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über deutsche Integrationskurse für Einwanderer
Integration in Deutschland? In den vielen Jahren, die ich in Frankfurt als Redakteurin bei der türkischen Tageszeitung Hürriyet arbeitete, habe ich die Geschichten Tausender Frauen, Kinder und Männer aufgeschrieben. Deren Leidenswege waren mit unzähligen Stolpersteinen gepflastert. Viele Fälle sind in mir in Erinnerung geblieben.

Da gab es türkische Kinder, die bei ihrer Einschulung nicht ausreichend Deutsch sprachen und nur darum in Sonderschulen eingewiesen worden waren. Türkische Generalkonsulate versuchten, die Kinder dort wieder rauszuholen. Meistens vergeblich.

Muslimischen Kindergartenkindern, die auf Wunsch der Eltern kein Schweinefleisch essen sollten, wurden trotzdem Gerichte mit dem verpönten Fleisch serviert. Mädchen, die Freiheiten ausleben wollten, wie ihre deutschen Freundinnen sie genossen, wurden von ihren Vätern misshandelt, eingesperrt, in die Türkei verheiratet, gar getötet. Andere fanden Zuflucht in Mädchenhäusern oder tauchten unter – von ihren Familien verstoßen.

Türkische Jugendliche galten als unerwünschte Gäste in Bars und Diskotheken. Mit dem verweigerten Einlass wuchs auch ihre Gewaltbereitschaft und Kriminalität. Türkische Frauen, die mit Kopftuch nach Deutschland eingereist waren, träumten den Traum der Anpassung: sich so zu kleiden wie die Deutschen. Die Umsetzung dieser Vorstellung endete in blutigen Ehedramen. Eifersucht und Kontrollwahn führte viele Ehemänner ins Verderben und manche ins Gefängnis. Tausende Familien zerbrachen, viele Kinder wurden zu Waisen.

Türkische Familienväter, verstört und verängstigt durch den westlichen Einfluss auf ihre Kinder, kehrten unter der Last väterlicher Aufgaben fluchtartig in ihre Dörfer zurück. Viele schafften die Rückkehr nicht. Für manche fanden die Irritationen durch die Lebensumstellung erst mit dem Selbstmord ein Ende. Fabrikarbeiter, die vor allem in der Fastenzeit den religiösen Ritualen des Islams nachkommen wollten, wurden gekündigt. Mit dem Verlust der Arbeit endete der Traum von Deutschland.

Gläubige, die zum Schlachtfest zusammenkamen, wurden in deutschen Medien als "Barbaren" dargestellt. Sie hätten Tiere "niedergemetzelt". Türkische Männer, die mit deutschen Frauen verheiratet waren, flohen mit dem gemeinsamen Kind in die Türkei. Die Lage war viele Jahre so angespannt, dass Väter mit ihren Kindern unter den schwersten Bedingungen nur noch reisen konnten, weil ihnen die Ausreise so lange verweigert wurde, bis die nicht mitreisende deutsche Mutter grünes Licht gab.

Integration in Deutschland? Als Einwanderer oder als Kind von Einwanderern hier zu leben ist schwer, mitunter unerträglich schwer. "Man muss sich doch nur anpassen!", lautet der vielleicht sogar gut gemeinte Rat. Integrieren und fertig, aus? Nein, so einfach ist die Sache nicht. Integration ist ein Balanceakt zwischen Selbstaufgabe und Anpassungsunfähigkeit. Es ist ein rastloses Pendeln zwischen der Aufnahme neuer und der Aufgabe alter Werte. Schnell geht dabei das Gleichgewicht verloren – und schon stürzt man ab. Ist das Goldkettchen mit dem unübersehbaren Halbmond-und-Stern-Anhänger um den Hals noch tolerabel? Oder soll es doch lieber eine Mitgliedschaft im deutschen Schützenverein bis hin zum Vorstandsvorsitz der rechtsextremen DVU sein? Eine Türkin hatte sich Anfang der neunziger Jahre in Hannover sogar für diesen Weg entschieden.

Integration ist auch ein Dilemma: Ist man "zu deutsch", mögen einen die eigenen Landsleute nicht mehr, ist man "zu türkisch", gibt es Konflikte mit den Deutschen. Dazu kommt, dass sich "der Ausländer" ständig als guter Mensch erweisen muss (etwa um eine Mietwohnung zu bekommen). Er trägt die Beweislast, nicht zu den "Bösen" zu gehören. Am Ende dieser kraftraubenden und nervenzermürbenden Bemühungen und Einsätze ist man integriert – und seelisch erschöpft. Während die "Einheimischen" ihre Energie in Karriere und Hobby investieren, hinken Ausländer einen Schritt hinterher. Das Ergebnis: Ungleiche Voraussetzungen führen zu ungleichen Ergebnissen. Und die können recht frustrierend sein.