Ein Zacken Aufklärung

Schon wieder so ein Spektakelgebilde, wieder Krach und Krawumm und ein Haus, das nur Wirkung will, viel Ruhm und großes Gefühl. So ist das mit diesem Bauwerk, das neuerdings durchs Städtchen Wolfsburg rauscht. Und so ist es überhaupt nicht.

Natürlich freuen sich die Stadtvermarkter, preisen ihr Wissensmuseum als stolzen Glücksbringer. Die Eröffnung kommende Woche wird gewiss wie ein Advent vor dem Advent sein, wie eine lang erwartete Ankunft. Schon jetzt sprechen viele vom Raumschiff, nennen es Ufo aus Beton – vom Himmel hoch, der Kraftbrocken einer besseren Welt.

Eine besonders sanfte Niederkunft wird das allerdings kaum werden, eher ein Einschlag, der Wolfsburg erschüttert. Denn so verwegen ist diese Architektur, dass der Rest der Stadt nun noch gewöhnlicher wirkt als ohnehin schon. Am spitzen Bug des neuen Science Centers zerschellt der Traum von der standardisierten Welt, das Ideal des klaren, geregelten Bauens, mithin das, was die klassische Moderne des 20. Jahrhunderts antrieb. Und damit auch so ziemlich alles, was Wolfsburg ausmacht.

Die Stadt ist ja eine Ausgeburt des Nichts, 1938 von Adolf Hitler ins weite Land gesetzt, eine Autofabrik mit angegliederter Schlafstätte. Dieses Retortenhafte und Dürftige hat sich bis heute gehalten. Und wohl deshalb hat nun die Architektin Zaha Hadid eine Art Antithese geplant: etwas, das bleiben will, das dem Boden entwächst, ein echtes Architekturfossil. Es ist ein Bauwerk, das die Logik des industriellen Zeitalters, die Wolfsburg-Logik, unterläuft. Es bricht mit dem Fortschrittsglauben, mit einem Futurismus ohne Verwurzelung.

Wobei "brechen" nicht das richtige Wort ist. Denn etwas Raumschiffhaftes hat das Gebäude ja wirklich, zumindest aus der Ferne betrachtet. Da reckt sich ein langer Körper, scharfkantig und kraftvoll und von lauter schräg gelegten Enterprise- Fenstern punktiert. Unter diesem schwebenden Riegel aber beginnt das Unvertraute, es öffnen sich Höhlen und Kammern, ein Reich weicher Rundungen – als habe einst ein mächtiger Urstrom den Bau umspült, durchspült und ausgespült. Selbst vom einstigen Flussbett ist noch etwas verblieben, so scheint es. Der Platz rund ums Museum ist durchzogen von sanften Böschungen und vielen Nebenarmen, auch wenn hier in Wahrheit nie etwas strömte. Hier soll erst Strömung entstehen: strömendes Stadtleben.

Urtümliche Grotten locken die Passanten in die Unterwelt des Baus

Schon darin unterscheidet sich dieses Haus von jenen Spektakelbauten, die der Architekten-Jetset sonst gern auf die Welt plumpsen lässt. Hadids Museum, Phæno getauft, ist ganz für diesen Ort erdacht, es ist angebunden. Und nur zu gern würde es das Bindegewebe der Stadt noch stärken. Bislang ist hier Niemandsland, da sind ein paar bleiche Gewerbebauten, und da ist jene Scheidelinie aus Mittellandkanal und Zuggleisen, die in Wolfsburg die Welt der Arbeit von der Welt des Wohnens trennt. Das Phæno würde diese Trennung gern überwinden, es möchte urbane Kräfte wecken, bündeln, beschleunigen. Es will nicht nur Blicke anziehen, es will die ganzen Menschen. Und lockt sie deshalb in die urtümlichen Höhlen. Maulartig öffnen sie sich zum Bahnhof, zu den Ausläufern der Einkaufsstraße und auch für die Fußgängerbrücke, die in den Themenpark von Volkswagen führt, in die Autostadt.

