Wenn die Bowlers aus Zimmer 115 daheim von ihrem Urlaub erzählen, komme ich bestimmt in ihren Erzählungen vor. Der komische Vogel von nebenan, der in ein Skihotel kommt und nicht Ski fährt, sondern monoton in seine Schreibmaschine tippt. Eine Schreibmaschine, man stelle sich vor. Was würden sie erst sagen, wenn sie wüssten, dass es immer der gleiche Satz ist: All work and no play makes Jack a dull boy. BILD

Das mit der Schreibmaschine sollte eigentlich ein Jux sein, die Reminiszenz an einen Film, der vor 25 Jahren hier spielte. Aber wenn dann der Laptop den amerikanischen Strom nicht verträgt und der Rezeptionistin bloß einfällt, in der nächsten Stadt, zu Fuß vier Stunden, habe es mal einen Elektriker gegeben, dann begreift man, dass hier die Uhren anders gehen.

Den "entlegensten Ort der Vereinigten Staaten" hat der Schriftsteller Walter Creese die Timberline Lodge mal genannt. Dabei liegt das Hotel keine 150 Kilometer von der Pazifikküste entfernt. Aber schon an der Abzweigung vom Highway versteht man, was er meint. Ohne erkennbares Ziel windet sich die Straße den Mount Hood empor. Der 3400 Meter hohe Berg ist so etwas wie das Wahrzeichen von Oregon. Verirrte Fahrer im halben Staat orientieren sich an seinem Gipfel. Doch gerade hier verschwindet er hinter einem Spalier immerbrauner alter Fichten. Sie lassen den Blick tief in den Wald eindringen, als wollten sie sagen: Hinter uns kommt nichts mehr. Und dann kommt die Lodge – gleich oberhalb der Baumgrenze, nach der sie benannt ist. Wer ihre Silhouette vor der Südwand des Berges aufragen sieht, hat ein Stück Filmgeschichte nacherlebt: die erste Minute von Stanley Kubricks Shining.

Shining ist ein Horrorfilm; aber die Timberline Lodge ist kein Spukschloss. Fast übertrieben geordnet liegt sie da. Die Grundform bildet ein Sechseck. Man kann sich das Gebäude als Uhr vorstellen, die um 8 Uhr stehen geblieben ist. Der große Zeiger, das sind die 70 Schlafräume, die sich auf drei Etagen verteilen. Der kleine Zeiger beherbergt die Aufenthalts- und Speiseräume. Auf 2 Uhr und 6 Uhr sind Aussichtsterrassen, auf 10 Uhr liegt der Eingang.

Warum gerade diese Form? Darüber gibt es verschiedene Theorien. Aber alle haben damit zu tun, dass man sich an die Landschaft anpassen müsse. Anpassen! An einen Vulkan, denn das ist der Mount Hood genauso wie der Mount St. Helens, den man am Horizont Dampfwölkchen spucken sieht. Anpassen an einen ganzjährig schneebedeckten Steilhang, den die Menschen mieden, bis der Wintersport in Mode kam. Aber tatsächlich hat das Haupthaus eine Spitze wie der Berg, und die Holzbohlen sind eisgrau lackiert. Vielleicht ist es diese auffallende Unauffälligkeit, die an eine Falle denken lässt.

All work and no play makes Jack a dull boy. Das ist ein Satz aus dem Film, so bedeutend und sinnlos wie Bogarts Here’s looking at you. Nur dass Jack Nicholson seinen Satz niemals sagt. Er hackt ihn in eine Schreibmaschine, und die Anschläge hallen durch eine verwaiste Lobby. Er spielt einen Schriftsteller, Jack Torrance, der sich in einem Berghotel namens Overlook als Hausmeister für die Winterpause verdingt. Torrance will sein Leben ändern. Versagensängste und Schuldgefühle plagen ihn, weil ihm nach seinem ersten Buch die Inspiration ausging – und weil er darüber zum Trinker wurde und seinen kleinen Sohn Danny verletzte. Damit soll es nun ein Ende haben. Wie besessen bringt er seine neuen Einfälle zu Papier. Wovon besessen, das erfahren wir erst beim Showdown. Und wer den Film nicht kennt, der kennt doch das Foto: Jack Nicholson, der seine Axt in eine Tür drischt, auf dem Gesicht die unbändige Euphorie eines Mannes, der endlich ein Ziel hat: seine Familie auszulöschen. Der unter Wahngelächter durch endlose Flure und riesige Küchen rennt, um schließlich, von seinem Sohn überlistet, im verschneiten Labyrinth vor dem Haus zu erfrieren.

In der Logik des Horrorfilms sind Gebäude so etwas wie Speicher. Sie nehmen starke Gefühle in sich auf und geben sie an schwache Charaktere weiter. So bringt das Overlook Hotel Jack Torrance dazu, einen Mord wiederholen zu wollen, der sich vor Jahrzehnten zutrug, in Zimmer 237. Und welche Gefühle speichert die Timberline Lodge?