Eine verbotene Tür gibt es in fast jeder Schlecker-Filiale. Meist ist sie so grau wie die Wand daneben. Fremde dürfen die Tür nicht öffnen und hindurchgehen – wer es trotzdem wagt, betritt die geheime Welt hinter der Billigpreisfassade.

Es ist Nachmittag. Das kleine Fenster lässt wenig Licht in den Lagerraum. Mannshoch stapeln sich gefaltete Pappkartons neben Getränkekisten mit leeren Fanta-Flaschen. An der Wand hängt ein Farbfoto von Firmenchef Anton Schlecker und seiner Frau Christa, die Angestellten sollen wohl nicht vergessen, wer ihr Gehalt zahlt. Damit sie sich auch daran erinnern, wofür sie bezahlt werden, liegt das blaue Pflichtenheft Arbeitsanweisungen auf dem Tisch, eine Art Klassenbuch für Erwachsene. Der Bezirksleiter trägt hier nach jedem Kontrollbesuch penibel seine Rügen ein: Fußboden schlecht gewischt, zu viel Ware im Lager, falsches Plakat im Fenster. Nächstes Mal besser machen! Hinterher gibt’s eine Schulnote: "sehr gut", "gut", "nicht gut" oder "schlecht". Bei zu vielen schlechten Noten droht eine Abmahnung, bei zu vielen Abmahnungen die Kündigung. Das nennt man straffe Führung .

Verkäuferin Regina Klöttke* (20 Stunden pro Woche, knapp über 1000 Euro brutto im Monat) sitzt in der Ecke des Lagers auf einem blauen Plastikstuhl. Heute früh wurde sie überfallen, und immer noch klingt sie aufgeregt. "Ich habe morgens den Laden aufgesperrt und wollte kurz ins Lager. Da war auf einmal ein Mann, und als der mich gesehen hat, ist er auf mich los und hat mich ins Regal gestoßen", sagt die 44-Jährige. "Alles ist umgefallen, und dann ist er weggerannt." Da lag sie nun allein zwischen Katzenstreu und Persil-Kartons, der rechte Arm schmerzte vom Aufprall. Als sie sich aufgerappelt hatte, rief sie die Polizei und ihren Vorgesetzten an, den Bezirksleiter. Sie wäre so gern nach Hause gegangen, "aber der hat gesagt, dass ich mir dann selber eine Vertretung suchen müsste". Von jetzt auf gleich? Das nennt man wohl Eigenverantwortung.

Die Filiale liegt im Wohngebiet einer deutschen Großstadt. Sie ist das einzige Geschäft weit und breit, und Regina Klöttke ist meistens die einzige Mitarbeiterin im Laden. Angeblich wird jeden Tag eine Schlecker-Filiale überfallen, weil Angestellte oft allein dort stehen, die meisten sind Frauen. Zwar gibt es inzwischen überall ein Telefon, manchmal sogar Videokameras und eine Notrufleitung zum privaten Sicherheitsdienst. Aber der kommt ja auch nur, nachdem etwas passiert ist.

Klöttke suchte erst gar nicht nach einer Vertretung. Sie blieb. Die Angst blieb bei ihr.

Vielleicht, überlegt sie nun kurz, war es sogar gut so. Als sie vor gut einem Jahr schon einmal überfallen wurde, ließ sie sich krankschreiben. "Damals habe ich in den Lauf einer Pistole geblickt und musste eine Zeit lang in psychologische Behandlung." Nach einigen Tagen habe Schlecker ihr einen Zettel geschickt, eine Auflistung ihrer Fehlzeiten in der Vergangenheit. Erst war Klöttke verschüchtert, dann wütend: "Die meinten wohl, ich wäre der Arbeit nicht gewachsen und soll freiwillig gehen!"

Aber wohin? Klöttke hat Schuhverkäuferin gelernt und arbeitet jetzt halbtags bei Schlecker. Ihr Mann weiß heute schon, dass er Ende Januar seinen befristeten Job verlieren wird. Soll sie da kündigen und sich etwas anderes suchen? In der Stadt ist jeder Zehnte arbeitslos. "Es ist alles eine Frage der Alternativen", sagt Klöttke. "Habe ich eine?"

