Seit elf Wochen lebt Wang Wanxing mit seiner Familie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im 6. Stock eines Sozialwohnungsbaus im Frankfurter Stadtteil Sossenheim. Eine ruhige Gegend. Jeden Abend joggt Wang auf dem benachbarten Sportplatz. Meist ist er dabei allein. Manchmal weint er beim Laufen. Sonst bleibt er zu Hause. An der Türklingel fehlt sein Name. Wang will nicht auffallen. Elf Wochen lang hat die Öffentlichkeit nichts von der spektakulärsten Entlassung eines chinesischen Dissidenten seit vielen Jahren erfahren. Die erste Polizeipsychiatrie Chinas in Hangzhou (Foto: Georg Blume) BILD

Wang Wanxing nahm den Air-China-Flug CA931 von Peking nach Frankfurt am 16. August dieses Jahres. Neben ihm in der ersten Klasse saßen der deutsche Diplomat Matthias Biermann und chinesische Sicherheitsbeamte. »Nach 13 Jahren im Pekinger Psychiatriekrankenhaus flog ich direkt von der Hölle in den Himmel«, sagt der 56-jährige chinesische Langzeitdissident.

Wochen nach der Ausreise ist Wang wohlauf. Er findet keine Worte für sein Befinden. »Wir danken der deutschen Regierung«, hilft ihm seine Frau Wang Junying. Sie und ihre Tochter genießen in Deutschland politisches Asyl. Dass Wang heute an ihrer Seite in Frankfurt lebt, bezeichnet der amerikanische Menschenrechtsaktivist John Kamm, Gründer der Duihua-Stiftung zur Unterstützung chinesischer Bürgerrechtler, als »ersten greifbaren Erfolg des deutschen Menschenrechtsdialogs mit China«. Erstmals sei ein »Top-Dissident« nicht in die Vereinigten Staaten, sondern in ein anderes Land, nach Deutschland, ausgewiesen worden. »Hut ab vor Berlin!«, lobt Kamm. Doch dort will bisher niemand die Glückwünsche entgegennehmen. In Absprache mit Peking bewahrt die Bundesregierung bis heute Stillschweigen über Wangs Ausreise nach Deutschland. Der Gefangene Wang Wangxing bei einem Spaziergang in der psychiatrischen Klinik in Peking BILD

Was den Fall über seine außenpolitische Bedeutung hinaus sensationell macht: Zum ersten Mal entließ die chinesische Regierung einen Häftling ihrer berüchtigten Ankang-Krankenhäuser ins Exil. Wang Wanxing war der bekannteste politische Gefangene, der in einer dieser psychiatrischen Einrichtungen festgehalten wurde. Ankang bedeutet »Sicherheit und Gesundheit«. Doch wer ein Ankang von innen erlebt hat, verbindet damit Schrecken, Folter und Mord. Ankang klingt für die betroffenen Opfer wie für andere Gulag. Den beschönigenden Namen gab die KP Chinas im Jahr 1987 ihren bis dahin von der Polizei im Verborgenen geführten psychiatrischen Krankenhäusern. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Nervenheilanstalten unter dem Dach ziviler Krankhäuser dienen Chinas Polizeipsychiatrien nicht nur zur Behandlung Geisteskranker, sondern auch zur Verwahrung und Demütigung politisch Andersdenkender. Der Eingang zur Nervenklinik in Xian (Foto: Georg Blume) BILD

Unter den Dissidenten Chinas ist Wang seit langem eine Legende. Schon 1966, als Oberschüler, begehrte er gegen die Kulturrevolution auf. Er stritt 1976 für die Rehabilitierung Deng Xiaopings und wurde dafür ins Gefängnis gesperrt. Er unterstützte die Demokratiebewegungen von 1979 und 1989. Weltruhm erlangte er am 4. Juni 1992. Es war der dritte Jahrestag des Tiananmen-Massakers. In einer Ein-Mann-Aktion rollte Wang auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking ein Transparent für die Rehabilitierung der dort drei Jahre zuvor von der Volksarmee ermordeten Demonstranten auf. Bei seiner Festnahme wurde der amerikanische Fernsehjournalist Todd Carrel von der Polizei so verprügelt, dass er bis heute gelähmt ist. Mehrere ausländische Journalisten erlitten schwere Verletzungen.

Wang blieb unvergessen. Der englische Sinologe und Psychiatrieforscher Robert Munro nahm sich im Auftrag der New Yorker Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch seines Falls an. Munro lieferte regelmäßig Informationen an die Außenministerien in Berlin und Washington. Seinen Recherchen zufolge missbraucht China seit Jahrzehnten psychiatrische Anstalten als politische Gefängnisse wie einst die Sowjetunion. Doch konnte Munro das bislang nur anhand chinesischer Fachliteratur und Regierungsstatistiken nachweisen, also mit Hilfe von Quellen, mit denen sich das System ungewollt selbst entblößte. Vielen reichte das nicht. Der Öffentlichkeit fehlten konkrete Beweise – die Stimmen der Opfer, die nie gehört wurden.

