Diese konzertierte Aktion ist gründlich gescheitert. Thomas Darnstädt, Redakteur des Spiegels und Sprecher der Mitarbeitergesellschaft, und die Tochter des Gründers, Franziska Augstein, stehen schlechter da als vorher. Denn der, den es wieder einmal ultimativ treffen sollte, sitzt nach 14 turbulenten Tagen fester denn je auf seinem Stuhl als Spiegel- Chefredakteur. Stefan Aust, das 59-jährige Multitalent, hat in der jahrelangen Auseinandersetzung mit hausinternen Widersachern einen entscheidenden Sieg errungen. Nach den Gesellschaftern berät am späten Mittwochnachmittag die Mitarbeiter-KG in der Kantine am Fuß den Spiegel-Hochhauses in Hamburg. BILD

Erste Rückblende zum Verständnis. Es war Rudolf Augstein selbst, der den überaus erfolgreichen Chef seines Fernsehablegers Spiegel TV gegen manche Warnung aus der Belegschaft im Dezember 1994 als Chefredakteur von Deutschlands bedeutendstem Nachrichtenmagazin inthronisierte. Aust sorgte in der von der Focus- Krise gebeutelten Redaktion (Hubert Burda hatte die erste ernst zu nehmende Konkurrenz auf den Markt gebracht) sogleich für frischen Wind, für andere Themen, für überraschende Akzente und für neues Selbstbewusstsein. Jüngere Redakteure kamen ans Ruder, altgediente stolperten über leichtfertige Recherchen.

Einer der Letzteren war der Jurist Thomas Darnstädt, der in Personalunion auch der Mitarbeiter-KG vorstand, die eine Hälfte aller Spiegel-Verlagsanteile ihr Eigen nannte. Das war ein Geschenk von Rudolf Augstein gewesen, der auf dem Höhepunkt der 68er-Debatte den Redakteuren über Mitbesitz eine allzu weitgehende Mitbestimmung abgekauft hatte. Seine Degradierung durch Aust hat Darnstädt nie verwunden.

Dieser Stefan Aust also, das oft beschriebene Wunderkind mit dem brennenden Willen zum Aufstieg, hatte die vorerst ultimative Stufe seiner rasanten Karriere genommen. Vom Redakteur (St. Pauli Nachrichten, Konkret) über den Bestsellerautor (Baader-Meinhof-Komplex), den Filmemacher (Deutschland im Herbst) und Fernsehreporter (Panorama) bis hin zum Unternehmer, der die Spiegel TV- Produktion aufbaute, die heute Millionen zum Verlagsgewinn beisteuert.

Klar, der Mann ist ehrgeizig und kann autoritär sein. Klar, der Mann vergisst über allem seine höchst eigenen Interessen nicht. Klar, der Mann lässt sich – einmal in der Spur – so leicht von niemandem bremsen. So wird auch das Chefbüro beim Spiegel sicher nicht sein letztes sein. Und wen sollte wundern, wenn ein journalistischer Berserker wie er Neid auf sich zieht und der ein oder andere sich ihm in den Weg zu stellen sucht.

Rückblende zwei. Im November 2002 stirbt Rudolf Augstein und hinterlässt eine Satzung, die der Redaktion ihre Freiheit garantiert, seinen Kindern aber, die ihn so gern auch publizistisch beerbt hätten, den Einfluss auf den Spiegel nimmt. Er hatte geregelt, dass sie von seinem "Sturmgeschütz der Demokratie" einen Punkt abgeben mussten und fortan nur noch über 24 Prozent verfügen sollten. Das eine Prozent ging je zur Hälfte an die Mitarbeiter-KG und an den Teilhaber Gruner + Jahr, der nun über 25,5 Prozent verfügt. Augstein wollte immer, wie er Vertrauten erzählte, dass sich seine Kinder Franziska und Jacob durch eigene Leistung in den Spiegel hineinschrieben und nicht dadurch, dass er ihr Vater war.

Wesentliche Entscheidungen in der Spiegel-Verlagsgesellschaft müssen mit 75-Prozent-Mehrheit getroffen werden. Damit sind die Erben, unter ihnen die beiden hoch begabten Journalisten, ohne Zugriff auf Inhalt und Personal. Was lag da näher für sie, nachdem auch Klagen gegen die Satzung keinen Erfolg gebracht hatten, als den Schulterschluss mit der Mitarbeiter-KG zu proben.