Die deutschen Billighändler sind bekannt für ihr Patriarchat, das freilich ein hartes ist. Die Vorreiter sind die Brüder Karl und Theo Albrecht. Als Gründer von Aldi haben sie es an die Spitze der Rangliste der reichsten Deutschen gebracht. Anton Schlecker und Dieter Schwarz von Lidl führen mit ihren Imperien die nächste Generation an. Während die Albrechts, beide mittlerweile über 80 Jahre alt, das Tagesgeschäft ihren sechs Geschäftsführern überlassen, halten Schlecker und Schwarz den Geist des Discounters persönlich am Leben: Billige Waren für den Kunden, harte Zeiten für das Personal.

Den Eigentümern der großen Billigheimer sitzen weder auf Rendite fixierte Finanzinvestoren noch gierige Aktionäre im Nacken. Während sie ihre Mitarbeiter streng kontrollieren, entziehen sie durch geschickte Firmenkonstruktionen ihre Unternehmen der öffentlichen Kontrolle. Nichts bringt sie schneller in Rage als der Versuch, ihnen in ihre Geschäftspraxis hineinzureden. Schreckensberichte aus dem Einkaufsparadies füllen Hunderte von Gerichtsakten, Zeitungsartikeln und Internet-Foren. Manche führen ihr Personal nach dem Motto: "Kontrolle ist gut, Druck ist besser."

•In einigen Filialen von Lidl kontrolliert bereits der Kassencomputer die Kassiererinnen. Pro Minute müssen sie mindestens 40 Artikel über den Scanner ziehen; Neulinge haben vier Monate Zeit, um die hohe Schlagzahl zu erreichen. Erzeugt wird eine Atmosphäre der Angst: Eine Verkäuferin aus Bremen berichtet, aus Furcht vor Kündigung mit hohem Fieber so lange im Laden gestanden zu haben, bis sie zusammenbrach. Lidl will sich zu einzelnen Vorwürfen nicht äußern.

•Bei Schlecker tönen und flackern Werbeclips per Endlosschleife über die Fernseher in den Filialen: Mundwasser, Filtertüten, Volksmusik, kaufen, kaufen, kaufen, den ganzen Tag lang, alle halbe Stunde von vorn. Leiser stellen oder abschalten ist verboten. Die Kunden bekommen das nur fünf Minuten lang mit, die Angestellten werden zwei Wochen lang dauerberieselt – dann gibt es ein neues Programm. Einige schaffen es, das Gedudel auszublenden, andere träumen davon.

•Der US-Handelsgigant Wal-Mart wollte seinen hiesigen Angestellten sogar ins Liebesleben hineinregieren und verbot ihnen Anfang des Jahres "private Beziehungen/Liebesbeziehungen" untereinander. Am Montag erklärte das Landesarbeitsgericht Düsseldorf diesen Teil der "Unternehmensethik"-Richtlinie für rechtswidrig. Wal-Mart betonte, man habe nur Abhängigkeitsverhältnisse verhindern wollen.

•Wehe, die Arbeitnehmer wollen sich organisieren. Im vergangenen Jahr versuchten Mitarbeiter einiger Münchner Filialen von Aldi Süd erstmals in der Firmengeschichte, einen Betriebsrat zu gründen. Der Plan scheiterte in letzter Minute. Zwar erschienen 50 von 54 Mitarbeitern wie geplant zur Betriebsversammlung, "aber vorher mussten alle zum Einzelgespräch beim Chef antanzen", berichtet eine Betroffene. Plötzlich stimmten nur noch drei für die Ernennung eines Wahlvorstandes. Aldi Süd möchte sich zu einzelnen Vorwürfen nicht äußern. Die rund 1500 Filialen von Aldi Süd bleiben eine betriebsratsfreie Zone.