Über eine Nadel in der Oberlippe bekam der Patient Stromstöße

Wangs Befreiung wird deshalb zur Enthüllungsgeschichte über einen in China wie im Westen weithin unbekannten Repressionsapparat. Wang selbst, aber auch weniger bekannte Ankang-Opfer, die noch weit grausamere Behandlungen erlitten als der bekannte Dissident, erklärten sich in den vergangenen Wochen gegenüber der ZEIT erstmals bereit, über ihre Leiden als politisch Verfolgte in der chinesischen Polizeipsychiatrie zu berichten. Übereinstimmend beschuldigen sie die Polizeibehörden, gesunde Menschen allein wegen ihrer Kritik an den Autoritäten ohne gesetzliche Einspruchsmöglichkeit in Hospitäler zu sperren und zu foltern – mit Elektroschocks, Insulinschocks, chemischen Zwangsjacken und glühendem Eisen.

Zwei Opfer klagten bislang erfolglos vor Gericht. Bis auf wenige Ausnahmen im vergangenen Jahr haben chinesische Medien nicht über Ankang-Skandale berichtet. Die öffentliche Kritik aber ist umso wichtiger, als Peking beschlossen hat, die Zahl der Polizeipsychiatrien in ganz China von derzeit 22 auf 125 auszubauen – nicht zuletzt als Einschüchterungswaffe gegen eine neue Welle von Streiks und Protesten. Derzeit wird die Zahl politischer Gefangener in Chinas Ankangs im Ausland auf einige hundert geschätzt, in der Vergangenheit waren es Tausende. Ein Gesetz für Geisteskranke liegt seit 1985 auf Eis, gerade wird der 15. Entwurf verhandelt, weil die Sicherheitsbehörden den gesetzlosen Zustand offenbar vorziehen.

Chinas Methode, Gesunde für verrückt zu erklären, ist erschreckend einfach. »Der Patient macht einen guten Eindruck«, vermerkt das polizeiärztliche Gutachten der Medizinischen Abteilung des Ankang-Krankenhauses der Stadt Peking vom 11. August dieses Jahres über Wang Wanxing. Sein Gemütszustand sei stabil, er gehorche der Verwaltung, höre Radio, lese gern und sei hilfsbereit. Doch offenbare er »Illusionen und eine Behinderung des logischen Denkens, wenn es um politische Themen gehe«. Seine Wahnvorstellungen hätten sich nicht gebessert. Der Ankang-Arzt empfiehlt deshalb eine Weiterbehandlung.

Jetzt sitzt der Patient in seiner Wohnung in Frankfurt-Sossenheim auf einem weißen Sofa. Er erweckt keinen Eindruck von Geistesgestörtheit. Zwei Stunden lang spricht er mit ruhiger Stimme. Er sagt, er wolle nüchtern das System erklären. Der Patient werde im Ankang aller Rechte beraubt. »Es gibt keinerlei gerichtlichen Prozess, keinerlei Zugriff auf einen Anwalt. Gegen das polizeiliche Urteil, geisteskrank zu sein, besteht keine Einspruchsmöglichkeit, es ist zeitlich nicht begrenzt. Das macht die Hoffnung auf Entlassung für die Insassen so schwer, schwerer als im Gefängnis oder Arbeitslager, wo die Strafen zeitlich begrenzt sind«, sagt Wang.

Für ihn sei es die größte Qual gewesen, als gesunder Mensch 13 Jahre lang fast ausschließlich von Geisteskranken umgeben zu sein. Stets habe er unter Gewaltdrohungen der Patienten gelitten. Er habe zugesehen, wie zwei Mitinsassen im Beisein des Personals ermordet wurden. Täglich seien Patienten mit Elektrostößen gequält worden. »Manchmal mussten alle Insassen einer Abteilung zur Bestrafung antreten, einer nach dem anderen, weil Krankenschwestern und Ärzte ihren Frust loswerden wollten«, berichtet Wang. Den Patienten sei eine Nadel in die Oberlippe gestochen worden, über die sie die Stromstöße erhielten. Bei denjenigen, die gegen den Schmerz bereits abgestumpft waren, wurde die elektrische Spannung abwechselnd auf hoch und niedrig gestellt. »Für die Opfer war die Behandlung extrem schmerzhaft«, sagt Wang.

