Dieses Buch rüttelt auf, es verstört, und es zwingt jeden Leser, sich mit der "Schriftgläubigkeit", dem Vertrauen in Experten und vor allem auch mit ihren eigenen, früheren Beurteilungen des "Großen Vorsitzenden" kritisch auseinander zu setzen. "Mao Tse-tung war verantwortlich für über 70 Millionen Tote in Friedenszeiten." Auf den ersten Satz folgen 800 Seiten mit detaillierten Schilderungen von Maos Verbrechen, Machtspielen, Geschichtsfälschungen. Natürlich war die eine oder andere von Jung Chang und Jon Halliday aufgedeckte Grausamkeit bekannt. Aber nach diesem Biografie scheint klar zu sein: Mao war ein Tyrann und Massenmörder, der an seiner Brutalität und Menschenverachtung, an selbst angeordneten Exekutionen auch noch Spaß hatte.

Jung Chang und Jon Halliday haben zwölf Jahre lang in Archiven in aller Welt geforscht und Hunderte von Zeitzeugen interviewt. Viele, die mit Mao gelebt oder gearbeitet haben, waren 20 Jahre nach seinem Tod bereit, schonungslos offen über die Vergangenheit zu sprechen. Die Folge ist, dass viele lieb gewonnenen Mythen der chinesischen Revolution der faktischen Überprüfung nicht mehr standhalten.

So erfahren wir, dass der legendäre Lange Marsch eine panische Flucht vor den Truppen Chiang Kai-sheks war und ein brutaler, innerparteilicher Kampf um die Vorherrschaft in der chinesischen KP. Die rote Basis in Yenan ist demnach nicht mehr der Ort der idealen kommunistischen Gleichheit. Im Gegenteil: Hier gab es abgestufte Privilegien für Offiziere, Terror durch erzwungene Selbstkritik und Waffenkäufe, finanziert durch Opiumhandel. Die Rote Armee war schon damals nicht die Armee des Volkes, zu der Freiwillige strömten, sie war eine Armee von zwangsrekrutierten Bauern, die plünderte und Getreide ohne Bezahlung beschlagnahmte. Jung Chang fand die Notizen eines Parteiinspektors, der schrieb: "Die einheimische Bevölkerung hasste uns und tat alles, um die Gesetzlosen zu schützen." Maos Sieg über die Truppen von Chiang Kai-shek, so schreibt Jung Chang, ist nicht der Überlegenheit der kommunistischen Truppen zu verdanken, sondern vor allem kommunistischen "Schläfern" in den Reihen der Nationalisten, die dort geplante Aktionen an Mao verrieten. Sie weist nach, dass Mao durch Terror herrschte und er Soldaten und Parteigenossen über seinen Spionageapparat fest im Griff hatte. Er befahl Tausende von Hinrichtungen und ließ Folterungen und Tötungen filmen. Bei solchen Exzessen, so schrieb er 1927, empfinde "er eine nie erlebte Ekstase". Sein Machthunger war unersättlich: Den Hungertod von 38 Millionen Menschen Ende der fünfziger Jahre nahm er in Kauf, um gegen Getreideexporte an moderne Waffen zu kommen. Jung Chang zeigt, dass Tschou En-lai, der im Ausland als kultivierter Vertreter der chinesischen KP gesehen wurde, Maos Launen und politischen Entscheidungen vollkommen ausgeliefert war. Mao verweigerte dem Todkranken sogar die notwendige Krebsoperation, damit dieser ihn nicht überlebe.

Es sind nicht alles Neuentdeckungen, die die beiden Autoren für ihr Bild des grausamen Tyrannen anführen. Maos ausschweifendes Sexleben wurde schon in den Erinnerungen seines Leibarztes Li Zhi-sui vor einem Jahrzehnt offenbart; die Verfolgung der Intellektuellen und die Leiden während der Kulturrevolution wurden schon in der "Narben- und Wundenliteratur" Anfang der achtziger Jahre von Schriftstellern wie Wang Meng, Zhang Jie und Bai Hua geschildert; über die unmenschlichen Quälereien in den Straflagern haben Harry Wu und Dissidenten wie Wei Jingshen schon vor zehn Jahren berichtet. Warum wurden trotz dieser Kenntnisse die Verbrechen in China fast nie in direktem Zusammenhang mit Mao gesehen? Dazu hat die chinesische Politik beigetragen, die Maos unbeflecktes Bild nach wie vor zur Identitätsstiftung braucht und pflegt.

