Draußen auf dem Land nordöstlich von Hildesheim, wo die Erde so schwer und schwarz ist wie nirgendwo sonst in der Republik, stehen die Rübenburgen. Mächtige, backsteinerne Bauernhäuser sind das, so groß wie kleine Schlösser, gebaut vor mehr als hundert Jahren, in einer Zeit, als sich mit der Arbeit auf den Feldern gutes Geld verdienen ließ. Damals gab es noch keinen Weltmarkt und keine Welthandelsorganisation. Die Europäische Union war noch nicht da und die Europäische Zuckermarktordnung schon gar nicht.

Aber die Bleckwenns, die waren schon da.

Jedes Jahr im Herbst, wenn die Tage kürzer und die Nächte kälter werden, holt Helmut Bleckwenn, 46, Bauer in neunter Generation, die Zuckerrüben aus dem Acker. So wie einst sein Ururgroßvater, sein Urgroßvater, sein Großvater, sein Vater. Er sieht die Sonne aufgehen und die Sonne untergehen, er arbeitet 16 Stunden am Tag, und wenn es dunkel wird, knipst er die Scheinwerfer an. Anders als seine Vorfahren arbeitet er nicht mit den Händen, sondern mit den Fingern. Bleckwenn tippt auf Sensoren. Zweieinhalb Meter hoch sitzt er im Führerhaus des 420.000 Euro teuren selbstfahrenden sechsreihigen Rübenroders. Vom Bordcomputer gesteuert, schlägt die High-Tech-Maschine den Rüben die Blätter und die Köpfe ab, zieht sie aus der Erde, klopft den Schmutz ab und transportiert sie nach hinten in den großen Vorratsbehälter, den die Bauern Bunker nennen.

Helmut Bleckwenns Felder gehören zu den fruchtbarsten in Deutschland. Pro Stunde erntet er 50 bis 80 Tonnen. So viel wie kein Bleckwenn vor ihm. Trotzdem wird er der erste sein, der von der Rübe nicht mehr leben kann. Denn mit dem billigen Zucker aus Zuckerrohr kann er nicht konkurrieren. Gegen das warme Klima und die niedrigen Löhne der Tropen kommt auch der sechsreihige Rübenroder nicht an.

Bis jetzt konnte Helmut Bleckwenn das verschmerzen. Anders als Software- oder Autohersteller sind die Zuckerbauern vor der weltweiten Konkurrenz geschützt. Die Europäische Union garantiert ihnen einen festen Preis für die Zuckerrüben. So steht es in der Europäischen Zuckermarktordnung. Bis jetzt.

Manchmal, wenn er über den Rübenacker fährt, schaltet Helmut Bleckwenn das Radio ein. Deutschlandfunk. So verfolgt er seit Monaten, wie im fernen Brüssel, am Sitz der EU-Kommission, und im noch ferneren Genf, am Sitz der Welthandelsorganisation WTO, ein Kampf stattfindet. Ein Kampf, bei dem es um seine Zukunft geht und um die von Millionen weiteren Zuckerbauern in Afrika, Asien und Lateinamerika. Ein Kampf, bei dem sich auf den ersten Blick die reichen und die armen Länder gegenüberstehen. Und der auf den zweiten Blick offenbart, dass die Welt nicht mehr nur zwischen Nord und Süd geteilt ist. Dass sich die ökonomischen Abbruchkanten längst auch durch die Südhalbkugel ziehen.

In der kommenden Woche wollen die 25 Agrarminister der EU nun die neue Zuckermarktordnung verabschieden. Der Garantiepreis für Zucker soll um 40 Prozent sinken. Zwar hat die EU angekündigt, den Bauern bis zu 60 Prozent des Einkommensverlustes zu ersetzen. Aber in vielen Fällen wird das nicht reichen, um die Höfe weiterzuführen. Helmut Bleckwenn sagt, die Bauern in seiner Gegend seien auf die Rübe angewiesen. "Hier gibt es keine Molkereien, hier gibt es keine Schlachthöfe, hier gibt es nur Zuckerfabriken." Eine steht in Sichtweite seiner Felder.

