Jetzt sitzt der Patient in seiner Wohnung in Frankfurt-Sossenheim auf einem weißen Sofa. Er erweckt keinen Eindruck von Geistesgestörtheit. Zwei Stunden lang spricht er mit ruhiger Stimme. Er sagt, er wolle nüchtern das System erklären. Der Patient werde im Ankang aller Rechte beraubt. »Es gibt keinerlei gerichtlichen Prozess, keinerlei Zugriff auf einen Anwalt. Gegen das polizeiliche Urteil, geisteskrank zu sein, besteht keine Einspruchsmöglichkeit, es ist zeitlich nicht begrenzt. Das macht die Hoffnung auf Entlassung für die Insassen so schwer, schwerer als im Gefängnis oder Arbeitslager, wo die Strafen zeitlich begrenzt sind«, sagt Wang.

Für ihn sei es die größte Qual gewesen, als gesunder Mensch 13 Jahre lang fast ausschließlich von Geisteskranken umgeben zu sein. Stets habe er unter Gewaltdrohungen der Patienten gelitten. Er habe zugesehen, wie zwei Mitinsassen im Beisein des Personals ermordet wurden. Täglich seien Patienten mit Elektrostößen gequält worden. »Manchmal mussten alle Insassen einer Abteilung zur Bestrafung antreten, einer nach dem anderen, weil Krankenschwestern und Ärzte ihren Frust loswerden wollten«, berichtet Wang. Den Patienten sei eine Nadel in die Oberlippe gestochen worden, über die sie die Stromstöße erhielten. Bei denjenigen, die gegen den Schmerz bereits abgestumpft waren, wurde die elektrische Spannung abwechselnd auf hoch und niedrig gestellt. »Für die Opfer war die Behandlung extrem schmerzhaft«, sagt Wang.

Er selbst sei privilegiert behandelt worden, verfügte auf Wunsch über eine Einzelzelle, konnte Bücher und Zeitungen lesen und sei nicht Opfer besonderer Strafmaßnahmen geworden. Der Grund: Das Krankenhaus sei über seine Prominenz im Ausland gut unterrichtet gewesen.

Ganz anders erging es der Schuhfabrikarbeiterin Meng Xiaoxia in Chinas alter Kaiserstadt Xian. Meng hat immer noch Angst, zittert am ganzen Körper. Sie ist hellwach, aber in ihren Gliedern steckt der Terror. »Ich würde lieber sterben, als noch einmal ins ›Ankang‹ zu gehen«, sagt Meng. Sie fragt sich, ob sie wieder ins Ankang eingewiesen werde, wenn sie mit einem ausländischen Reporter spreche. Kürzlich wurde sie zu einem internationalen Juristentreffen eingeladen. Zuvor rief die Polizei an: Sie solle nicht hingehen, riet der Beamte am Telefon, und nicht mit Ausländern sprechen. An diesem Morgen ruft Meng zwei Freundinnen an. Sie sollen in ihre Wohnung kommen. In ihrer Gegenwart fühlt sich Meng sicherer. Jetzt will sie die Fragen des Reporters beantworten.

Über einem selbst gestrickten rot-grünen Pullover und unter einer braunen Wolljacke trägt Meng immer noch ihre blaue Anstaltskleidung. Für eine neue Jacke hat sie kein Geld. »Heilanstalt Nr. 63« ist auf die Brusttasche gestickt. »Die habe ich bei der letzten Flucht getragen«, sagt Meng und zeigt in ihrer Küche auf einen blauen Stoffvorleger, der einmal ihre Anstaltshose gewesen sei. Auf dem Vorleger steht »Heilanstalt für Geisteskranke«.

Zehn Jahre verbrachte Meng in der »Hölle«. So nennt sie das Ankang-Krankenhaus der Stadt Xian. Es liegt mitten in einem Touristengebiet, unweit der beiden berühmten Pagoden der Wilden Gans, die keiner der Millionen Pilger auslässt, die Xian jedes Jahr auf dem Weg zur Terrakotta-Armee besuchen. Meng zeichnet einen Plan der Anlage. Steht man davor, ist alles wie auf dem Plan: Dort der weiß verklinkerte Spitalbau, der ihr Gefängnis war, dort die hohe Mauer, die sie zweimal bei der Flucht überwand. »Ich klettere auf die Mauer, springe und werde wieder in meine Zelle geschleppt. Noch immer träume ich davon«, sagt Meng.

Sie ist jetzt 54 Jahre alt. Sie ist seelisch nicht gebrochen. Je länger sie erzählt, desto klarer wird das – und desto unbegreiflicher. Sie erzählt, wie sie mit weißen Stoffbändern an ihr Bett gebunden wurde, wie der Arzt spezielle Handschuhe mit Metallplatten überstreifte, die Handschuhe auf ihre Stirn drückte, sie die kalten Platten auf der Stirn fühlte. »Dann knallte es«, sagt Meng. Dreimal wurde sie in den zehn Jahren mit dieser Elektroschocktherapie bestraft – einmal, weil sie den Anstaltsleiter beschimpft hatte.

Nach der Insulinschocktherapie lag Meng tagelang im Koma

Meng berichtet, wie es im Ankang fast täglich knallte. Wie die Schreie der Opfer die anderen Insassen aufrüttelten. Wie sich die Patienten aus Angst unter Betten, in der Toilette oder unterm Waschbecken versteckten, wenn sie die Schreie hörten. »Es waren öffentliche Bestrafungen. Die Türen standen offen. Wir sollten zusehen«, berichtet Meng.

Dreimal am Tag wurden ihr starke Psychopharmaka verabreicht: vor allem Chlorpromazin, ein altes Neuroleptikum mit starken Nebenwirkungen. Manche Ärzte gaben ihr heimlich zu verstehen, dass sie Meng nicht für krank hielten. Sie steckte die Pillen unter die Oberlippe und ließ sie später im Klo verschwinden. Einmal erhielt Meng eine Insulinschocktherapie und lag Tage im Koma. Ein anderes Mal wurde sie mit der apathisch machenden »Wahrheitsdroge« Scopolamin behandelt. Maßnahmen, die gesunden Menschen schweren körperlichen und seelischen Schaden zufügen können und Foltercharakter haben. Auch deshalb ging Meng vor Gericht. Ihre Klage, zunächst mehrfach abgewiesen, wurde Ende September dieses Jahres vom Volksgericht des Bezirks Xincheng in Xian zugelassen. Meng holt eine Plastiktüte voller Gerichtsunterlagen unter ihrem Bett hervor, darunter ärztliche Gutachten, die belegen, dass sie nie geisteskrank war.