Er selbst sei privilegiert behandelt worden, verfügte auf Wunsch über eine Einzelzelle, konnte Bücher und Zeitungen lesen und sei nicht Opfer besonderer Strafmaßnahmen geworden. Der Grund: Das Krankenhaus sei über seine Prominenz im Ausland gut unterrichtet gewesen.

Ganz anders erging es der Schuhfabrikarbeiterin Meng Xiaoxia in Chinas alter Kaiserstadt Xian. Meng hat immer noch Angst, zittert am ganzen Körper. Sie ist hellwach, aber in ihren Gliedern steckt der Terror. »Ich würde lieber sterben, als noch einmal ins ›Ankang‹ zu gehen«, sagt Meng. Sie fragt sich, ob sie wieder ins Ankang eingewiesen werde, wenn sie mit einem ausländischen Reporter spreche. Kürzlich wurde sie zu einem internationalen Juristentreffen eingeladen. Zuvor rief die Polizei an: Sie solle nicht hingehen, riet der Beamte am Telefon, und nicht mit Ausländern sprechen. An diesem Morgen ruft Meng zwei Freundinnen an. Sie sollen in ihre Wohnung kommen. In ihrer Gegenwart fühlt sich Meng sicherer. Jetzt will sie die Fragen des Reporters beantworten.

Über einem selbst gestrickten rot-grünen Pullover und unter einer braunen Wolljacke trägt Meng immer noch ihre blaue Anstaltskleidung. Für eine neue Jacke hat sie kein Geld. »Heilanstalt Nr. 63« ist auf die Brusttasche gestickt. »Die habe ich bei der letzten Flucht getragen«, sagt Meng und zeigt in ihrer Küche auf einen blauen Stoffvorleger, der einmal ihre Anstaltshose gewesen sei. Auf dem Vorleger steht »Heilanstalt für Geisteskranke«.

Zehn Jahre verbrachte Meng in der »Hölle«. So nennt sie das Ankang-Krankenhaus der Stadt Xian. Es liegt mitten in einem Touristengebiet, unweit der beiden berühmten Pagoden der Wilden Gans, die keiner der Millionen Pilger auslässt, die Xian jedes Jahr auf dem Weg zur Terrakotta-Armee besuchen. Meng zeichnet einen Plan der Anlage. Steht man davor, ist alles wie auf dem Plan: Dort der weiß verklinkerte Spitalbau, der ihr Gefängnis war, dort die hohe Mauer, die sie zweimal bei der Flucht überwand. »Ich klettere auf die Mauer, springe und werde wieder in meine Zelle geschleppt. Noch immer träume ich davon«, sagt Meng.

Sie ist jetzt 54 Jahre alt. Sie ist seelisch nicht gebrochen. Je länger sie erzählt, desto klarer wird das – und desto unbegreiflicher. Sie erzählt, wie sie mit weißen Stoffbändern an ihr Bett gebunden wurde, wie der Arzt spezielle Handschuhe mit Metallplatten überstreifte, die Handschuhe auf ihre Stirn drückte, sie die kalten Platten auf der Stirn fühlte. »Dann knallte es«, sagt Meng. Dreimal wurde sie in den zehn Jahren mit dieser Elektroschocktherapie bestraft – einmal, weil sie den Anstaltsleiter beschimpft hatte.

Nach der Insulinschocktherapie lag Meng tagelang im Koma

Meng berichtet, wie es im Ankang fast täglich knallte. Wie die Schreie der Opfer die anderen Insassen aufrüttelten. Wie sich die Patienten aus Angst unter Betten, in der Toilette oder unterm Waschbecken versteckten, wenn sie die Schreie hörten. »Es waren öffentliche Bestrafungen. Die Türen standen offen. Wir sollten zusehen«, berichtet Meng.

Dreimal am Tag wurden ihr starke Psychopharmaka verabreicht: vor allem Chlorpromazin, ein altes Neuroleptikum mit starken Nebenwirkungen. Manche Ärzte gaben ihr heimlich zu verstehen, dass sie Meng nicht für krank hielten. Sie steckte die Pillen unter die Oberlippe und ließ sie später im Klo verschwinden. Einmal erhielt Meng eine Insulinschocktherapie und lag Tage im Koma. Ein anderes Mal wurde sie mit der apathisch machenden »Wahrheitsdroge« Scopolamin behandelt. Maßnahmen, die gesunden Menschen schweren körperlichen und seelischen Schaden zufügen können und Foltercharakter haben. Auch deshalb ging Meng vor Gericht. Ihre Klage, zunächst mehrfach abgewiesen, wurde Ende September dieses Jahres vom Volksgericht des Bezirks Xincheng in Xian zugelassen. Meng holt eine Plastiktüte voller Gerichtsunterlagen unter ihrem Bett hervor, darunter ärztliche Gutachten, die belegen, dass sie nie geisteskrank war.

