Ihm ist ein wenig unwohl, das ist ihm anzusehen. Der Mann hält einfach nicht gern geschwollene Reden, und der Satz, den er gleich sagen wird, könnte leicht in diese Kategorie fallen. Und doch: Er ist ihm wichtig, und so klingt es schließlich fast trotzig, als er dann tatsächlich sagt: "Wir haben nun mal eine wertegebundene Außenpolitik."

Werte? Christoph Heusgen, der Mann, der die künftige Kanzlerin Angela Merkel in der Außenpolitik beraten soll, weiß, was er da sagt und was er damit verspricht. Denn Heusgen ist kein traumtänzerischer Gutmensch. Er lebt in der Welt, in der die Russen uns das Gas liefern, aber über Menschenrechte schweigen. Er weiß, wie die Usbeken die Opposition niederknüppeln, wie im Sudan täglich zahllose Menschen sterben. Im Alltag kann er das Entsetzen darüber gut verbergen. Doch jetzt, in einer stillen Stunde, wenn die Telefone seltener klingeln, seine Sekretärin nicht mehr so oft klopft und die Fenster vor seinem Büro im Brüsseler EU-Viertel längst dunkel sind, da erlaubt er sich einen Moment der Nachdenklichkeit. Vorsichtig tastend und ohne jeglichen Bekehrungseifer, eher wie jemand, der sich jenseits der Hektik einer tieferen Motivation für sein Tun vergewissern muss, spricht er sogar über christliche Werte. Und wie man sie hochhalten kann.

Normalerweise hat der Katholik vom Niederrhein dafür kaum Zeit. Normalerweise arbeitet der Christdemokrat Heusgen in den Maschinenräumen der Politik, und das seit einem Vierteljahrhundert. Er startete im Auswärtigen Amt, arbeitete in den deutschen Vertretungen in Chicago und Paris und diente im Ministerbüro von Klaus Kinkel. Als enger Berater des EU-Außenbeauftragten Javier Solana hat der schlanke, sportliche 50-Jährige einen der spannendsten Jobs, die es für Diplomaten in Europa gibt. Er leitet die politische Abteilung, also das Gehirn der jungen europäischen Außenpolitik. Dort entwirft er Strategien für den Umgang mit den Mullahs und deren Wunsch nach der Atomkraft, sorgt sich um den Konflikt zwischen Israel und Palästina, die Befriedung des Balkans oder der indonesischen Krisenregion Aceh. Von dort sieht er die Welt durch das Fernrohr der Krisenbeobachter. Noch.

Auf Wunsch der künftigen Bundeskanzlerin wird er nun nach Berlin ziehen und dort eine Schlüsselrolle übernehmen. Im Kanzleramt soll der Christdemokrat die Außen- und Sicherheitspolitik koordinieren – und trotz aller Kontinuität, die eine Große Koalition erzwingt, langsam, aber sicher neue Akzente setzten.

Deutsche Außenpolitik werde im Kanzleramt gemacht, hieß es unter Bundeskanzler Schröder, auch wenn der natürlich Europa mitdenken wollte und musste. Heusgen ist da mental einen Schritt weiter. Deutsche Außenpolitik werde am Telefon gemacht – irgendwo zwischen Berlin, Brüssel, London, Warschau und Washington, könnte seine Doktrin lauten. Und deswegen fällt bei ihm fast zwangsläufig in jedem zweiten Satz das Wort Europa. Neue deutsche Außenpolitik? "Die funktioniert nicht ohne Einbindung in Europa." Deutschlands Sitz im Sicherheitsrat? "Der ist derzeit Illusion, die Europäer müssen im Sicherheitsrat besser zusammenarbeiten." Deutsche Interessen? "Deutschland hat eine unglaubliche Chance, eine große Rolle in Europa zu spielen…" So viel Europa war nie.

Heusgens mentale Landkarte manifestiert sich in einer schmalen Broschüre. "Die EU-Sicherheitsstrategie wird auf meinem künftigen Schreibtisch liegen", sagt er und fügt dann schmunzelnd hinzu, auch seinen neuen Mitarbeitern werde er sie zur nachhaltigen Lektüre empfehlen. Das knappe, erstaunlich gut lesbare Werk krönt bislang Heusgens Karriere, und es zeigt, wie viel er erreicht hat. Stur, still und leise.

Vor knapp sechs Jahren zog er mit einer Hand voll Diplomaten aus ganz Europa in Brüssel ein, um die taufrische EU-Außenpolitik mit einem Planungsstab auszubauen. Die kleine Gruppe einte vor allem die Begeisterung. Geld hatten sie kaum und Ansehen wenig. Doch keiner von ihnen scherte sich um die abgeschabten Teppiche in den Büros, die hässlichen Büromöbel, die fehlenden Computer. Im Gegenteil. Sie nahmen das als Warnung. Denn letztlich erinnerte die äußere Kargheit nur an die althergebrachte Angst der nationalen Außenministerien vor einer gut ausgestatteten, ergo zu mächtigen Brüsseler Behörde. Schließlich wird in Europas Hauptstädten weniges so sensibel bewacht wie die Außenpolitik.