•Widerstand gegen organisierte Arbeitnehmer ist kein Einzelfall im Handel: Der Geschäftsleiter eines Obi-Baumarktes im bayerischen Stephanskirchen soll seine Mitarbeiter zusammengetrommelt und vor die Wahl gestellt haben: Raus aus der Gewerkschaft – oder raus aus dem Job! Ein an ver.di adressiertes Blanko-Austrittsformular ("Widerruf meiner Mitgliedschaft", datiert auf den 6. Mai 2005) liegt der ZEIT vor. Obi weist den Vorwurf zurück.

•Unbezahlte Mehrarbeit ist quer durch die Branche verbreitet. Die Gewerkschaft ver.di schätzt, dass im Handel etwa jede dritte Überstunde weder finanziell noch durch Freizeit ausgeglichen werde. "Bezahlt wird oft nur bis zum Ladenschluss", bestätigt die Verkäuferin eines Discounters aus Frankfurt. "Die Kasse rechne ich dann in meiner Freizeit ab, und manchmal muss ja auch noch geputzt werden." Auf diese Weise arbeitet sie rund eineinhalb Wochen im Jahr zusätzlich. Im Gegenzug spendiert der Chef ihr kostenlose Plastiktüten. "Die dürfen wir mitnehmen, normalerweise kostet eine fünf Cent", sagt sie. Bei Tüten aus Papier hört die Großzügigkeit allerdings auf – zu wertvoll.

Zärtlich war man nie zueinander, wo Arbeit mit den Händen erledigt wird: auf dem Bau, bei Wachdiensten, Kurieren – und auch nicht hinter den Fassaden des Einzelhandels, mit dem wir fast alle täglich zu tun haben. Jetzt aber, in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit, können die Arbeitgeber eine besondere Macht ausspielen. Regina Klöttke von Schlecker kann das bezeugen: Trotz der miserablen Arbeitsbedingungen stapeln sich die Bewerbungen, wenn für eine der Filialen in ihrer Stadt eine Stelle ausgeschrieben wird.

Gerade bei einfachen Jobs der Dienstleistungsgesellschaft ist das Drohpotenzial enorm: Neun von zehn Arbeitslosen haben keine oder nur eine geringe berufliche Qualifikation. "Der Ton ist schärfer geworden", sagt der Münchner Anwalt Rüdiger Helm, der hauptsächlich Arbeitnehmer vertritt. "Früher wurde vor allem um Geld gestritten, heute geht es fast nur noch um die nackte Existenz."

Hinzu kommt, dass der Einzelhandel auf besondere Art unter der anhaltenden deutschen Konjunkturflaute leidet: Drei Jahre in Folge sind die Umsätze geschrumpft, 2005 läuft bislang ebenfalls schlecht. Heute arbeiten rund 122000 Menschen weniger im deutschen Einzelhandel als noch im Jahr 2001. Für Lebensmittel sei Deutschland das "billigste Land in Europa", berichtet der Frankfurter Ableger des amerikanischen Handelsforschungsinstituts AC Nielsen. Zunächst hatten die Discounter jahrelang davon profitiert und sich geschätzte 40 Prozent des Umsatzes erobert – ein international besonders hoher Wert. Jetzt aber beginnen sie, sich gegenseitig zu kannibalisieren. Der Umsatz von Branchenprimus Aldi geht angeblich zurück, genaue Zahlen sind geheim. Und doch errichten die Discounter neue Ladenflächen und stellen dort Kühltruhen, Grabbeltische und Dosenregale auf, die irgendwie bewirtschaftet werden müssen. Zusammen bedeutet das: Mehr Arbeit, weniger Arbeitskräfte.

Das harte Kosten- und Kontrollregime folgt einer branchenspezifischen Logik. Der Handel kann seine Läden nicht in Billiglohnländer verlagern, wenn er hier die Kaufkraft abschöpfen will. Er kann bloß versuchen, hier mehr rauszuholen.

