Deutschland erstickt an Bürokratie. Mehr als 27000 Normen regulieren das wirtschaftliche Handeln, jährlich kommen etwa 500 dazu, und mehr als 2000 werden novelliert. Allerdings handelt es sich dabei um "gute" Normen, um DIN-Normen. Der Bürokratiedebatte reichen dagegen rund 120 Bundesgesetze pro Jahr, mehr als die Hälfte davon Gesetzesänderungen, als Grundlage von Katastrophenszenarien. Die Klagen über bürokratische Hemmnisse und Überregelung werden sogar ständig lauter. "Bürokratie" gilt als das zentrale Wachstums- und Innovationshemmnis – und dennoch waren sämtliche Initiativen zum "Bürokratieabbau" bisher nicht erfolgreich.

Warum? Weil die Bürokratiedebatte eine Debatte voller Missverständnisse ist.

Erstens geht es um "zu viel Staat". Die hohe Staatsquote hat indes vor allem etwas mit sozialstaatlicher Umverteilung zu tun. Sinnlos ist es, Bürokratieabbau zu fordern, eigentlich aber die Reduzierung staatlicher Aufgaben zu meinen.

Zweitens wird oft die aufgeblähte staatliche Bürokratie beschworen. Tatsächlich liegt der Anteil öffentlich Beschäftigter an der Gesamtbeschäftigung in Deutschland bei etwa zwölf Prozent – mithin international im unteren Mittelfeld.

Drittens spielt in der Bürokratiekritik die mangelnde Kundenfreundlichkeit der Behörden eine zentrale Rolle. Dieses Stereotyp ist schwer zu beseitigen, obwohl sich gerade hier in den vergangenen Jahren viel gebessert hat.

Viertens geht es darum, "überflüssige" Regulierungen abzubauen, etwa im Arbeits-, Umwelt- oder Denkmalschutz. Überflüssige Vorschriften ähneln allerdings sehr den überflüssigen Subventionen: Wenn eine einzelne abgeschafft oder gekürzt werden soll, formiert sich schnell erbitterter Widerstand – wie bei den versuchten Deregulierungen der Handwerksordnung, der Honorarordnungen für Architekten oder Rechtsanwälte oder der Apothekenordnung geschehen.

Fünftens treten besondere Probleme auf, wenn verschiedene Verwaltungen beteiligt sind. So lassen sich etliche "bürokratische Hemmnisse" wie die Dauer von Genehmigungsverfahren als interorganisatorische Probleme identifizieren. Unterschiedliche gesellschaftliche Interessen werden innerhalb der Verwaltung abgebildet und erzeugen Konflikte.

Sechstens geht es schließlich um die Dichte und Komplexität von Regelungen, die dadurch verursachten Kosten bei den Betroffenen – und darum, ob diese Kosten in einem vernünftigen Verhältnis zum gewollten Nutzen stehen.

Auf die Frage, wer für bürokratische Regulierungen verantwortlich ist, gibt es eine Reihe einfacher Antworten. Die Bürokraten sagen, es seien die Politiker. Die Politiker sagen, die Interessengruppen seien schuld. Und die Wirtschaft sagt, die Regelungswut der Bürokraten sei der Kern des Übels.