So gibt es viele Beispiele, die zeigen, wie zäh die Armee unserer Republik an falscher Glorie klebt. Wir erinnern uns: Bereits am 20. September 1982 hatte der damalige Verteidigungsminister Hans Apel (SPD) den bis heute gültigen Traditionserlass unterzeichnet. "Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich", heißt es da, "kann Tradition nicht begründen."

Doch es tat sich wenig. Es brauchte schon energische öffentliche Proteste, bis einige der belasteten Namen entfernt wurden. Zu Beginn der Regierungszeit von Bundeskanzler Gerhard Schröder gab es neue Initiativen. Im Frühjahr 1999 forderte der verantwortliche Minister Rudolf Scharping (SPD) Truppe und Stäbe auf, von sich aus Vorschläge für die Auswechslung von Kasernennamen zu unterbreiten. Das Ergebnis war trostlos: Kein einziger Vorschlag ging auf der Hardthöhe ein; offenkundig misstraute das militärische Milieu der verordneten Basisdemokratie. Schließlich wurde auf Befehl "von oben" am 8. Mai 2000 die Rendsburger Rüdel-Kaserne in Feldwebel-Schmid-Kaserne umbenannt.

Das war freilich etwas verwunderlich, zumal die offizielle Begründung für diese Umbenennung nicht stimmte: Rüdel hatte, anders als ihm zur Last gelegt und wie immer man seine sonstige Vita einschätzen mag, an keinem Todesurteil des Volksgerichtshofs mitgewirkt. Der neue Kasernenpatron, Feldwebel Anton Schmid, war im April 1942 hingerichtet worden, weil er in Litauen verfolgte Juden gerettet hatte; ihn zu ehren war seit langem überfällig. Niemand auf der Hardthöhe kam jedoch auf die Idee, nach dem Judenretter Anton Schmid eine der Kasernen neu zu benennen, welche die Namen notorischer Judenhasser trugen und immer noch tragen, wie die der beiden preußischen Generalfeldmarschälle August von Mackensen (Hildesheim) und Alfred Graf Waldersee (Hohenlockstedt in Holstein).

Jeder Krieg bringt seine Helden hervor, wahre und falsche. Mit der Rede von den "zeitlosen soldatischen Tugenden" indes wird die komplexe und grauenvolle Realität des Vernichtungskriegs und des Besatzungsterrors auf Lebensgeschichten von "Kampf und Sieg" reduziert. Die Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen und Völkermord bleibt ausgeblendet.

Traditionspflege ist Erinnerungskultur nach innen und Geschichtspolitik nach außen. Innerhalb der Bundeswehr belegt man sie leider, wie der Fall Mölders jetzt wieder gezeigt hat, immer noch mit einem Tabu. Die biografischen Skizzen, Gutachten und Studien des Militärgeschichtlichen Forschungsamts zu allen Traditionsnamen unserer Streitkräfte liegen nach wie vor in Potsdam unter Verschluss. Die notwendige öffentliche Diskussion wird per Abschottung behindert, und es bleibt, zu Scharnhorsts 250.Geburtstag, die Frage, wann sich die Bundeswehr endlich auch in der Praxis aus den Fesseln ihres fatalen Traditionsverständnisses befreit.