Laut Tarif liegen die Löhne zwischen 6,50 Euro und 13 Euro die Stunde, abhängig von Ausbildung und Betriebszugehörigkeit. Eine Verkäuferin mit Halbtagsstelle kommt so auf 500 bis über 1000 Euro brutto im Monat. Dafür arbeitet sie mal Montag früh von acht bis zwölf Uhr, mal Samstag von nachmittags bis Ladenschluss. Einsatzpläne werden meist eine Woche vorher erstellt und oft noch von Tag zu Tag geändert. Die Löhne sind zuletzt kaum gestiegen. "Das Versprechen der Discounter lautet: ›Mehr Ware für weniger Geld‹. Aber wer ganz unten ist in der Lohnhierarchie, kann noch so schnell laufen, er wird nie ein respektables Einkommen erreichen", sagt David Bosshart, Chef des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI), eines auf Handel spezialisierten Think Tanks aus Zürich. "Im Gegenteil. Er braucht die tiefen Preise, weil sein Lohn sinkt."

So ging der massive Personalabbau der vergangenen Jahre vollständig zulasten der Vollzeitstellen – die Zahl der Teilzeitjobs steigt demgegenüber kontinuierlich. Am frühen Nachmittag ist wenig los, erst in den letzten Stunden vor Ladenschluss erledigen die Kunden ihre Einkäufe für den Feierabend. Die Hans-Böckler-Stiftung sieht in dieser Form von Flexibilität ein Phänomen, das "immer weniger Raum lässt für stabile Beschäftigungsverhältnisse, existenzsichernde Einkommen und planbare Arbeitszeiten". Der Discounter Aldi Süd, der in diesen Wochen seine ersten Filialen in der Schweiz eröffnet, bietet dort ausschließlich Teilzeitstellen an und gibt sich immun gegen jede Kritik. "Wir zwingen keinen, die Verträge zu unterschreiben", lautet die Losung.

Die Geschichte ihres Rauswurfs beginnt an einem Freitagabend im späten September, ein paar Minuten vor Ladenschluss. Ingrid Hollberg* (23 Stunden pro Woche, rund 1000 Euro brutto im Monat) räumte noch ein paar Kartons ins Regal. Kunden schoben Einkaufswagen an ihr vorbei zur Kasse, zahlten und verschwanden durch die Tür nach draußen, wo es schon dunkel war. Draußen, das ist Calw, eine Kleinstadt im nördlichen Schwarzwald. Und drinnen, das ist Lidl, eine Welt für sich.

Die 32-Jährige arbeitet seit vielen Jahren für Lidl. Sie kennt diese Filiale, die in mehrfacher Hinsicht etwas ganz Besonderes ist im Reich des Discounters. Keiner der grauen Zweckbauten mit dünnen Wänden, wie sie Lidl hierzulande tausendfach an die Ausfallstraßen gestellt hat. Der dreigeschossige Bau aus rotbraunem Sandstein war früher der Bahnhof von Calw. Romantik aus dem Industriezeitalter.

Der Geschäftsleiter sei in die Filiale gekommen, erzählt Hollberg, das ist ein ziemlich seltener Besuch. "Er hat uns zusammengerufen und gesagt, wir sollen nach Hause gehen, der Laden wird ab morgen nicht mehr öffnen." Dann rückten Maler an, "die haben die Fenster weiß angestrichen", sagt sie. Seitdem kann von draußen niemand mehr sehen, wie es drinnen aussieht.

