Im Januar 1933 erschien im damaligen S. Fischer Verlag Das Leben geht weiter, der von Oskar Loerke empfohlene und lektorierte Erstlingsroman des 23-jährigen Medizinstudenten, nebenberuflichen Musikers und Sportlehrers Hans Keilson. Mit stark autobiografischen Zügen ausgestattet (welcher Roman ist ganz frei von ihnen?), wird am Schicksal eines kleinen Kaufmanns in der Provinz der Niedergang einer ganzen Gesellschaftsschicht dargestellt. Gleichzeitig kommt die Unruhe zum Ausdruck, die die junge Generation damals erfasst hatte, ihre Existenzangst, die Suche nach einem geistigen Halt.

Ein Entwicklungsroman, dessen etwas papierene Dialoge und inneren Monologe die Handlung stellenweise hemmen? Gewiss: auch das – Tonio Kröger und Demian lassen grüßen. Doch spiegelt das Buch vor allem die Krisenstimmung der Weimarer Zeit wider, in der, gezeichnet von den Folgen des verlorenen Kriegs, der Inflation und der Arbeitslosigkeit, "die Not aus den Stuben bis auf die Straßen kroch und schon am kleinsten Kind sich verkündete". Die "feinen Risse" in der "glänzenden Außenfläche", hinter der "es nach Fäulnis stank", deuten auf die sich anbahnende Katastrophe hin. Das Buch wurde zum letzten Debüt eines Juden im alten S. Fischer Verlag. Im Jahr darauf kam es auf die Verbotsliste. Im Jahre 1936 wanderte der Autor mit seiner Lebensgefährtin nach Holland aus, wo er während der Besatzungszeit "mit gut gefälschtem Pass unter falschem Namen" im Untergrund lebte und einer Widerstandsgruppe beitrat, die er medizinisch betreute.

Unter diesen äußeren Bedingungen entstand die nach dem Krieg im Amsterdamer Querido-Verlag erschienene Novelle mit dem Titel Komödie in Moll. Sie beruht auf einer wahren Begebenheit: Ein Jude stirbt in seinem Versteck an Lungenentzündung. Da an keine normale Bestattung zu denken ist, deponieren seine Beschützer die Leiche unter einer Bank im Park. Auf knapp 85 Seiten wird das en- ge Zusammenleben eines nichtjüdischen Ehepaars mit einem versteckten jüdischen Flüchtling beschrieben. In unscheinbaren Gesten und knappen Dialogen kommen Mut und Todesangst, Klaustrophobie und Hoffnung, Solidarität und Verrat zum Ausdruck. Ein kleines Meisterwerk, in dem der herangereifte Autor seinen holländischen Beschützern ein Denkmal setzt – ohne darüber zu vergessen, dass von den rund 130 000 in Holland ansässigen Juden kaum 20000 die Schoah überlebten.

Den Anfang seines zweiten und wichtigsten Romans, Der Tod des Widersachers, schrieb Keilson in den ersten Monaten nach der Invasion Hollands. Kurz bevor er untertauchte, vergrub er das Manuskript im Garten. Erst 1959 wurde das Buch in Deutschland veröffentlicht. Vordergründig geht es um die Erfahrungen eines jungen Juden in den letzten Jahren der Vorhitlerzeit und den ersten nach der "Machtübernahme". Eine vielschichtig schillernde, von der Kritik nicht vorbehaltlos aufgenommene Allegorie mit surrealistischem Einschlag. Das zentrale, mit essayistischen und deskriptiven Einlagen gesättigte Thema – die krankhafte Identifikation des Opfers mit dem Täter – klingt bereits im 1937/1939 datierten Gedicht Bildnis eines Feindes an: "In deinem Angesicht bin ich die Falte / eingekerbt um deinen Mund (...) Denn deine Stirn ist stets zu klein, um je zu fassen: / …ein Tropfen Liebe würzt das Hassen."

Das Dämonische schimmert durch die zur Metapher gesteigerte Prosa, etwa im Bericht des Hitlerjungen über die Schändung eines jüdischen Friedhofs, um "die Toten umzubringen". Eine Dämonie, die bis zum heutigen Tag weiterwirkt: Im Zeitraum zwischen 1945 und 1980 wurden in Deutschland 598 Friedhofschändungen ermittelt. So ist es im Essay Ein Grab in den Lüften zu lesen.

Der erste Band dieser Gesamtausgabe schließt mit der Erzählung Dissonanzen-Quartett aus dem Jahre 1968. Es ist die Geschichte eines Vater-Sohn-Konflikts. Der fiktive Erzähler ist der Sohn aus einer "Mischehe", die nach dem Erlass der Nürnberger Ariergesetze zerbrach. Mutter und Schwester fallen der Schoah zum Opfer, der "arische" Vater dem russischen Angriff auf Königsberg. "Die Geschichte meiner Eltern und unserer Familie ist die Geschichte einer ohnmächtigen Welt", heißt es, "deren glanzreiche Siege man als den Beginn noch grausamerer Vernichtungen nur noch beargwöhnen kann. Was bleibt, ist die Trauer."

Der zweite Band der Ausgabe enthält die Lyrik Keilsons sowie die unter dem Sammelbegriff Essays zusammengefassten Schriften – "eine Kunstform", so der Autor, "die sich zwischen Wissenschaft und Kunst bewegt". Ein Labyrinth, in dem Vergangenes verarbeitet und zu gespenstischem Leben erweckt wird. Durch eine strengere Auswahl dieser Vorworte, Ansprachen zu verschiedenen Anlässen, Abhandlungen in Fachzeitschriften und dergleichen hätten die häufigen, oft wortwörtlichen Wiederholungen vermieden werden können, ohne dabei die Kohärenz des Ganzen zu beeinträchtigen.