Paris

Noch bevor sich der Staatspräsident Anfang November zu seiner Fernsehansprache zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung aufgerafft hatte, erließ Frankreichs größter Muslim-Verband bereits eine "Fatwa" zu den Vorstadtkrawallen. "Es ist jedem Muslim verboten", beschied die Islam-Union UOIF, "sich Befriedigung durch die Teilnahme an Aktionen zu verschaffen, bei denen Dinge beschädigt oder Menschen verletzt werden." Auch im Unglücksort Clichy-sous-Bois, wo am 27. Oktober nach dem Tod zweier Minderjähriger die Unruhen ausgebrochen waren, schickte der Vorsteher der Bilal-Moschee gleich bei Eintreffen der Polizei Gemeindemitglieder auf die Straßen. Mit "Allah ist groß"- und "Geht nach Hause"-Rufen versuchten sie die Randalierer zu beruhigen. Ähnlich patrouillieren im Nachbarort Rosny nachts die Mitglieder der örtlichen Moschee. "Wir können die Polizei nicht ersetzen", sagt Gemeindevorsteher Bachir Boukhzer in Rosny. "Aber wir haben Jugendliche davon abgebracht, unsere Schule anzuzünden."

Während zeitweise bis zu 300 Problemquartiere nachts im Chaos versanken, ist unerwartet ein neuer Ordnungsfaktor aufgestiegen. Das Magazin Le Point nennt die Imame, die für Sicherheit sorgen, schon die "neuen Unterhändler der Republik". Dabei hatten zu Beginn der Ausschreitungen viele noch vor einem "neuen Religionskrieg" gewarnt. Anlass dazu gaben arabische Organisationen, die auf ihren Web-Seiten wie "tajdeed.net" oder "alsaha.net" einen neuen Dschihad auf französischem Boden ausriefen.

Doch angesichts der unorganisierten Aufstände, bei denen bis Mitte dieser Woche 2700 Jugendliche festgenommen und 600 zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, schließt die Polizei radikal-islamische Einflüsse aus. Der französische Geheimdienst DST konstatiert: "Zwei Drittel der Jugendlichen werden von einem harten Kern aus Rädelsführern aufgewiegelt, die mit dem Islam nichts zu tun haben."

Im Hauptquartier der Islam-Union UOIF im Pariser Vorort Courneuve gibt sich Präsident Lhaj Thami Breze nun selbstbewusst: "Wir haben gezeigt, dass wir gesellschaftliche Akteure sind und für Frieden sorgen." Gerade in Gemeinden, wo es funktionierende Moscheen gebe, fänden die wenigsten Anschläge statt.

Der Beweis ist im unruhigen Vielvölker-Departement Seine-Saint-Denis schwer anzutreten. Zwar ist der Islam die wichtigste Religion im Gebiet, wo Gläubige aus dem Maghreb, aus Schwarzafrika, der Türkei, dem Vorderen Orient, aus Pakistan, Indien und Madagaskar leben. Doch ihre Zersplitterung in Sunniten, Schiiten, Sufis, Tabligh, Kaplan-Anhänger und Salafisten ist groß. Trotzdem bestätigt ein Ortstermin in Rosny-sous-Bois zehn Kilometer westlich von Paris den Befund. In der Satellitenstadt mit 40000 Einwohnern bietet Kentucky Fried Chicken Hühnerbrötchen mit Halal-Fleisch an. Als Bachir Boukhzer, der Vorsteher der örtlichen sunnitischen Moschee, vor vier Jahren hierher zog, rief er seine 1000 Mitglieder zählende Gemeinde zum Großreinemachen auf. In den zertrampelten Beeten pflanzten sie Ziersträucher, und sie wuschen Graffiti von den Wänden. Im Untergeschoss eines Supermarktes richteten sie ihre Moschee ein. Zum Dank dafür berücksichtigt sie der konservative Bürgermeister Claude Pernès regelmäßig mit Zuwendungen aus seinem Rathaus-Etat.

In einer Satellitenstadt wuschen Muslime Graffiti von den Wänden