Warum? "Wir sind hier alle in der Gewerkschaft", sagt Ingrid Hollberg. Außerdem gibt es in Calw einen Betriebsrat, so etwas haben nur acht der 2800 Lidl-Filialen. Hollberg packte ihre Sachen, genau wie ihre Kolleginnen, die bis eben noch kassierten, putzten und Regale auffüllten. Sie gingen – aber nur bis vor die Tür. "Wir dachten, wir könnten noch was verhindern", sagt Hollberg. Auf dem kleinen Parkplatz vor der Filiale warteten sie, bis herbstliche Kälte den Hang heruntergekrochen kam. Immer seltener fuhren Autos die Straße entlang, doch irgendwann nach Mitternacht bog ein Wagen aufs Gelände. Wieder der Geschäftsleiter, mit einem Mann vom Schlüsseldienst. Man habe noch reden wollen, fragen wollen, warum, sagt Hollberg, die Filiale sei doch mit immer mehr Umsatz und immer mehr Kunden wirtschaftlich erfolgreich gewesen. "Aber die haben einfach die Schlösser ausgetauscht." Lidl kassierte wegen der rüpelhaften Aktion eine einstweilige Verfügung vom Arbeitsgericht Pforzheim, und höhere Richter in Stuttgart haben bestätigt, dass die Art der Schließung rechtswidrig war – aber geschlossen blieb der Laden trotzdem.

Es ging noch weiter.

Am Tag nach der Aussperrung trafen sich ein paar hundert Leute zur Solidaritätsparty für die Mitarbeiter: Kollegen aus anderen Filialen mit ihren Familien, Freunde, langjährige Kunden, empörte Gewerkschafter. Es war so voll auf dem Parkplatz, dass die stillen Beobachter eine Zeit lang niemandem auffielen. Fünf Männer und eine Frau hatten sich unter die Leute gemischt und registrierten aufmerksam, wer mit wem sprach. "Ich habe die wiedererkannt", sagt Hollberg, "die waren zuletzt immer wieder bei uns in der Filiale aufgetaucht." Als der Betriebsrat die Unbekannten zur Rede stellen wollte, liefen sie zu ihren Autos und gaben Gas. Die ersten beiden Wagen waren schon weg, doch der letzte, ein roter VW Passat, "nahm dabei einen Kunden auf die Haube", berichtet ein Augenzeuge. Er blieb stehen, man konnte das Nummernschild lesen: HN für Heilbronn. Im Landkreis Heilbronn, rund 85 Kilometer entfernt von Calw, liegt Neckarsulm. Dort hat Lidl sein Hauptquartier. Die Konzernlenker wollen über den Vorfall nicht reden.

Filiale geschlossen, entgegen richterlicher Anordnung. Detektive geschickt, um die eigenen Leute zu beobachten. Alles bloß, um die Interessenvertretung der Arbeitnehmer loszuwerden, wie Angestellte und Gewerkschafter vermuten? Lidl will das nicht kommentieren, aber auch andere Filialen mit Betriebsrat berichten über Repressalien.

Am täglichen Kampf Kapital gegen Arbeit verdient Rechtsanwalt Dirk Schreiner gut. Und zwar nur auf Arbeitgeberseite – eine "große Einzelhandelsgesellschaft" gehört zu seinen Mandanten. Gern erklärt der Jurist aus dem sauerländischen Attendorn seinen Kunden, wie sie ihre ökonomischen Problemfälle entsorgen. So knacken Sie den Kündigungsschutz von Betriebsräten, Schwerbehinderten und älteren Arbeitnehmern heißt eines seiner "Praxisseminare". Die Teilnahme kostet 695 Euro, steuerlich absetzbar. Inzwischen beschäftigt Schreiner mehr als ein halbes Dutzend Referenten, so schnell klettert die Nachfrage. "Mitte der Neunziger haben wir gerade mal 20 bis 30 Seminare im Jahr veranstaltet", sagt er, "heute sind es mehr als 400." Zu den Rennern gehört In Zukunft ohne Betriebsrat – Wege zur Vermeidung, Auflösung und Neuwahl. Das laufe derzeit am besten, sagt Rechtsanwalt Schreiner.

Er meint natürlich nur die legalen Taktiken. Grundsätzlich ist es strafbar, die Bildung von Betriebsräten zu hintertreiben. Denn die setzen Rechte durch, von denen die meisten Mitarbeiter nicht einmal wissen. Ein Betriebsrat kann…

…verhindern, dass Ältere, Behinderte oder Ausländer in der Firma diskriminiert werden.

…dafür sorgen, dass die Arbeitsbedingungen nicht die Gesundheit ruinieren.