Der Fuß sollte in der Tür bleiben, und die erbitterte Gegnerschaft zu Stefan Aust eskalierte. Denn der hatte im Spiegel nach dem Tod des Gründers geschrieben: "Nach ihm kann und wird es keinen Herausgeber geben, der diesen Titel verdient. Die Schuhe sind zu groß. Sie sich anzuziehen wäre eine Anmaßung." Der Traum der Kinder, einmal selbst als Herausgeber des Spiegels zu amtieren, war damit fürs Erste erledigt.

Keine Überraschung demnach, wenn die beiden fortan danach trachteten, den ungeliebten Chefredakteur loszuwerden. Da dieser aber das Magazin äußerst erfolgreich durch die große Pressekrise führte (keine Auflagen- und nur überschaubare Anzeigenverluste), eröffnete sich erst eine Chance, als vor Jahresfrist Austs Vertragsverlängerung anstand. Mitarbeitergesellschaft und Erben entfesselten zeitgleich eine einmalige öffentliche Kampagne, die schon damals grob geschäftsschädigend war. Persönlichkeitsverletzend war sie außerdem. Der Streit endete mit einem Teilerfolg der Erben, Austs Vertrag wurde zwar um fünf Jahre verlängert, kann allerdings schon nach drei Jahren gekündigt werden.

Ein Burgfrieden wurde auch danach nicht geschlossen – keine einfache Situation für den Chefredakteur. In dieser Zeit des permanenten Wahlkampfes in Berlin kehrte der von Aust verantwortete Spiegel zur frühen Augsteinschen Blattphilosophie zurück und griff ohne Rücksicht auf Verluste an, vor allem die Regierenden. Unter Führung des Berliner Büroleiters Gabor Steingart wurde des Gründers Kampfspruch "Im Zweifelsfall eher links" immer öfter in sein Gegenteil gewendet. Das deutsche Nachrichtenmagazin agierte wirtschaftsliberal. Geblendet von trügerischen Meinungsumfragen, nach denen Rot-Grün unwiderruflich abgewählt werde und Angela Merkel ein triumphaler Sieg ins Haus stehe, vergaß das Magazin gar die alte journalistische Tugend, vermuteten Mehrheitsmeinungen erst zu folgen, nachdem sie auf Plausibilität abgeklopft wurden.

Überraschend auch die plötzliche politische Nachbarschaft zu Bild und FAZ, zu stern und Focus. Die gemeinsame Botschaft war: Hier die Heilsbringerin Angela Merkel, dort der Versager Gerhard Schröder. Die Artikel waren gelegentlich derart obsessiv aufbereitet, dass Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass davon sprach, der Kanzler solle fertig gemacht werden. Zitat: "So auf Vernichtung angesetzt habe ich selten etwas erlebt."

Rückblende drei. Tatsächlich hat es in den Wahlkämpfen der Nachkriegszeit nie eine solch geschlossene Medienphalanx gegen einen amtierenden Kanzler gegeben. Zwar waren auch Willy Brandt und Helmut Kohl in den Medien umstritten. Aber bei beiden polarisierten und differenzierten sich die Blätter untereinander. Springer und Bauer-Verlag, FAZ und Sonntagspresse gegen Brandt; Spiegel, stern, ZEIT, Süddeutsche kontra Kohl. Bei Gerhard Schröder und Joschka Fischer dagegen mühten sich nur noch wenige um Neutralität.

Dass der Wähler sich am Ende anders entschieden hat, ist beruhigend und zur Genüge bekannt – und sollte Verlegern wie Journalisten zu denken geben. Aber das ist eine andere Geschichte, die noch nicht richtig geschrieben wurde, denn in der allgemeinen Niederlage nicht nur der Demoskopie, sondern auch des Rotten-Journalismus reichte es nur zu einer zaghaft geführten Debatte über die Rolle der Medien.

Dabei war die deutsche Presse schon immer stärker darin, Dritte vorzuführen, als in der Kunst, sich selbst infrage zu stellen. Das gilt für den Springer-Verlag mit Bild ebenso wie für Focus und FAZ, für Spiegel oder stern. Spiegelbildlich gilt es aber auch für so manchen Politiker. Es sind nicht nur die Journalisten, die gelegentlich unfair arbeiten. Das Sprichwort "Wer austeilt, muss auch einstecken können" ist im Umgang von Politik und Medien leider aus der Mode gekommen.

Nach dem desaströsen Wahlergebnis und den wiederholt angestimmten Klageliedern prominenter Politiker machten sich auch Thomas Darnstädt und Franziska Augstein Mut und ritten eine neue Attacke gegen Aust. Statt dabei in Ruhe und Gelassenheit zu argumentieren, packten sie die Keulen aus. Darnstädt sprach öffentlich von "Qualitätsmängeln" beim Spiegel, ohne dass er je vorher die Chance der Montagskonferenz, die wöchentlich die neueste Ausgabe einer Heftkritik unterzieht, zu einer offenen Aussprache genutzt hätte.

