betrifft, lässt sich das nicht bestreiten.