Im Westen war das wahre Bild von Mao verdeckt durch die Sehnsucht nach einem "guten Kommunismus" im Gegensatz zum "schlechten Kommunismus" der Sowjetunion. Außerdem spielte die exotische "Idealisierung des Chinesischen", die im Westen schon seit mehr als 200 Jahren vorherrschte, eine Rolle. Sie machte es Mao leicht, seine politischen Ambitionen bühnenreif zu kaschieren. Am Bild vom Revolutionär und Poeten Mao haben viele mitgearbeitet, nicht zuletzt Mao selbst, der 1936 den amerikanischen Journalisten Edgar Snow einlud, einige Monate in Yenan zu verbringen. Ihm erzählte er seine Version vom Langen Marsch, ihm zeigte er sich als bescheidener Guerillaführer und Philosoph. Edgar Snows Roter Stern über China wurde zur Basis fast aller Mao-Beurteilungen. Dass dieses Buch sofort ins Chinesische übersetzt und von den Kommunisten verbreitet wurde, wusste man bereits Ende der dreißiger Jahre. Aber keiner im Westen wurde skeptisch, ob und wieweit die Propagandaabteilung der KP mitgeschrieben hatte.

Man wollte damals in Mao den Guten sehen, und Snow lüftete das Geheimnis. Für ihn war er der geniale Führer, der "Rebell, der Verse schreiben und einen Kreuzzug anführen konnte". Dass ein Ausländer und nicht ein chinesischer Autor das erste große Buch über Mao schrieb, machte die Aussagen nur noch glaubwürdiger. Und so fanden sich in den Veröffentlichungen bekannter Experten Einschätzungen von Mao wie: "In seiner visionären Kraft gleicht er Roosevelt… in seiner Kampfeslust, seinem Pathos und Witz steht er einem Winston Churchill nicht nach." Oder: "Auch wenn er sich den Weg zur Macht mit Zähnen und Klauen erkämpfte, so war er doch im Glauben ans Volk als höchste Macht ein Demokrat." In aller Welt hat man den Personenkult um Mao wahrgenommen, doch kam niemand auf die Idee, diesen Kult mit dem um Stalin oder Hitler zu vergleichen, obwohl bekannt war, dass er keine freiwillige Verehrung, sondern auf Terror gegründet war.

Solange die Vergangenheit in China noch nicht aufgearbeitet, sondern mit dem erlaubten Streben nach Wohlstand zugekleistert wird, wird Mao als der große Einiger dargestellt und sein Porträt am Tor des Himmlischen Friedens jedes Jahr neu retuschiert werden. Mao soll weiter dem Zusammenhalt des Landes dienen. Deshalb ist er auch heute noch der "Große Steuermann", und er wird es noch einige Jahre bleiben.

Die Biografie von Jung Chang und Jon Halliday fordert heraus, sich Gedanken über den Wandel der Wahrnehmung von angeblichen Wahrheiten zu machen. Jeder, der mit China zu tun hat, ob als Politiker oder als Vertreter der Wirtschaft, ob als Student oder als Tourist, sollte dieses Buch lesen. Aber 800 Seiten und Hunderte von Quellenverweisen werden für viele zu viel sein. Ich wünsche mir deshalb, dass sich die Autoren die Mühe machen, eine wesentlich gekürzte Ausgabe zu erarbeiten. Ihre Erkenntnisse sind wichtig, nur wer China wirklich kennt, kann diesem faszinierenden Land im aufkommenden asiatischen Jahrhundert gerecht werden.