Das Gesundungsprogramm für den angeschlagenen Volkswagen-Konzern wirkt. Die soeben vorgelegten Zahlen für das dritte Quartal fielen deutlich besser aus als im Vorjahr. Doch noch ist es ein langer Weg, bis der Wolfsburger Patient wieder große Sprünge machen kann. Umso wichtiger ist es, dass der Vorstand mit Bernd Pischetsrieder an der Spitze auch die zweite große Herausforderung entschieden angeht: die Aufklärung der Betrügereien und Abzockereien, in die ehemalige Manager und Betriebsräte verwickelt sein sollen.

Am Freitag dieser Woche wird der im Auftrag des VW-Vorstands von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG gefertigte Bericht dem Aufsichtsrat präsentiert. Dies kann nur ein Meilenstein auf dem Weg der Aufklärung sein, aber noch lange nicht deren Ende. Die KPMG-Leute haben sich zwar durch etliche Aktenmeter und noch mehr Gigabytes an Computerdaten gewühlt - weitergehende Ermittlungen wie etwa die Vernehmung von Zeugen und Beschuldigten bleiben allerdings der zuständigen Staatsanwaltschaft in Braunschweig vorbehalten. Diese hat offiziell zehn Personen im Visier, bei denen ein so genannter Anfangsverdacht vorliegt. Hier geht es letztlich um die strafrechtliche Relevanz der Vorgänge.

Ausgangspunkte des VW-Skandals waren Helmuth Schuster, zuletzt Personalvorstand bei der VW-Tochter Skoda, und Klaus-Joachim Gebauer, der im Wolfsburger Personalressort für Betriebsratsangelegenheiten abgestellt war. Als in der Konzernzentrale ruchbar wurde, dass die beiden anscheinend mit Hilfe eines internationalen Geflechts von Tarnfirmen in Indien, Angola und Tschechien Geschäfte zulasten des Konzerns eingefädelt hatten, wurde ihnen fristlos gekündigt.

Doch offenbar wussten die beiden - als Organisatoren und Teilnehmer - von schönen Reisen und anderen Gelegenheiten, bei denen es sich Manager und Betriebsräte, allen voran deren Exvorsitzender Klaus Volkert, angeblich auf Kosten des Unternehmens gut gehen ließen. Seither fütterte vor allem Gebauer die Medien mit unappetitlichen Details über angeblichen Spesenbetrug.

Die meisten der Spesenritterei Beschuldigten schwiegen bisher zu den pikanten Details oder aber bestritten ihre Verwicklung. Der KPMG-Bericht kann hier schon erste Aufschlüsse geben und vielleicht auch klären, ob der vorzeitig in den Ruhestand gegangene Personalvorstand Peter Hartz mehr als nur die "politische Verantwortung" für die Vorgänge übernehmen muss - oder gar entlastet wird, wie er persönlich hofft.

Eines ist jetzt schon klar: Pischetsrieder und seine Kollegen müssen die Strukturen so verändern, dass ähnlichem Treiben künftig vorgebeugt wird. Und warum soll das Unternehmen nicht auch Schadensersatz von jenen einfordern, die sich möglicherweise illegal auf VW-Kosten vergnügt haben? Die VW-Mitarbeiter, die derzeit zu Lohnverzicht oder gar zum vorzeitigen Ausscheiden gedrängt werden, würden alles andere nicht verstehen.

Auch die Arbeitnehmervertreter unter ihrem neuen Vorsitzenden Bernd Osterloh, die mit auf rückhaltlose Aufklärung gedrängt haben, müssen sich fragen, ob nicht eigene Kontrollmechanismen nötig sind. Denn nichts hat dem Ruf von Abertausenden Betriebsräten und Gewerkschaftern hierzulande mehr geschadet als die bei VW bekannt gewordenen Eskapaden.

Nach dem KPMG-Bericht steht grob fest, welcher Schaden dem VW-Konzern durch Betrügereien oder als Dienstreisen getarnte Vergnügungstrips entstanden ist. Eine knappe Million Euro veruntreuter Spesen oder ein paar Millionen, die betrügerisch beiseite geschafft wurden, mögen im Vergleich zu den drei Milliarden Euro, die VW allein in diesem Jahr spart, wenig erscheinen. Eine Automarke lebt aber von ihrem Image, und deshalb ist es wichtig, dass auch die Justiz möglichst bald den zweiten Teil der Aufklärung abschließt. Je länger sich die Affäre hinzieht, desto schädlicher wäre das für den Ruf.