Es könnte ein Witz sein oder eine Karikatur, aber es hat genau so stattgefunden: im Raucherabteil des ICE von Hamburg nach Berlin. Dort, wo die Luft so stickig ist, dass jedem Atemzug ein Staunen darüber folgt, dass das Atmen tatsächlich möglich ist. Eine Frau holt ein Brötchen hervor, auf dem Platz gleich neben ihr sucht ein älterer Mann in allen Taschen nach seinem Feuerzeug. Er findet es, eine Flamme entzündet sich, dabei sieht er aus dem Augenwinkel das Brötchen auf dem Tisch. »Entschuldigung«, murmelt er. »Hatte nicht gesehen, dass Sie essen.« Dann steckt er Feuerzeug und Zigarette in seine Jackentasche. Und wartet.

Ist Deutschland so? Sind die Raucher rücksichtsvoll – sogar im Raucherabteil? Haben die Nichtraucher endgültig über die Raucher triumphiert? Aufbruch zu einer Zugfahrt im Raucherwaggon durchs Land im Oktober 2005.

Der Raucherwaggon ist ein kleines, marodes Raumschiff, das aus der Vergangenheit kommt und unbeirrt an der Gegenwart vorbeizieht. Früher, in den siebziger Jahren, war jeder zweite Platz im Zug für Raucher bestimmt, heute ist es nur noch jeder fünfte. Die Zigaretten, die dort brennen, sind kleine, ewige Lichter, die drinnen etwas am Leben erhalten, das es draußen immer seltener gibt. Im Raucherwaggon kann man leicht vergessen, was draußen ist: Sieben Bundesländer haben an allen ihren Schulen Rauchverbot erteilt. Erste Universitäten wie Freiburg und Kassel sind rauchfrei. Der Hotel- und Gaststättenverband will bis 2008 in 90 Prozent der Speiserestaurants die Hälfte der Plätze zur Nichtraucherzone erklären – gleichzeitig kündigt die Stuttgarter Firma Nautilus an, demnächst nikotinhaltiges Bier auf den Markt zu bringen. Die 700000 deutschen Zigarettenautomaten sollen von 2007 an nur noch mit Geldkarten bedient werden können, so soll verhindert werden, dass sich unter 16-Jährige Zigaretten ziehen. Die Drogenbeauftrage des Bundes prüft, abschreckende Fotos von Raucherlungen auf Zigarettenschachteln drucken zu lassen, und das Statistische Bundesamt meldet, die Deutschen hätten gegenüber dem vorigen Jahr elf Prozent weniger Fabrikzigaretten gekauft, dafür aber 43 Prozent mehr des losen, weniger besteuerten Tabaks. Der Zoll klagt über den blühenden Zigarettenschmuggel und gibt der EU-Erweiterung, die die Grenzen für die billigen, osteuropäischen Zigaretten geöffnet hat, die Schuld – und den deutschen Tabaksteuererhöhungen.

Erstes Ziel dieser Reise: Berlin-Wedding. Hier haben Nichtraucher einen Sieg errungen, in einer Druckerei. Sie verdienen mehr als die Raucher. In der Druckerei Laserline werden ganz offiziell Listen darüber geführt, wer von den Mitarbeitern raucht und wer nicht. Diskriminierung? Schikane? Sieht so die Zukunft aus?

Seit vier Jahren zahlt der Chef jedem Nichtraucher 100 Euro mehr Gehalt im Monat, nicht rauchenden Azubis 36 Euro mehr. Bei 75 festangestellten Mitarbeitern, von denen nur sieben rauchen, bedeutet das rund 75000 Euro mehr Lohn im Jahr. Das Prinzip ist einfach: Die 100 Euro gibt es, wenn der Mitarbeiter Anfang des Monats eine Erklärung unterschreibt, dass er in diesem Monat nicht rauchen wird. Überlegt er es sich später anders, muss er im Personalbüro Bescheid sagen, verliert seinen Bonus und kann sich sofort auf dem Hof eine anstecken.

Geschäftsführer Tomislav Bucec hat zuerst der Qualm in den Büros gestört, dann hat er sich Sorgen um die empfindlichen Filter der Computer gemacht, um den Eindruck seiner Mitarbeiter, wenn sie mit voll gequalmtem Jackett zu Terminen erscheinen, um die Zufriedenheit der Nichtraucher und um die Gesundheit der Raucher – schließlich seien die auch häufiger krank.