Dafür war sie ihr Leben lang stur und unbeugsam. Als drittes Kind einer Bauernfamilie ergatterte sie in den achtziger Jahren einen begehrten Fabrikarbeitsplatz in der Stadt. Bei der Arbeit entdeckte sie die korrupten Machenschaften des Sohnes des ehemaligen Fabrikleiters und zeigte beide bei der Fabrikleitung an. Der Sohn schlug sie dafür bewusstlos. Sie zeigte ihn wieder an. Jetzt bildete sich ein Kartell gegen die aufmüpfige Frau: Der neue Fabrikleiter, der Polizeibezirksleiter und der Verwaltungschef des »Ankangs« taten sich zusammen, erklärten Meng für geisteskrank und ließen sie im Ankang verschwinden. Ohne ärztliches Gutachten, ohne Anzeige, ohne Urteil. Später wurde der Schwiegersohn des Ankang-Verwaltungschefs Abteilungsleiter der Fabrik. Ähnlich funktioniert die lokale Mafia überall in China. Doch Meng war ihr auf ihre Art gewachsen. »Ich habe die Hoffnung auf Gerechtigkeit nie verloren«, macht sie sich am Ende ihrer Erzählung Mut. Sie zittert jetzt nicht mehr.

Qiu Jinyou ist ein völlig anderer Typ: lebhaft, wohlhabend, selbstsicher. Er fährt einen gold lackierten »Flyer«, das ist ein chinesischer Kleinwagen. Qiu besitzt ein dreistöckiges Einfamilienhaus. »Ich hatte nie Angst«, sagt der 46-jährige Vizegeneralmanager der Glasfabrik Guanghua in der Provinzhauptstadt Hangzhou. Qius Name ist in Dissidentenkreisen bekannt. Nicht weil er im Jahr 1997 für 208 Tage im Ankang-Krankenhaus der Polizei der Stadt Hangzhou eingeschlossen war. Sondern weil er als Lokalheld im Kampf gegen die Korruption gilt. Vor zwei Jahren organisierte er eine Demonstration von 4000 Angestellten seiner ehemaligen Chemiefabrik – gegen die Fabrikführung, die sich illegal bereichert hatte. Vor 1997 war er Personalchef derselben Fabrik gewesen und der damals schon korrupten Leitung auf die Schliche gekommen. Er sammelte Beweise, 400 Unterschriften und fuhr zum Beschwerdeamt der Zentralregierung in Peking. Die Beamten dort sorgten dafür, dass die Hangzhouer Polizei ihn festnahm und ins Ankang einwies.

Qiu nimmt am breiten Esstisch seines Hauses Platz, seine Frau neben ihm. Er habe viele Freunde, sagt Qiu. Sein Cousin sei ein Studienkollege des Bürgermeisters von Shanghai. Mit seiner Hilfe habe er vor Gericht geklagt. Viermal ohne Erfolg. Seine letzte Klage wurde am 9. Oktober abgewiesen. Qiu gießt sich eine Flasche Schnaps ins Bierglas und lässt die Erinnerungen hochkomnmen: »Die Kommunisten sind grausam. In einem ›Ankang‹ gibt es nichts als Terror und Angst. Nicht einmal Mörder werden dort so behandelt wie diejenigen, die gegen die Regierung aufbegehren. Ich wurde damals drei-bis viermal pro Woche gefoltert. Ich dachte, ich müsste sterben«, sagt Qiu.

Er erzählt, wie er im Ankang von denselben Polizisten mit Elektrostößen gefoltert wurde, die ihn festgenommen hatten. Sie banden ihn mit Stricken an einem Stuhl fest. Sie verlangten von ihm die Namen seiner Mitarbeiter. Sie gaben ihm Medikamente, die ihn krank machten. Er bekam Haarausfall, litt an Spasmen, Zuckungen, Schlaflosigkeit, Nervenschwäche und Gedächtnisverlust.

Das Ankang von Hangzhou liegt weit außerhalb der Stadt in einem landschaftlichen Idyll zwischen Reisfeldern und Teebergen. Es wurde 1954 auf dem Platz einer für die neuen Zwecke abgerissenen buddhistischen Tempelanlage errichtet und war die erste Polizeipsychiatrie Chinas. Wer heute davorsteht, dem erklärt Qiu über das Mobiltelefon, in welchem Gebäude er untergebracht war. Er kann den Weg zur Folterkammer fast wie im Schlaf beschreiben: »Man geht vorbei an drei französischen Platanen.« An den Bäumen hängt dieser Tage eine rote Banderole mit der Aufschrift: »Körperliche und seelische Gesundheit – Glück im ganzen Leben«.