Es war ein langes Warten auf den Tod des letzten Diktators in Westeuropa. Am 14.Oktober 1975 hatten die Ärzte bei dem 83 Jahre alten Francisco Franco, der seit April 1939 über Spanien herrschte, eine Grippe festgestellt. Am 21.Oktober erlitt er einen schweren Herzinfarkt. Das erfuhren allerdings nur einige Wenige: Politiker oder Journalisten mit guten Beziehungen zu den Ärzten oder der Familie. Einige Tage später kam dann aus Regierungskreisen die Nachricht, der Zustand Francos sei kritisch. Aber erst in der Morgenfrühe des 20. November starb der Caudillo, der "Führer von Gottes Gnaden", nach einer langen, schmerzhaften Agonie.

In den vier Wochen zuvor war er dreimal operiert worden. All jene, die das Regime stützten, setzten viel daran, ihn möglichst lange am Leben zu erhalten, um derweil im Stillen die Nachfolge regeln zu können. Zunächst war der erkrankte Diktator noch in seiner Residenz im großen Palast des kleinen Madrider Vororts El Pardo geblieben. Dann, nach etwa vierzehn Tagen, hatte man ihn in die Klinik La Paz überführt.

An die ungewöhnlichen Nächte von El Pardo kann sich gewiss mancher noch gut erinnern. Gleich gegenüber dem Palast gab es Tavernen, Restaurants und Ausflugslokale. Während Franco daniederlag, kamen etliche Besucher herbei, Politiker, Journalisten, aber auch andere Neugierige, Gegner wie Anhänger des Generals. Man aß dort zu Abend, trank und schwatzte; die Stimmung war ausgelassen. Mitglieder der Opposition verbargen kaum ihre Freude über den Zustand Francos. Eines Abends wurde es der Polizei zu viel, und sie verhaftete einige junge Leute, als diese Flamenco-Lieder anstimmten: " Ya se muere el viejo, ya se está muriendo " – "Endlich stirbt der Alte…" Tags darauf mussten die Lokale früher schließen und die Reporter die kalten Nächte im Freien ohne Wein und Cognac aushalten.

In der großen Klinik La Paz an der Castellana-Allee im Norden Madrids wurde dann für den Patienten und seine dreißig Ärzte der gesamte erste Stock reserviert. Besucher blieben auf einen Saal im Erdgeschoss verwiesen. Der eine oder andere Pressefotograf zog sich einen weißen Arztkittel über und versuchte, allerdings vergeblich, nach oben zu gelangen. Auch die meisten Politiker wurden nicht mehr vorgelassen. So saßen sie unten im großen Saal und erzählten den Journalisten von ihren Plänen für die Zeit nach Franco, und manch einer gab zu verstehen, dass er im Geheimen schon immer für die Demokratie gearbeitet hatte. Dazu gesellten sich, zum Spitzeln bestellt, Mitglieder der politischen Polizei, die im Franco-Regime den seltsamen Namen "Sozialbrigade" trug. Auch traf ein Schwarm ausländischer Agentur- und Zeitungsfotografen ein. Sie fanden allerdings unter den Wartenden kaum Motive, und als sie mich fragten, wer denn hier wichtig sei, machte ich mir einen Spaß und zeigte ihnen die Polizisten, die ich kannte, da sie mich schon einige Male verhört hatten. Die Herren fürchteten im Blitzlichtgewitter jedoch bald um ihr Inkognito und wurden etwas nervös; am nächsten Tag ließen sie sich auswechseln.

Francos Schwester Doña Pilar redete unterdessen gern mit Journalisten, die sie kannte: "Vielleicht tut Gott, der ja so viele Wunder für meinen Bruder getan hat, jetzt noch ein weiteres Wunder. Nur ein Wunder kann ihm das Leben retten." Dass dieses Wunder geschehe, dafür betete auf den Knien und mit ausgebreiteten Armen vor dem Eingang der Klinik tagelang ein junger Mann. Francisca Franco, eine Endsiebzigerin aus einem südspanischen Dorf, übermittelte ihr tägliches Gebet der Lokalzeitung: "Lieber Gott", flehte sie, "hol mich, Francisca Franco, zu dir und erhalte Spanien das kostbare Leben unseres Francisco Franco." Der liebe Gott erfüllte den ersten Teil der Bitte, und die unbekannte Francisca starb. Auch ein Pfarrer aus dem Baskenland bot sein Leben für das des Staatschefs an, doch gab er vorsichtigerweise nicht seinen Namen preis und blieb am Leben.

Nachts schleicht der Pate aller Falangisten in den Palast

Anderen baskischen Priestern bescherten Francos letzte Tage jedoch nur Ungemach. Sie hatten ihren Gläubigen gesagt, die Katholiken seien nicht verpflichtet, für den Caudillo zu beten, womit sie sich zwar der Glaubenslehre nach durchaus korrekt verhielten, nach Meinung der politischen Polizei aber ein Delikt begangen hatten. Sie wurden mehrere Tage lang verhört. Auch zahlreiche Bischöfe weigerten sich, ihre Gläubigen aufzufordern, für den kranken Diktator zu beten.