Wann hat es das zuletzt gegeben? Über Nacht hat die Yehudi-Menuhin-Stiftung ihren Vorsitzenden an die Luft gesetzt und in Unehren aus dem Dienst entlassen. Nun ist der seines Amtes Enthobene kein anderer als Gerard Menuhin, Sohn des jüdischen Geigers Yehudi Menuhin, eines der faszinierendsten Virtuosen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Die Stiftung wirft ihrem ehemaligen Vorsitzenden vor, rechtsextreme Postillen regelmäßig mit Beiträgen und Interviews beehrt zu haben. Menuhins Gesinnung sei mit dem humanen Geist der Stiftung unvereinbar.

Das Staunen der Stiftung kommt spät, denn schon seit geraumer Zeit benutzt Gerard Menuhin die National-Zeitung als Bühne mentaler Selbstentblößung. Das Originelle seiner Kolumnen besteht leider darin, dass sie sich von den handelsüblichen rechtsradikalen Absonderungen durch nichts unterscheiden. Der jüdische Autor liefert das, was Antisemiten gern lesen: dass Israel zusammen mit den USA die Angst vor einem zweiten Holocaust schürt, um gefährliche Großmachtfantasien zu tarnen, während in Wahrheit die armen Iraner bedroht seien. Dass ein weltweites jüdisches Netzwerk, genannt Erinnerungskultur, missbräuchlich im Namen der Opfer auftrete und uns ein schlechtes Gewissen bereite. Welches andere Land würde es erlauben, wertvolle Grundstücke im Herzen seiner wichtigsten Städte einfach wegzugeben, um sie mit hässlichen Mahnmalen überbauen zu lassen? Würden die Briten, fragt Menuhin hämisch, jemanden ernst nehmen, der ein Mahnmal für die ermordeten Zulu forderte?

So geht es weiter und will nicht enden. In einem Gespräch mit einem neonazistischen Kampfblatt breitet Menuhin die Propagandaformel aus, wonach das deutsche Volk durch Umerziehung und endlose Erpressung verdorben sei - ein Volk, das sich heute noch mit dem damaligen Geschehen einschüchtern lasse, sei nicht gesund. Und selbst diese Phrase darf im Sortiment nicht fehlen: Ohne ein neues Nationalgefühl werde die führende Volkswirtschaft Europas zugrunde gehen.

Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass einiges von Menuhins rechtem Treibgut längst in der bürgerlichen Mitte angelandet ist - in einschlägigen Sonntagsreden klingt manches kaum anders. Und dass die deutsche Wunde geschlossen werden müsse, damit das Land ökonomisch wieder auf die Beine komme, ist bekanntlich eine Lieblingsfloskel aus dem Schatzkästlein nationaler Wirtschaftsführer. Gerard Menuhin selbst ist ein beklemmender Fall. Wie schon sein Großvater Moshe, ein radikaler jüdischer Antizionist und bis 1970 Ressortleiter der National-Zeitung, sucht er rechtsradikalen Beistand. Gerard Menuhin ist aber nicht nur der nützliche Idiot und Selbstverleugner im sinnlosen Kampf der Rechten gegen deutsche Schuld. Er ist der zutiefst Traumatisierte, der glaubt, den Alb der Geschichte abschütteln zu können, indem er die öffentliche Erinnerung an den Judenmord zum Schweigen bringt.