Diese Idee, das Haus anzuheben und die Stadt drunter wegfließen zu lassen, ist dann doch etwas, das Hadid der Moderne des 20. Jahrhunderts verdankt, vor allem dem Altmeister Le Corbusier. Nur war es bei ihm eher ein ungerichtetes Fortfließen, Hadid hingegen kanalisiert den Strom, mehr noch, sie macht aus der Unterhauszone so etwas wie einen städtischen Ort, auch wenn dieser für Wolfsburger Verhältnisse sehr großstädtisch ausfällt, recht betondüster und zugig. Hier kann man herumstreifen oder sich in die Autostadt rüberspülen lassen. Hier kann man auch bleiben, im Café, im Restaurant, im gigantischen Museumsladen, im Konzert- und Vortragssaal. Vielleicht sogar im Phæno selbst.

Ein Zacken Aufklärung

So ist dieser Bau: Er hat nichts Eindeutiges, kein rechtes Zentrum und kein Ziel, er öffnet sich vielen Richtungen und Bedürfnissen und bietet gleich vier Zugänge zum Museum, allesamt gut versteckt. Selbst der Haupteingang gleicht eher einer bescheidenen Luke und führt zunächst in ein enges Räumchen. Nur um gleich darauf den Blick freizugeben: Staunend blickt der Besucher empor in unvermutete Höhen, ermuntert, rasch die gewundene Treppe zu besteigen, hinauf in den weiten Hauptsaal des Phænos, rundum offen und seltsam ungeordnet.  

Wie unten ist es auch hier oben: Es gibt keinen Parcours, keine verbindlichen Pfade. Jeder darf, jeder muss den eigenen Weg finden. Wie hingestreut stehen die kleinen Experimentiertische auf dem glatten, hellen Boden der Halle, und ganz nach Lust und Laune kann man sich von einem zum nächsten treiben lassen. Mal geht es ums Sehen, mal um Luftdruck, und nie gibt es eine verbindliche Anweisung, was wie zu lernen wäre. Das Phæno will Wissen nicht verabreichen, es will die Welt nicht verformeln, nicht verfremdworten. Viel lieber möchte es das Vorbegriffliche erschließen, es will, dass wir staunen. Darüber, dass es so etwas wie Luftdruck überhaupt gibt.

Einmal darf sich der Besucher tief in einen Sessel legen, sein Kopf wird verkabelt, um die Hirnströme zu messen und diese umzuleiten auf ein kleines Fußballfeld. Nur per Kopf lässt sich das Bällchen, das dort liegt, steuern oder besser: Es lässt sich gerade nicht steuern. Denn je stärker der Wille des Besuchers ist, je drängender er den Ball ins Tor bringen möchte, desto weniger rührt er sich. Gewinnen kann nur, wer entspannt und ziellos bleibt. Und genau das ist das Phæno-Prinzip: die Lust am Plan- und Absichtsfreien. Hier darf der Zufall regieren und die Neugier, und das Ich soll loskommen von fremd- und vorbestimmten Regeln.

Das mag hochgestochen klingen, zumal die meisten Experimente eher bescheiden daherkommen und natürlich nicht mit den Idealen der Aufklärung fuchteln. Doch eben um die geht es hier im Kern, um die Hoffnung auf das Nichtentfremdete. Den Simulationen des Computers begegnet das Phæno mit den Wundern des Realen, es strebt nach dem unverstellten Blick auf das Tatsächliche, es lädt ein zum Tasten, Begreifen, zur eigenen Erfahrung.

Auch das ist neu für VW-Wolfsburg, das immer Fließband bedeutete, Arbeitsteilung, Leben in klaren Bahnen. Im Phæno-Wolfsburg ist vieles ungeklärt und ungerichtet, da ist Intuition gefragt und Spielfreude. Mit Malochertum hat das kaum etwas zu tun, und just darum geht es der Stadt. Sie will sich vom übermächtigen Autowerk emanzipieren, nur deshalb leistet sie sich das Science Center für 79 Millionen Euro. Sie setzt den aufstrebenden Schornsteinen der Industriezeit ihr quer schießendes Signal der Wissensgesellschaft entgegen.