Früher hatten die Bauern in Bleckwenns Dorf eine Wahl. Wer die Landwirtschaft aufgeben musste, ging zum Arbeiten in die Stadt, zum Elektronikhersteller Blaupunkt. Aber heute? "Heute gibt es hier nirgends mehr Jobs", sagt Helmut Bleckwenn.

Und deshalb sind die Leute draußen auf dem Land nordöstlich von Hildesheim, wo die Erde so schwer und schwarz ist wie nirgendwo sonst in der Republik, auf die Politiker in Brüssel nicht besonders gut zu sprechen.

Brüssel. Sie kann mit Kühen umgehen, sie weiß, wie man einen Stall ausmistet und wann der Winterweizen vom Feld muss. Sie hat das von klein auf gelernt. Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen.

Trotzdem hat sie den Entwurf unterschrieben.

Mariann Fischer-Boel ist 62 Jahre alt, trägt weiße Haare und schwarze Brille, früher war sie dänische Landwirtschaftsministerin, seit einem Jahr sitzt sie als Agrarkommissarin in der EU-Kommission. In ihrem Büro im zwölften Stock des Berlaymont-Gebäudes in der Brüsseler Innenstadt hat sie den Plan für die Neufassung der Europäischen Zuckermarktordnung unterzeichnet. Seitdem landen in ihrem Briefkasten die Protestbriefe der Zuckerbauern. Seitdem hält sie Verteidigungsreden. Gibt Interviews. Benutzt immer wieder diese eine Metapher, die alles andere als diplomatisch ist, aber besonders diplomatisch war Mariann Fischer-Boel noch nie. Sie mag keine Entschuldigungen, keine Beschwichtigungen. Sie sagt: "Wenn ein Baum einen kranken Ast hat, schneidet man ihn besser bald und sauber ab – bevor der Sturm kommt. Langfristig macht das den Baum stärker."

Der Baum, das ist die europäische Wirtschaft. Der kranke Ast, das sind die 325.000 europäischen Zuckerbauern.

Jahrzehntelang hat es die Europäische Union wenig gekümmert, ob die Bauern teuer oder billig produzierten, ob der Ast krank war oder nicht. Hauptsache, er trug Früchte. Den Süßhunger der Europäer sollten die Europäer stillen. Zum Wohle der Bauern, zum Wohle der Dörfer. Ob Privathaushalt, Konditorei oder Süßwarenkonzern, wer in der EU Zucker verbrauchte, musste den hohen Garantiepreis bezahlen. So befahl es seit 1968 die Europäische Zuckermarktordnung. Zwar kostete der künstlich verteuerte Zucker die europäischen Verbraucher nach einer Untersuchung des Europäischen Rechnungshofes 6,5 Milliarden Euro im Jahr. Aber so blieben die Bauernhöfe profitabel. Sie produzierten sogar Jahr für Jahr mehr Zucker, als die Europäer essen konnten. Den Überschuss warfen sie auf den Weltmarkt und machten dort all jenen Konkurrenz, die den Zucker eigentlich weit billiger produzieren können: den Afrikanern, Asiaten und Lateinamerikanern. Den Ländern des Südens.

Bis vor anderthalb Jahren. Damals beschlossen Brasilien, Thailand und Australien, dieses System nicht länger zu akzeptieren. Zu oft hatten sie, wenn es um Autos oder Maschinenbauteile ging, von den Europäern gehört, wie wichtig freier Wettbewerb sei. Sie klagten in Genf bei der Welthandelsorganisation gegen die europäischen Zuckerexporte. Und sie gewannen. Jetzt muss die EU ihre Exporte um 4,6 Millionen Tonnen reduzieren. Jetzt müssen die europäischen Rübenbauern mit weniger Geld auskommen. Sie haben den Kampf verloren.

Aber wer hat ihn gewonnen?