So ist dieser Bau: Er hat nichts Eindeutiges, kein rechtes Zentrum und kein Ziel, er öffnet sich vielen Richtungen und Bedürfnissen und bietet gleich vier Zugänge zum Museum, allesamt gut versteckt. Selbst der Haupteingang gleicht eher einer bescheidenen Luke und führt zunächst in ein enges Räumchen. Nur um gleich darauf den Blick freizugeben: Staunend blickt der Besucher empor in unvermutete Höhen, ermuntert, rasch die gewundene Treppe zu besteigen, hinauf in den weiten Hauptsaal des Phænos, rundum offen und seltsam ungeordnet.  

Wie unten ist es auch hier oben: Es gibt keinen Parcours, keine verbindlichen Pfade. Jeder darf, jeder muss den eigenen Weg finden. Wie hingestreut stehen die kleinen Experimentiertische auf dem glatten, hellen Boden der Halle, und ganz nach Lust und Laune kann man sich von einem zum nächsten treiben lassen. Mal geht es ums Sehen, mal um Luftdruck, und nie gibt es eine verbindliche Anweisung, was wie zu lernen wäre. Das Phæno will Wissen nicht verabreichen, es will die Welt nicht verformeln, nicht verfremdworten. Viel lieber möchte es das Vorbegriffliche erschließen, es will, dass wir staunen. Darüber, dass es so etwas wie Luftdruck überhaupt gibt.

Einmal darf sich der Besucher tief in einen Sessel legen, sein Kopf wird verkabelt, um die Hirnströme zu messen und diese umzuleiten auf ein kleines Fußballfeld. Nur per Kopf lässt sich das Bällchen, das dort liegt, steuern oder besser: Es lässt sich gerade nicht steuern. Denn je stärker der Wille des Besuchers ist, je drängender er den Ball ins Tor bringen möchte, desto weniger rührt er sich. Gewinnen kann nur, wer entspannt und ziellos bleibt. Und genau das ist das Phæno-Prinzip: die Lust am Plan- und Absichtsfreien. Hier darf der Zufall regieren und die Neugier, und das Ich soll loskommen von fremd- und vorbestimmten Regeln.

Das mag hochgestochen klingen, zumal die meisten Experimente eher bescheiden daherkommen und natürlich nicht mit den Idealen der Aufklärung fuchteln. Doch eben um die geht es hier im Kern, um die Hoffnung auf das Nichtentfremdete. Den Simulationen des Computers begegnet das Phæno mit den Wundern des Realen, es strebt nach dem unverstellten Blick auf das Tatsächliche, es lädt ein zum Tasten, Begreifen, zur eigenen Erfahrung.

Auch das ist neu für VW-Wolfsburg, das immer Fließband bedeutete, Arbeitsteilung, Leben in klaren Bahnen. Im Phæno-Wolfsburg ist vieles ungeklärt und ungerichtet, da ist Intuition gefragt und Spielfreude. Mit Malochertum hat das kaum etwas zu tun, und just darum geht es der Stadt. Sie will sich vom übermächtigen Autowerk emanzipieren, nur deshalb leistet sie sich das Science Center für 79 Millionen Euro. Sie setzt den aufstrebenden Schornsteinen der Industriezeit ihr quer schießendes Signal der Wissensgesellschaft entgegen.

Ganz so frei und absichtslos, wie man zunächst meinen könnte, ist es im Phæno also doch nicht. Das Museum dient ökonomischen Interessen, es soll eine neue Fortschrittidee formen, soll den Menschen vorbereiten auf die vage Zukunft. Auch die Architektur von Hadid ließe sich so begreifen, auch sie scheint uns auf den Umgang mit dem Ungewissen einzuschwören, auf eine Welt, der alle Raster verloren gehen. Ganz halt- und prinzipienlos ist dieser Bau jedoch nicht. Im Gegenteil: Er entwickelt eine erstaunliche Dialektik der Einbindung.

Bis vor ein paar Jahren plante Hadid noch Häuser, in denen alles zersprang und barst. Eine Ästhetik der Brüche, des verlorenen Weltzusammenhangs, prägte diese Bauten. Im Phæno nun überwindet sie die Splitterlust und begeistert sich mit einem Mal für das Ganzheitliche. Obwohl der Bau sich windet und wölbt, sich verkantet und mächtig aus dem Lot gerät, hat Hadid es doch darauf angelegt, dass alles mit jedem verschmilzt. Sogar bautechnisch sollte das so sein, zum Entsetzen der Statiker und Betonbauer. Hadid wollte ein Haus ohne Fugen, ohne Nähte, ohne Brüche. Und so entstand das Gebäude – dank Spezialbeton – als eine Skulptur aus einem Guss.