…Arbeitszeiten mitgestalten und sicherstellen, dass Überstunden richtig erfasst werden.

…bei Versetzungen und Kündigungen mitreden, damit Betroffene nicht gedrängt werden, schlechte Aufhebungsverträge zu unterzeichnen.

Betriebsräte gelten als Sand im Getriebe der Effizienzmaschinen. Im Einzelhandel geht die Aussage um, dass eine widerspenstige Interessenvertretung in einer Filiale so viel kosten kann wie ein Prozent des Umsatzes.

Der wachsende Widerstand gegen Betriebsräte fordert ver.di heraus. Gegen Schlecker haben die Gewerkschafter schon Mitte der neunziger Jahre gekämpft und sind dem Drogeristen seither in inniger Feindschaft verbunden. Obwohl man damals das Recht auf Betriebsräte durchsetzte, haben bis heute bloß ein Drittel der Mitarbeiter eine Interessenvertretung. Und obwohl Schlecker Tariflöhne akzeptierte, sieht ver.di immer wieder Grund zum Widerstand, etwa weil erfahrene Mitarbeiter wie Neulinge eingestuft würden. Bei Neueröffnung oder Umzug einer Filiale sind Bezirksleiter gehalten, Personal "nur noch im ersten Berufsjahr einzustellen".

Im Frühjahr hat die Gewerkschaft nun eine große "Allianz gegen Discounter" ausgerufen und sammelt seither belastendes Material: Beschwerden von Verkäuferinnen, Abmahnungen, interne Papiere der Unternehmen. Mit dem Schwarzbuch Lidl hat man vor einem Jahr begonnen: Der mehr als hundert Seiten starke Pranger war ein Prototyp für die moderne Gewerkschaftsarbeit. Und gegen Schlecker soll nun ein anklagender Film produziert werden.

Ver.di-Mann Orhan Akman organisiert den Widerstand in München. Der 30-Jährige trägt an diesem Abend dunkelbraune Nadelstreifen, am Revers der rote ver.di-Anstecker. Ihm gegenüber im Gewerkschaftshaus zwei Dutzend Männer und Frauen, von ver.di, von Betriebsräten, von Attac, von der Kirche. Ihre Mission: Lidl in die Knie zwingen. Einer schlägt vor, demnächst alte innerdeutsche Grenzschilder überzupinseln und vor Lidl-Parkplätzen aufzustellen: "Achtung, Sie verlassen jetzt den demokratischen Sektor". Das wäre gut fürs Fernsehen.

Sonst schweigt Lidl, jetzt reagiert man. Kürzlich hat der Discounter im Münchner Stadtteil Berg am Laim sogar Flugblätter verteilt, auf denen stand, dass das Betriebsklima gut sei und ver.di lüge. Ein Zeichen für die Initiative, dass sie ernst genommen wird. Am 30. November wird in der Münchner Dreifaltigkeitskirche in Sachen Lidl gebetet. "Um Vergebung für seine Sünden zu bitten spielt ja eine wichtige Rolle im Christentum", sagt Jörg Maier von der Betriebsseelsorge München. "Die Lidl-Geschäftsführer sind herzlich eingeladen, sich daran zu beteiligen." Wahrscheinlich werden sie nicht kommen.

Wer die Höhle des Löwen betreten will, muss erst mal eingelassen werden. An die großen Discounter gehen Briefe mit der Bitte um ein Gespräch über Arbeitsbedingungen.

•Aldi Nord antwortet gar nicht.

•Aldi Süd schickt ein Fax – mit einer allgemeinen Stellungnahme. Die Arbeit im Einzelhandel erfordere oft eine hohe Einsatzbereitschaft, dennoch distanziere man sich "ausdrücklich von den in der Öffentlichkeit kritisierten Arbeitsbedingungen bei anderen Unternehmen, da sie nicht den Wertvorstellungen unseres Hauses entsprechen". Aldi lasse sich als Arbeitgeber von "Fairness und Respekt" gegenüber seinen Beschäftigten leiten und betreibe "eine eigene Tarifpolitik – unabhängig von den Gewerkschaften und zum Vorteil unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter".

