Die Regierung – es war noch die letzte der Diktatur – und der 37-jährige Prinz Juan Carlos, Nachfolger Francos als Staatschef, mussten sich als Erstes um die Bestattung des Caudillos und die Amtseinführung von Juan Carlos kümmern. Da gab es ein delikates Problem: Staats- und Regierungschefs der demokratischen Länder wollten dem jungen König gern ihre Aufwartung machen – doch auf keinen Fall an der Beisetzung des Diktators teilnehmen. Man beschloss kurzerhand, zwischen den beiden Staatsakten ein paar Tage vergehen zu lassen. So war es denn nur eine kleine, etwas wunderliche internationale Trauergemeinde, die Franco im pompös ausgestalteten Tal der Gefallenen außerhalb von Madrid die letzte Ehre erwies: König Hussein von Jordanien, Rainier von Monaco als Großmeister des Malteserordens, Imelda Marcos, die Frau des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos, und Augusto Pinochet, der zwei Jahre zuvor in Chile durch einen blutigen Putsch an die Macht gekommen war.

Pinochet hatte gleich zu Beginn seiner Anwesenheit in Madrid für Ärger gesorgt. Auf dem Weg zum Parlament versetzte er, umjubelt von chilenischen Anhängern, einem Fotografen einen so kräftigen Stoß, dass dieser zu Boden stürzte. Am Tag danach wurde ich beim Einlass zur Pressekonferenz Pinochets von Polizisten der berüchtigten chilenischen Geheimpolizei Dina, die ihren Herrn begleiteten, verhört und mit der Pistole bedroht – was mich daran denken ließ, wie Pinochet selber, bei einem Interview gleich nach dem Putsch in Santiago, vor mir, um mich einzuschüchtern, seinen Degen gezogen hatte.

Natürlich wollte Chiles Diktator an der Amtseinführung von Juan Carlos I. teilnehmen. Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing und Bundespräsident Walter Scheel gaben indes zu verstehen, sie kämen nicht nach Madrid, falls Pinochet noch dort wäre. Dem zukünftigen König aber lag viel an der Anwesenheit der höchsten Vertreter des demokratischen Europas. Was tun? In einem diplomatischen Meisterstück der spanischen Botschaft in Santiago de Chile und der chilenischen Regierung gelang es im letzten Moment, Pinochet davon zu überzeugen, dass er in seiner Heimat dringend gebraucht werde – und der Diktator flog nach Chile zurück.

Die europäischen Politiker setzten große Hoffnungen in Juan Carlos. Er schien jedenfalls ihren ursprünglichen Pessimismus, was Spaniens demokratische Zukunft anbetraf, entschlossen widerlegen zu wollen. So hatte Scheels Vorgänger Gustav Heinemann in seiner direkten Art Juan Carlos einmal gefragt: "Herr Prinz, wie wollen Sie denn in Ihrem Land nach einer so langen Diktatur herrschen?" – und die spontane Antwort erhalten: "So wie Sie hier in Deutschland, Herr Bundespräsident." – "Dann ist es ja gut", lautete Heinemanns knapper Kommentar.

In den ersten Wochen von Juan Carlos’ Regentschaft war die Ungewissheit groß. Die demokratische Opposition verlangte einen klaren Bruch mit dem alten Regime und seinen Institutionen; jene, die sich früher als den reformistischen Flügel innerhalb des Regimes bezeichnet hatten, setzten auf Reformen. Die lange Debatte über Bruch (ruptura) und Reform (reforma) führte schließlich zu dem Ergebnis: klarer Bruch, aber über den Weg von Reformen. Es gelang dem gerade mal 44 Jahre alten Ministerpräsidenten Adolfo Suárez, früher S taatssekretär in einer Regierung Francos, mit Hilfe der sozialistischen, kommunistischen und liberalen Opposition die Institutionen der Diktatur nach und nach in demokratische Institutionen umzuwandeln.

Schwer fiel es Suárez allerdings, die Militärs zu überzeugen oder einzuschüchtern. Sie waren ja in Francos Militärakademien dazu erzogen worden, die Demokratie genauso kompromisslos zu bekämpfen wie den Kommunismus. Am 23. Februar 1981 kam es zu einem Putschversuch, in den nicht wenige Generäle und Obristen verwickelt waren – die Fernsehbilder von Oberst Antonio Tejero, der mit seiner Pistole das Parlament bedroht, gingen um die Welt. Der halb bedrohliche, halb lächerliche Coup scheiterte indes rasch an dem entschiedenen Widerstand des Königs.