Wenn Geheimdienstchefs wie Klempner reden, besteht Anlass zur Sorge. "Lecks" in seinem Hause, sagt der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, bereiteten ihm zunehmend Probleme. Neben ihm sitzt der Geheimdienstkoordinator des Kanzleramtes, Ernst Uhrlau. "Sicherheitsrelevante Abflüsse" drohten, präzisiert er. Die Journalisten im Konferenzraum lauschen gespannt. "Nachrichtendienste müssen ihre Quellen, ihre Mitarbeiter und ihre Technik schützen", sagt Hanning, "es geht um die Funktionsfähigkeit der Sicherheitsbehörden." Andererseits, sicher, auch um die Pressefreiheit.

Erstaunlich grundsätzlich klingt das. Oder auch: verdächtig präemptiv, wie der BND-Chef zu einer Geheimdienstaffäre Stellung bezieht, die zehn Jahre zurückliegt. Von April 1994 bis Januar 1995 war ein Redakteur des Focus von Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes beschattet worden. Die Vorwürfe, die der Leiter des Weilheimer Forschungsinstituts für Friedenspolitik, Erich Schmidt-Eenboom, kürzlich erhob, träfen offenbar zu, räumte Hanning vergangene Woche ein. Es sei natürlich bedauerlich, wenn der Eindruck erweckt worden sei, Journalisten seien vom BND gezielt bespitzelt worden. Aber um "ungetreue Mitarbeiter" zu entlarven, die hochsensible Informationen nach außen dringen lassen, dürfe und müsse der Dienst bisweilen Observationsteams einsetzen. Dabei lasse es sich kaum vermeiden, so Hanning, dass "auch Journalisten in die Optik" gerieten. Etwas anderes ist es freilich, wenn Journalisten nicht kollateral, sondern zielgerichtet überwacht werden, um festzustellen, ob und mit welchen Geheimdienstleuten sie sich treffen. Hanning schließt nicht aus, dass dies in weiteren Fällen passiert sein könnte. Er habe gerade eine Arbeitsgruppe in der BND-Zentrale beauftragt, die Sache zu klären – Zwischenbericht folgt.

Bis dahin dürfen Journalisten getrost ein wenig panisch bleiben. Denn möglicherweise weiß der BND-Chef einfach nicht, was seine Observationskommandos im Inland so treiben.

Im zurückliegenden Fall jedenfalls, 1994/95, hat, wie er selbst sagt, nicht einmal der Leiter der Abteilung "Sicherheit und Gegenspionage" von der Bespitzelung des Focus- Redakteurs gewusst. Zuständig für das entsprechende BND-Referat war in diesen Jahren Volker Foertsch, ein Spitzenagent, der bis zur Wende 1989 die operative Aufklärung des Sowjetblocks übersah. "Wenn es (die Observierung, d. Red.) geschehen sein sollte, dann ist es unautorisiert durch den Präsidenten oder mich geschehen", versichert Foertsch der ZEIT. "Ich war immer dagegen, Journalisten zu observieren. Das ist sinnlos und macht nur Ärger. Zudem gab es die Weisung, Journalisten nicht nachrichtendienstlich zu nutzen." Nach 1995 bestand eine von Foertschs Hauptaufgaben darin, aufzuklären, wer welche Informationen über den aufgeflogenen Plutoniumschmuggel des BND an die Presse weitergegeben hatte. "Meine Politik, insbesondere nach der Plutoniumaffäre, war es immer, mit den Journalisten direkt zu reden, um zu erfahren, was sie wussten."

Foertsch war im Februar 1994 vom damaligen BND-Präsidenten Konrad Porzner, einem früheren SPD-Bundestagsabgeordneten, zum Sicherheitschef gemacht worden. Doch Porzner hatte offenbar wenig Respekt vor seinen eigenen Weisungen. Nachdem im Juni 1993 der Publizist Erich Schmidt-Eenboom ein inkriminierendes Buch über den BND veröffentlicht hatte (Schnüffler ohne Nase), ließ der Geheimdienst dessen Institut rund um die Uhr mit Kameras überwachen. "Dutzende Journalisten", glaubt Schmidt-Eenboom, seien mit auf den Bändern gelandet.

BND-Chef Hanning verteidigt die damalige Aktion nicht. Aber er gibt zu bedenken, dass durch Schmidt-Eenbooms Buch "eine Reihe von BND-Mitarbeitern enttarnt" worden seien. "Der BND muss auch geschützt werden", sagt Hanning. Er sagt es, wohlgemerkt, im Präsens.