•Auch Dieter Schwarz von Lidl ist nicht persönlich zu sprechen. Für ihn ruft Gertrud Bott an, verantwortlich für "Kommunikation und Umwelt" und hocherfreut, dass sich die Presse für die Sicht Lidls interessiert. Man möge die Fragen bitte schicken. Na klar. Ein paar Tage später die Reaktion: "Zu den von Ihnen aufgeführten Fragen möchten wir keine detaillierten Antworten geben." Man sehe sich einer "einseitigen Kampagne" ausgesetzt, "obwohl in anderen, ähnlich strukturierten Unternehmen ebenso wenige bzw. keine Betriebsratsgremien vorhanden sind". "Sachargumente, Dementis und Entgegnungen finden in der auf Emotionen basierenden ver.di-Kampagne leider kein Gehör." Jedem von einer Filialschließung betroffenen Mitarbeiter werde ein neuer Arbeitsplatz angeboten, "was in unserer Zeit der Stellenstreichungen als außergewöhnlich bezeichnet werden kann".

•Reden möchte nur einer: Anton Schlecker, der normalerweise nie über Arbeitsbedingungen und Betriebsräte diskutiert. Jetzt macht er eine Ausnahme.

Im Schleckerland, 89579 Ehingen. Ein kleines Gewerbegebiet am Rande der Schwäbischen Alb. Rechts die Donau, links die Schmiech und in der Mitte das Reich des Drogeriefürsten. "Willkommen im Schleckerland" prangt es weiß-blau auf dem Mast an der Einfahrt. Firmenchef Anton Schlecker hat hier nicht nur 1200 Parkplätze errichtet, sondern auch einen Möbelmarkt, einen Baumarkt und eine Tankstelle. Überall steht Schleckerland, auch auf Einkaufswagen und Mülleimern. Nur der Spielzeugmarkt heißt anders, Kinderland nämlich, im angeschlossenen Restaurant kostet die Kohlroulade mit Kartoffelpüree nur 2,95 Euro.

Am Rand des Parkplatzes erhebt sich hinter penibel gepflegten Blumenbeeten das Verwaltungsgebäude. Acht Etagen mit blaugrün verspiegelter Fassade. In der Empfangshalle fällt der Blick auf eine schwarze Heuschrecke, gebastelt aus den Resten eines Fahrrads. Sie hängt an der Wand, steht aber für nichts. Schlecker hat sie einem befreundeten Künstler zu einer Zeit abgekauft, als Heuschrecken noch Insekten waren.

Sieben Etagen höher hat der Patriarch seinen persönlichen Konferenzraum eingerichtet. Dicker hellgrüner Teppichboden dämpft jedes Geräusch, Wände und Decke sind mit dunkelbraunem Holz vertäfelt, die Vorhänge zugezogen. Blickdicht, auch nach draußen. Schlecker ist 60 Jahre alt, er wirkt jünger. Ein kleiner Mann, sehr schlank, sehr schwarz gekleidet und mit sehr kurzen, rotblonden Haaren. Er redet mit leicht schwäbelndem Tonfall, die Stimme ist sanft, der Händedruck hart.

Das also ist der geheimnisvolle Drogeriekönig, der es vom Sohn eines Metzgers zum Unternehmer mit schätzungsweise 900 Millionen Euro Vermögen brachte. Der Lidl-Chef Dieter Schwarz seinen Duzfreund nennt und ihm einst mit 150 Millionen Mark die Expansion finanzierte. Der wegen seiner Personalpolitik die Prädikate "harter Hund" (Handelsblatt) und "nicht zimperlich" (Wirtschaftswoche) erhalten hat und als "einer der übelsten Arbeitgeber des Landes" (Welt am Sonntag) gilt.