Dann folgte der Affäre gröbster Fehlgriff. Der Streit sollte in die Gesellschafterversammlung getragen werden. Ein Eckpfeiler jeglicher inneren Pressefreiheit ist es aber, politische Auseinandersetzungen oder gar Richtungsdebatten in den Redaktionen auszutragen. Besonders für unabhängige Chefredakteure ist das eine unabdingbare Arbeitsvoraussetzung, und zwar bei allen Blättern. Denn Diskussionen außerhalb der Redaktion werden meist zweckorientiert geführt und enden leicht in "Wünschen" oder "Weisungen". Mit Weisungen aber, gar mit Einzelweisungen, ist keine freie Redaktion zu führen – der Spiegel schon gar nicht.

Thomas Darnstädt war in seinem manischen Kampf gegen Stefan Aust ein weiteres Mal gegen die Wand gelaufen. Die Redaktion solidarisierte sich mit ihrem Chef, denn mit "Qualitätsmängeln" sind ja vor allem die Redakteure angeklagt. Aust konnte sich unter dem Beifall der Kollegen und mit Hinweis auf die Spiegel- Satzung, also das Grundgesetz des Magazins, weigern, vor den Gesellschaftern Rede und Antwort zu stehen.

Kaum schwamm das Kind im Brunnen, setzte Franziska Augstein in einer Rede vor Verlegern in Berlin alarmistisch nach: "Ein objektiver Befund ist aber, dass unter der Ägide des jetzigen Spiegel- Chefredakteurs das Blatt seinen Platz als Leitmedium verloren hat (…). Er hat das Magazin zu einem geschwätzigen Blatt unter anderen gemacht. Der Fisch stinkt vom Kopf."

Spätestens da war die Debatte, die in der Redaktion und nicht im Gesellschafterkreis hätte geführt werden müssen, aus dem Ruder gelaufen. Erstmals seit Jahrzehnten verbündeten sich die Ressortleiter wieder. Diesmal geschlossen gegen Franziska Augsteins "Rundumschlag". Sie erinnerten an die "üppigen Millionengewinne", die auch die Erben kassieren. Sie appellierten an "ihre Verantwortung" und mahnten, dass "Eigentum – auch wenn man es geerbt hat – verpflichtet". Selbst der Mitarbeitergesellschaft blieb nur noch, sich zu distanzieren.

Wie sehr Franziska Augstein sich in Aust verbissen hat, machte eine andere Passage ihrer heftigen Rede klar. In ihr prangert sie an, dass 1998 ein wichtiger und notwendiger Spiegel- Titel über ein geplantes neues Gesetz zum Lauschangriff zu wenig Resonanz gefunden hätte – ohne Austs Rolle darin zu erwähnen. Hätte sie recherchiert, dann wüsste sie nämlich, dass es Stefan Aust war, der die besagte Titelgeschichte gegen dieses Gesetz dem Herausgeber Rudolf Augstein abtrotzen musste. Der wollte lieber Hillary Clinton auf dem Cover sehen. Die Ressortleiter des Spiegels werden davon gewusst haben. Sie übermittelten ihrem Vormann eine Ergebenheitsadresse: "Der Spiegel steht … glänzend da, seine Auflage liegt konstant bei 1,09 Millionen Exemplaren…, er ist das meistzitierte Medium der Republik."

Was aber ist aus dieser jüngsten "Spiegel"-Affäre zu lernen?

Erstens haben Thomas Darnstädt und Franziska Augstein die angelaufene Debatte im Spiegel zur eigenen Rolle im Wahlkampf durch eigensüchtige Interventionen im Keim erstickt. Was besonders schade ist.

Zweitens haben sie dem Magazin einmal mehr einen Teil seines Nimbus geraubt. Was vielleicht gewollt war.

Drittens ist der sowieso schon starke Chefredakteur Stefan Aust noch ein bisschen stärker geworden, und es wird ihm noch leichter fallen, eines Tages – wie immer wieder gemunkelt wird – das Blatt zu verlassen, um beispielsweise auf den TV-Vorstandssessel beim Springer-Verlag mit der Zuständigkeit für Sat.1/ProSieben/N24 zu wechseln. Was den Spiegel in eine Krise stürzen würde.

Manfred Bissinger, 65, war Gründer, Chefredakteur und Herausgeber der "Woche". Heute arbeitet er als Geschäftsführer des Hoffmann und Campe Verlages