Wie ein Fabelwesen ist er plötzlich da, tritt aus einer Tür in der Nähe der Senator Lounge und schreitet in leicht gebeugter Haltung den langen Weg in Richtung Gate A52. Dunkel der Blazer, der Kragen des hellblauen Hemdes weit geöffnet, dazu ein pinkfarbener Schal in Überlänge, dessen Enden auf Bauch und Rücken fallen. Der Reisende zieht einen ledernen Koffer auf Rädern hinter sich her, klein, aber schwer. Wenn man mit dem Gefährt zu schnell auf eines dieser Laufbänder umschwenkt, gerät das Ding leicht ins Schlingern. Abgesehen davon ist an diesem Montagnachmittag auf dem Flughafen von Frankfurt ein Teil der elektronischen Anzeigen ausgefallen. Wo ist A52?

Gunter Sachs, mittlerweile 72 Jahre alt geworden, hat das Wochenende in seinem Chalet in Gstaad verbracht und für die Etappe nach Frankfurt einen Privatjet genommen. Seit dessen Landung ist er wieder einer von vielen. Muss sich zurechtfinden, sich geduldig anstellen für die Bordkarte, muss warten, bis sich Glastüren öffnen, und sich zwischendurch auch ungläubig von zwei Damen aus Schweinfurt fragen lassen: »Sind Sie nicht der Sachs?« Ja, sagt er dann, streicht mit der Rechten über seine Nase und weicht wie ein Boxer nach einem leichten Treffer ein bisschen zurück.

Von Frankfurt aus reist Sachs heute weiter nach St. Petersburg, in wenigen Tagen eröffnet er in der Stadt an der Newa eine Ausstellung seiner Fotografien. Gezeigt wird sie im Marmorpalast des Russischen Museums, ein besonderer Ort. Wenn sie nach sechs Wochen wieder schließt, folgen Andy Warhols Werke. »Es ist also schon eine Ehre«, brummt Gunter Sachs leise, als er seine hünenhafte Gestalt an Bord des Lufthansa-Airbus in den Sitz klemmt, 5 A, Business Class.

Was eine Vernissage eben so mit sich bringt. In St. Petersburg wird »Der Meister« – so bündig nennen ihn eigentlich alle seine Freunde – zahllose Interviews geben. Russisches Fernsehen, Rundfunk, die Zeitungen – sein Name zieht in einer Stadt, die eilig auf dem Weg nach Westen ist. Also hat er vorsorglich Redemanuskripte verfasst, den Lebenslauf in kyrillischen Buchstaben, und schließlich alles zusammen mit dem Laptop in den Rollkoffer gepackt, der im Gepäckfach über ihm liegt.

Er arbeitet im Morgengrauen: »Ich brauche nur drei Stunden Schlaf«

Die Stewardess reicht ein Fläschchen Nahe-Rotwein herüber. Der Blick auf das Etikett lässt Sachs kurz erschaudern. Als guter Gast nimmt er einen Schluck und kommt von sich aus auf die letzten Wochen zu sprechen, die letzten Monate, das ganze letzte halbe Jahr. Drei Stunden Schlaf, »mehr brauche ich nicht«, im Morgengrauen an den Computer gesetzt, mit einer Pause über Mittag, dann weitergeschrieben bis in den frühen Abend – seine Memoiren, ihr Titel: Mein Leben. Sachs löst den Sicherheitsgurt und erhebt sich, öffnet die Gepäckklappe, wenig später hat er ein Ringbuch hervorgekramt. »Vorläufig, nicht endgültig redigierte Arbeitsfassung!«, steht auf dem Deckblatt, dem mehr als 400 Seiten folgen mit Fotos ohne Zahl. Behutsam breitet er das Buch auf dem Klapptisch aus, sein Werk, das Werk. Am 2. November erscheint es; eine lange Geschichte vollendet sich.

Der französische Marschall Pétain wurde einmal gefragt, warum er keine Memoiren schreibe. »Wieso«, antwortete der, »ich habe doch nichts zu verbergen?« Sachs findet die Antwort gelungen, ihm selbst waren Memoiren lange Zeit »zu indiskret«. Also wies er den Gedanken von sich. Warum er die Idee nun doch zuließ, erläutert er im Vorwort des Buches, im Schein der Leselampe an seinem Sitz fährt Sachs mit dem Zeigefinger die entsprechenden Zeilen entlang.