Schlecker, der Bösewicht? "Ich komme mit jedem gut aus und spiele diese Rolle nicht. Wenn Medien diesen Vorwurf tausendmal wiederholen, dann muss ich damit leben", sagt Schlecker entspannt. "Und ich kann damit auch leben." Er kennt die Vorwürfe, aber sie rühren ihn nicht. Dass er die eigenen Mitarbeiter überwachen lässt oder sie durch die dünne Personaldecke zur Selbstausbeutung treibt. Stimmt es, dass Kranke schon mal einen Brief mit ihren Fehlzeiten nach Hause bekommen oder dass Bezirksleiter bei ihren Kontrollbesuchen so lange in der Filiale stöbern, bis sie einen Grund für eine Abmahnung finden? Schlecker sagt, er könne nicht garantieren, dass nicht einer seiner 500 Bezirksleiter über die Stränge schlage, aber keinesfalls gäbe es entsprechende Anweisungen von oben. Doch auch die Regionalmanager stehen natürlich unter enormem Leistungsdruck.

Schleckers Vertrauen in die eigenen Leute hat Grenzen. "Man muss mit Nachdruck schauen, dass die Spielregeln eingehalten werden. Sonst erreicht man gar nichts", sagt er. Zu den Spielregeln gehört, Inventurdifferenzen zu vermeiden. Soll heißen: Nicht nur Kunden klauen – sondern auch Mitarbeiter. Ein bis zwei Prozent des Umsatzes gehen durch Diebstahl verloren, das wären knapp 100 Millionen Euro im Jahr.

Was er von Betriebsräten halte? "Das geht schon in die Kosten", sagt er. "Die Zeit, die sie auf Fortbildungen verbringen, auf Schulungen und bei all dem, was die Gewerkschaft so anbietet. Außerdem muss man alles in Gremien verhandeln, längere Öffnungszeiten zum Beispiel. Oft habe ich gedacht, das kann doch gar nicht wahr sein." Auch wenn er es nicht ausspricht, lässt er deutlich spüren, dass er jede Form von Nebenregierung ablehnt. "Meine Kontakte zu ver.di sind keiner persönlichen Art", sagt er. "Wir müssen mit der Gewerkschaft leben."

Mit dem leben müssen, was man nicht ändern kann – Anton Schlecker ist in den vergangenen 30 Jahren zu der Erkenntnis gelangt, dass jeder sich in seine Rolle fügen sollte: Manche räumen Regale ein, manche sind Chef. Er ist Chef. Und er will keine Hilfe von Leuten, die er nicht um Rat gefragt hat. Dazu gehören Gewerkschaften und Betriebsräte, aber auch Verbandsfunktionäre und Politiker. Schlecker ist kein politischer Mensch und stolz darauf, Standort-Bashing betreibt er nicht. "Die Diskussion um den Kündigungsschutz ist überzogen. Entscheidend ist lediglich, dass für alle die gleichen Spielregeln gelten", sagt er. "Nur Verbände und manche Mittelständler leben davon, die Debatte immer wieder anzutreiben." Damit soll man ihn in Ruhe lassen.

Schlecker fürchtet, dass sein Lebenswerk eines Tages wieder verschwinden könnte – aus seiner Sicht wohl nicht zuletzt durch Gewerkschaften und Betriebsräte. In die Zukunft können sein Unternehmen nur wenige führen: Seine Frau und seine beiden Kinder arbeiten in der Leitung, dazu ein enger Stab von Vertrauten. Schlecker kramt einen Zettel von 1973 hervor, er zeigt die Rangliste der damals größten Handelsunternehmen in Deutschland. Die meisten Namen sind mit blauem Filzstift übermalt. "Sehen Sie hier, die durchgestrichenen Firmen gibt es heute alle nicht mehr. Sie kennen doch den Spruch: Willst du den sicheren Ruin eines Unternehmens, gib ihm 30 Jahre Erfolg", sagt er. "Lachen Sie nicht, das ist so. Ich habe auch immer gedacht, das geschieht mir nicht. Aber letztes Jahr haben wir unsere Kosten durchgecheckt – und da ist noch immer massiv zu tun."

* Namen sind auf Wunsch der Betroffenen geändert