Der Mann hat ein Buch geschrieben. Erst jetzt, sagt er, sei das möglich gewesen. Er ist 63 Jahre alt, von gemütlicher Statur, weiße Löckchen umrahmen ein mildes Gesicht, in dessen Mitte eine markant gebogene Nase thront. Viele Neugierige sind gekommen, ihm zuzuhören. Der Mann schlägt das Buch auf und trägt mit unverkennbar fränkischem Idiom ein Kapitel vor. Es handelt davon, wie er 1958 seinen Vater besuchte.

Dieser Vater sitzt in Spandau ein, vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Der halbwüchsige Sohn hat ihn noch nie umarmt. Briefe haben sie getauscht, Tausende von Seiten. Der Junge leidet mit dem Häftling. Er argwöhnt, dass die Wärter "die Gefangenen unnötig drangsalieren". Sich selbst empfindet er "als irgendwie mitverurteilt".

Das Publikum bei der Lesung reagiert erstaunt bis empört. Eine Frau macht ihrem Unmut Luft: "Meinen Sie, dass Ihr Vater zu Unrecht gesessen hat?" Eine zweite setzt nach: "Sie sind distanzlos, das kann ich mir nicht anhören." Eine dritte reklamiert dagegen das Recht der Nachgeborenen, ihre Wunden zu lecken. Der Mann auf dem Podium wirkt ratlos. Der Widerstreit, den er an diesem Abend entfesselt, offenbart die ganze Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft. Die einen sehnen sich nach Versöhnung mit der Geschichte. Die anderen fordern von den Nachfahren der NS-Täter vor allem eines: Anklage, Abrechnung, Absage.

Beide Parteien wird Richard von Schirach mit seinem Buch Der Schatten meines Vaters nicht zufrieden stellen. Schirach formuliert weder Anklage noch Verteidigung, sondern geht einen Schritt zurück zu den Wurzeln des deutschen Dilemmas. Er möchte begreifen, wie sein Vater Baldur auf die Nürnberger Anklagebank geriet. Will herausfinden, warum der Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien, der die Deportation von 185000 Juden zu verantworten hatte, "die schlichte, bezwingende Wahrheit eines reumütigen Herzens" auf immer verweigert hat. Die Triebfeder jedoch ist ein Akt der Selbstaufklärung und -vergewisserung: Wer war ich, wer bin ich, und wie hängt beides zusammen?

"Warum habt Ihr nichts getan?", will der Sohn wissen

Richard von Schirach wird 1942 geboren; ein typischer Nachzügler, ein viertes Kind. Seine Erinnerungen setzen ungefähr bei Kriegsende ein: Die Eltern sind verhaftet, die Geschwister stranden in der Obhut einer Kinderfrau. Schirachs Mutter Henriette, Tochter des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann, kommt zwar schnell wieder auf freien Fuß. Doch das Verhältnis zu ihrem Jüngsten steht unter Spannung: "Mein lieber Vater hätte mich verstanden, so beantwortete ich im Stillen jeden Konflikt." 1950 reicht Henriette von Schirach, inzwischen neu liiert, die Scheidung ein. Richard erfährt davon aus der Zeitung: "Ich entwickelte Mitempfinden für meinen legendären ›Papi‹, der nun in meiner Vorstellung, ähnlich wie König Richard Löwenherz, fern von seinen Lieben im Verlies schmachtete."

Die eingekerkerte Lichtgestalt bleibt das Leitmotiv der nächsten Jahre. "Vaterspeise" nennen die Kinder jene Briefe, die sie allwöchentlich an "Freund Pap" nach Spandau schicken: "Mit dem Entrückten, Einsamen gut zu stehen, überstieg alles." Was sie erleben, berichten sie freimütig ins "Prisong" – immer um Rücksicht und Trost bemüht. Als der zehnjährige Richard das Tagebuch der Anne Frank entdeckt, meldet er auch dies nach Spandau weiter: "Dass mein Vater in irgendeiner Weise etwas mit dem Los der kleinen Anne Frank zu tun haben könnte, lag jenseits meiner Vorstellungskraft." Das Echo bleibt aus.

Für Richard beginnt eine Odyssee durch mehrere Internate. Seine Mutter kann die Schulgelder bald nicht mehr bezahlen. In Ansbach muss sich der Gymnasiast ein Zimmer suchen und landet bei echtem "Sedimentgestein der NSDAP". "Oma und Opa Vogl" überdauern als braune Sumpfgewächse in der Provinz. Sie hofieren Richard und träumen davon, dass "ER" eines Tages vor ihrer Tür stehen möge, vorzeitig aus seiner Zelle entlassen.

Je älter Richard wird, desto ernüchternder verlaufen die Gefängnisvisiten bei seinem Vater. Dem Teenager sitzt ein Fremder gegenüber, der ungebrochen das "Gebaren eines kulturverwöhnten Großbürgersöhnchens" an den Tag legt und gegen Nabokov und Hemingway die Lektüre deutscher Klassiker verordnet: "Da musst Du aber mal ran jetzt!" Dennoch fiebern die Geschwister der Entlassung entgegen.