Ganz so frei und absichtslos, wie man zunächst meinen könnte, ist es im Phæno also doch nicht. Das Museum dient ökonomischen Interessen, es soll eine neue Fortschrittidee formen, soll den Menschen vorbereiten auf die vage Zukunft. Auch die Architektur von Hadid ließe sich so begreifen, auch sie scheint uns auf den Umgang mit dem Ungewissen einzuschwören, auf eine Welt, der alle Raster verloren gehen. Ganz halt- und prinzipienlos ist dieser Bau jedoch nicht. Im Gegenteil: Er entwickelt eine erstaunliche Dialektik der Einbindung.

Bis vor ein paar Jahren plante Hadid noch Häuser, in denen alles zersprang und barst. Eine Ästhetik der Brüche, des verlorenen Weltzusammenhangs, prägte diese Bauten. Im Phæno nun überwindet sie die Splitterlust und begeistert sich mit einem Mal für das Ganzheitliche. Obwohl der Bau sich windet und wölbt, sich verkantet und mächtig aus dem Lot gerät, hat Hadid es doch darauf angelegt, dass alles mit jedem verschmilzt. Sogar bautechnisch sollte das so sein, zum Entsetzen der Statiker und Betonbauer. Hadid wollte ein Haus ohne Fugen, ohne Nähte, ohne Brüche. Und so entstand das Gebäude – dank Spezialbeton – als eine Skulptur aus einem Guss.

Ein Zacken Aufklärung

Selbst krasse Gegensätze finden da plötzlich friedlich zueinander

Hier und da zeichnen sich an der Außenhaut zwar ein paar Fugen und ein paar böse Risse ab, man sieht dem Bau an, dass er eigentlich nicht zu bauen war. Doch rein konstruktiv betrachtet, trägt und stützt und belastet sich in diesem Haus alles gegenseitig. Es ist ein Körper, in dem alle Teile unentbehrlich sind und gleich viel zählen. Und die nur deshalb, weil sie gleich viel zählen, zu einer neuen Geschlossenheit finden.

Man darf das wohl als Gleichnis verstehen, als Plädoyer für eine Gesellschaft, in der selbst größte Gegensätze zueinander finden. Denn just das passiert in dieser Architektur. Der klar geschnittene Baukörper des Obergeschosses, dem noch etwas von den Prinzipien der rationalen Welt anhaftet, stößt auf das Irrationale, auf die höhlenartige Unterwelt des Phænos, in der sich alles Strenge verflüssigt. Und beides, das Untere und das Obere, lässt Hadid geradezu ineinander wachsen. Wie Krater drängen die mächtigen Betonkegel aus dem Boden hervor, durchdringen das Obergeschoss und lassen in der Ausstellungshalle kleine Hügel, Hochplateaus und Täler entstehen.  

So vereint sich, was bislang als unvereinbar galt, das organische und das funktionalistische Bauen. Nicht dass die Widersprüche befriedet würden, sie bleiben bestehen, ja, sie werden sogar zum Kraftquell für Hadids Architektur. Denn gerade weil dieser nichts fremd ist, bewahrt sie sich etwas belebend Befremdliches. Und so sollte selbst die Autostadt, die so geleckt wirkt, so einfältig in ihren Sinnversprechen und ihrer Gauklerarchitektur, mit hinein ins Phæno-Kraftfeld. Geplant war, die Autostadtbrücke mitten durch die Ausstellungshalle zu verlängern, als einen gläsernen Gang, der die Passanten ebenso wie die Exponate zur Besichtigung freigegeben hätte. Nur war diese Durchdringung von außen und innen am Ende doch zu teuer.

Aber auch so ist Hadids Architektur ein Abenteuer. Hier gibt es keine allgültige Wahrheit, nicht die Wahrheit der klassischen Moderne und auch nicht die der schönen, neuen Wissenswelt. Es sei denn, die sähe am Ende aus wie das Phæno.