Eine Regierungsübernahme verbindet sich häufig mit Gedächtnisschwund. Was in der Opposition als feste Überzeugung galt, fällt – kaum sitzt man an der Macht – dem Vergessen anheim. So nachhaltig wie derzeit in der Forschungspolitik hat die Amnesie aber selten eine neue Regierung befallen. Jahrelang kritisierten CDU und CSU zu Recht, dass nicht die zuständige Ministerin Edelgard Bulmahn, sondern andere Kabinettskollegen wichtige Teile der Forschungspolitik verantworteten. Ein Unding, dass sich gleich vier Ressorts die Energieforschung teilten! In einer Regierung unter ihrer Führung werde sich solch eine Zersplitterung nicht wiederholen, verkündeten die Konservativen und versprachen eine Forschungspolitik "aus einem Guss".

Vergangen, vergessen. Statt die verstreuten Zuständigkeiten wieder zu vereinen, treibt die Union die Zersplitterung der Forschungskompetenz weiter voran. Auch wenn Edmund Stoiber nun nicht Wirtschaftsminister wird – der Flurschaden, den die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und CSU schon jetzt angerichtet haben, bleibt. Die gesamte Raumfahrttechnik sowie vier weitere Schlüsselreferate, unter anderem die Optik und die Nanotechnologie, soll die designierte Forschungsministerin Annette Schavan abgeben, damit der Wirtschafts- sich auch Technologieminister nennen darf.

Nun bleibt Stoiber in München, sein Nachfolger jedoch wird auf den schon erzielten Terraingewinn gegenüber dem Forschungsministerium kaum verzichten. Und selbst wenn die unselige Trennung wieder rückgängig gemacht wird (was dringend zu hoffen ist), so hat die Glaubwürdigkeit der Union und ihrer Fachfrau Annette Schavan gelitten. Dass man bereit war, sich über die Mahnungen nahezu sämtlicher Forschungsorganisationen, von der DFG bis zur Hochschulrektorenkonferenz, hinwegzusetzen, zeigt ein weiteres Mal die Ignoranz der Union gegenüber der Wissenschaft.

Schon vorher hat der Ruf der Partei in der Forschungspolitik gelitten. Sie blockierte lange Zeit die Exzellenzinitiative und beharrt bis heute darauf, der Bund möge auf die gesamte Verantwortung für Schulen und Universitäten verzichten. Nun hat sie auch noch eine veraltete Vorstellung von Wissenschaft offenbart – die Ansicht, Forschung ließe sich trennen in reine Theorie und nützliche Anwendung, die Arbeitsplätze schafft. Dabei ist das eine mit dem anderen eng verknüpft: Was in der Nanotechnologie oder der Quanteninformatik (siehe nebenstehenden Artikel) heute Grundlagenforschung ist, kann morgen in konkrete Produkte münden.

Daher braucht es ein starkes Forschungsministerium, das mehr ist als ein Referat für Azubis und Bildungsurlaub. Auch in Brüssel benötigt die deutsche Forschungspolitik eine kraftvolle Stimme, um sich Gehör zu verschaffen – nicht zwei, die sich widersprechen. Bleibt es bei der Zerschlagung des Forschungsministeriums, ist der Schaden irreparabel.