Fast jeder Raucher erzählt gern von einem Großonkel, der bis zu seinem glücklichen Lebensende mit mehr als 90 Jahren ordentlich rauchte – aber ernsthaft glaubt heute niemand mehr an die Unschädlichkeit des Tabaks. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg berichtet, dass jährlich mehr als 100000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens sterben. Der durchschnittliche Raucher verkürzt sein Leben um etwa zehn Jahre. »Von den gut 40000 Lungenkrebstoten pro Jahr waren knapp 90 Prozent Raucher«, sagt Heinz Walter Thielmann vom DKFZ. Als erwiesen gelte, dass es im Zigarettenrauch über 90 krebserregende Substanzen gibt. Doch nicht nur die Lunge leidet, auch die Blutgefäße verstopfen schneller. Es drohen Herzinfarkt, Schlaganfall, Durchblutungsstörungen in den Beinen und sexuelle Impotenz bei Männern. Um etwa ein Viertel erhöht sich für Arbeitskollegen, Lebenspartner oder Kinder von Rauchern das Risiko für Gesundheitsschäden.

Die Tabakindustrie bemüht sich, die Beweislast gegen die Zigaretten abzumildern. »Wissenschaftler und Journalisten werden von Tabakherstellern bezahlt, um die harten Fakten über die Gesundheitsgefährdung in Zweifel zu ziehen«, sagt Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention vom DKFZ. Vor wenigen Monaten wies die amerikanische Fachzeitschrift Pediatrics darauf hin, dass der Tabakkonzern Philip Morris eine von ihm unterstützte Untersuchung über den plötzlichen Säuglingstod beeinflusst hat. Forscher hatten nachgewiesen, dass manche Babys plötzlich sterben, wenn die Eltern zu Hause rauchen. Bei den Schlussfolgerungen der Studie wurde das relativiert, trotz des statistisch eindeutigen Risikos. Kinder rauchender Mütter kommen kleiner und leichter auf die Welt, einige von ihnen holen das Defizit nie wieder auf. Sind sie zu Hause dem elterlichen Rauchen ausgeliefert, häufen sich Atemwegserkrankungen, Mittelohrentzündungen und andere Infektionen. Der Einfluss des Tabaks auf Verhaltensauffälligkeiten oder Lernschwierigkeiten ist hingegen nicht geklärt, weil rauchende Eltern oft ein niedrigeres Bildungsniveau haben und ihre Kinder ohnehin in der Beurteilung schlechter abschneiden. Eine gerade veröffentlichte Studie konnte keinen Zusammenhang zwischen dem Rauchverhalten der Eltern und dem Intelligenzquotienten ihrer Kinder herstellen.

Lange hat die Tabakindustrie verschwiegen, dass spezielle Zusatzstoffe den Zigaretten beigemischt werden, die das Rauchen angenehmer machen und schneller zu einer Abhängigkeit führen. Das fördert besonders bei Jugendlichen den Einstieg. »Knapp 90 Prozent der Raucher fangen vor ihrem 18. Lebensjahr an«, sagt Pötschke-Langer. Deshalb ist eine wichtige Strategie der Tabakprävention, das Einstiegsalter hinauszuzögern. »Wir dürfen keine zu hohen Erwartungen daran haben, dass wir Jugendliche mit Gesundheitsrisiken beeindrucken«, sagt Reiner Hanewinkel, Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel. Das Image der Zigaretten sei immer zu gut – auch wegen guter Werbung. Rauchen verspricht Freiheit und Leidenschaft, während Gesundheitsapostel mit Krebs und Herzinfarkt drohen. Da ist es für viele Jugendliche cooler, gegen die Maßregelungen von besserwisserischen Langweilern zu rebellieren.

Gesundheitswarnungen auf den Packungen sind geradezu eine Aufforderung für Jugendliche, sich eine Zigarette anzustecken. Alkohol, Sex, Zigaretten und Autofahren stehen für die Welt der Großen, und wer möchte das alles nicht möglichst früh ausprobieren? Wer als Teenager raucht, wird von Gleichaltrigen oft bewundert – und selbst süchtig. Das Abhängigkeitspotenzial ist auch genetisch bestimmt: Einige werden innerhalb kurzer Zeit zum Kettenraucher, andere zünden sich über Jahrzehnte nur gelegentlich abends nach dem Essen eine an. Untersuchungen zeigen, dass von Nichtrauchern adoptierte Kinder ein wesentlich höheres Risiko haben, von Zigaretten abhängig zu werden, wenn ihre leiblichen Eltern Raucher sind.

Nikotin hat eine beruhigende und zugleich anregende Wirkung auf das Gehirn – eine attraktive Kombination. Es fördert die Wirkung des Botenstoffs Dopamin, der das Genusszentrum stimuliert. Wer bei seinen ersten Raucherfahrungen ein angenehmes Gefühl erlebt, hat ein deutlich höheres Risiko, Kettenraucher zu werden, als wer sich hustend über den bitteren Geschmack beschwert. Depressive Menschen greifen intuitiv verstärkt zur Zigarette – sie kann ihre Glücksgefühle für die Dauer von etwa zwölf Minuten erwecken. Das verzweifelte Bedürfnis nach einer chemischen Lebenshilfe erklärt auch das irrationale Verhalten mancher Kranker, die ihr Leid den Zigaretten verdanken. Nach der Amputation seines Raucherbeins erfüllt sich mancher Patient einen großen Wunsch: Endlich wieder eine Zigarette anzünden.