Das Publikationsdatum verbietet den Gedanken an einen Aprilscherz. Am 10. Juni 2005 berichtet die britische Tageszeitung The Guardian von einem Busunternehmer in Winchester, der seine Busse mit Schafsurin betreibt. Der müffelnde Saft, in einer Schafsfarm abgefüllt, dient allerdings nicht dem Antrieb, sondern der Reinigung des Abgases. Der Mann erzählt dem Reporter von "grüner Technologie" – ein Spinner?

13. September 2005. Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt. Der neue DaimlerChrysler-Boss Dieter Zetsche präsentiert sich und die neue S-Klasse von Mercedes der Weltpresse. Das Auto soll ein Sparmobil par excellence sein und zugleich "der sauberste Diesel der Welt" – 20 Prozent weniger Verbrauch, mit 7,7 Litern auf 100 Kilometer im Mittelklassebereich, 80 Prozent weniger Emissionen. Zentrale Innovation ist eine Abgasreinigung mittels "AdBlue". AdBlue ist ein Markenname für eine wässrige Harnstofflösung, vulgo: Pipi.

In Winchester wie in Frankfurt ging es um eine unangenehme Begleiterscheinung der Verbrennung fossiler Brennstoffe: Stickoxide (NOx). Die für die Umwelt (saurer Regen) und unsere Gesundheit (Atemwege) schädlichen Gase, die unter bestimmten Umständen auch an der Ozonbildung beteiligt sind, fallen vor allem beim Betrieb von Dieselmotoren an. Und die übelsten Stickoxidstinker sind ausgerechnet hocheffiziente Spardiesel.

Stickoxide lassen sich eben nicht, wie etwa CO2, durch sparsamere Verbrennung reduzieren. Das Gegenteil stimmt: Bei spritarmer Verbrennung schnellt der Stickoxidausstoß hoch. Für den Wirkungsgrad günstige hohe Betriebstemperaturen im Motor heizen ebenfalls die NOx-Produktion an. Für Automobilbauer ein klassischer Zielkonflikt, bei dem es nur mäßig erfreuliche Kompromisse gibt.

Die Verzweiflung muss schon groß sein, wenn ausgerechnet Mercedes als erster Hersteller seine Flaggschiffe jetzt mit einer Art Urin betanken will. Natürlich ist AdBlue von BASF ein geruchloses Chemieprodukt, eine 32,5-prozentige Harnstofflösung mit Frostschutz, und auch der Name versucht bestmöglich von der Farbe des Stoffwechselproduktes abzulenken. Heikel bleibt diese Kombination gleichwohl, die japanische Konkurrenz behauptet sogar, ihren Landsleuten sei Harnstoff im Auto nicht zuzumuten. Umso gravierender müssen die Argumente sein, die für diese Abgasbehandlung sprechen. Und tatsächlich löst die so genannte Selective Catalytic Reduction- Technik (SCR) den skizzierten Zielkonflikt: Spritzt man Harnstoff ins Abgas, kann man den Motor spritsparend einstellen und die Stickoxid-Emissionen in den Griff kriegen.

5000 Lkw sind schon mit dem Stickoxid-Katalysator unterwegs

SCR ist keine neue Technik. Sie hat sich seit 15 Jahren in Kraftwerken bewährt. "Ökoschiffe" sind auch schon damit unterwegs. Im Prinzip funktioniert SCR so: Die Harnstofflösung wird, fein dosiert, dem heißen Abgas beigemischt. Dabei entsteht Ammoniak, das in einem zusätzlichen Katalysator ("Pipi-Kat") die Stickoxide zu N2 reduziert, aus dem Atemluft ohnehin zu 78 Prozent besteht. Dass diese Technik im Straßenverkehr genutzt werden kann, hat DaimlerChrysler bewiesen. 5000 Mercedes-Lkw mit "Pipi-Kat" sind seit Anfang 2005 auf der Straße. Ab November fahren auch die ersten Linienbusse mit SCR-Ausrüstung.

Freiwillig würde sich niemand mit einer solch komplexen Abgasnachbehandlung herumschlagen. Doch im Hintergrund drohen rigide europäische Abgasnormen. 2010 werden die europäischen NOx-Grenzwerte so niedrig sein, dass derzeit niemand glaubt, das Abgas ohne SCR oder vergleichbare Techniken sauber genug zu bekommen. Außerdem spielt eine strategische Überlegung der europäischen Dieselfahrzeug-Produzenten eine Rolle. Man würde liebend gern den fast lupenreinen Benzinermarkt USA erobern. Der Diesel wird dort generell als Inbegriff des alten Europa angesehen und als lahm und stinkend verspottet. Doch es gibt Hinweise, dass sich – angesichts steigender Spritpreise – plötzlich auch Amerikaner für die sparsamere Verbrennungsvariante interessieren. Nur sind die amerikanischen Stickoxidnormen noch viel strenger als die europäischen. Um also in Zukunft hiesige Dieselfahrzeuge in den USA verkaufen zu können, muss eine hocheffektive Entstickung her.

Harnstoff in die Ersatzradmulde – Ersatzrad ins Automobilmuseum